Richard Wossidlo : „Hochverehrte, gnädige Frau...“

Im Weinbergschloss in Waren wohnte Richard Wossidlo, hier lagerte zu seinen Lebzeiten auch seine Sammlung. Fotos: Familienarchiv Krempien & Westendorff/Archiv Schulzentrum Barth
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Im Weinbergschloss in Waren wohnte Richard Wossidlo, hier lagerte zu seinen Lebzeiten auch seine Sammlung. Fotos: Familienarchiv Krempien & Westendorff/Archiv Schulzentrum Barth

Richard Wossidlo pflegte eine umfangreiche Korrespondenz – viele Damen hüteten die Briefe bis ins hohe Alter

svz.de von
10. Juni 2016, 00:00 Uhr

Wie war der berühmte Volkskundler Richard Wossidlo privat? Sein Urgroßneffe Wilfried Krempien hat sich auf die Spurensuche begeben. Nach dem Verhältnis Wossidlos zu dessen Familie (MM 13. Mai 2016) stellt er heute vier Frauen in den Mittelpunkt, die in Wossidlos Leben eine wichtige Rolle spielten.

Richard Wossidlo pflegte zahlreiche Brieffreundschaften, so mit Luise Schering, geb. Rose (1874-1945) aus Grabow, der Lehrerin Hanna Wilhelm-Knothe (1908-2005) aus Vietgest, der Tochter des Buchdruckers und Zeitungsverlegers Elisabeth Reimers, später verh. Jacobi (1896-1967) aus Waren und der Lehrerin und Dr. Priorin Katharina von Hagenow (1882-1952) – um nur einige zu nennen. Das erste Zusammentreffen und der spätere Briefwechsel mit Wossidlo haben bei den Frauen immer einen starken Eindruck hinterlassen. Sie hüteten seine Briefe nachweislich bis ins Alter.

Eine Episode über Wossidlo wurde mir von der ehemaligen Kantorin Lieselotte Jacobi (1920-2016) brieflich und mündlich 2010 über ihre Mutter Elisabeth Jacobi geschildert. Elisabeth war die Tochter des Buchdruckers und Inhabers der Warener Zeitung Ernst Reimers. Wossidlo diktierte ihr einmal in der Woche im Verlagsgebäude in der Grünen Straße in Waren seine umfangreichen Beiträge, die von Elisabeth dann für den Druck korrigiert und in ein „ordentliches“ Niederdeutsch gebracht wurden. Im Brief vom 20. August 2010 schrieb Lieselotte Jacobi mir über ihre Mutter und Richard Wossidlo unter anderem: „Sie kamen sich näher, weil Richard Wossidlo sie fragend bat, ob er auch seine persönlichen Büchertexte diktieren dürfte, ihr, der Elisabeth selbstverständlich“. Es entwickelte sich eine vertrauensvolle Zusammenarbeit. So hielt Wossidlo eines Tages bei dem Vater Ernst Reimers um die Hand seiner Tochter an. Diesem „Heiratsantrag“ entgegnete der Verleger diplomatisch mit den Worten: Seine Tochter wäre noch zu jung für ihn. Wossidlo war im Alter von 56/57 Jahren und Elisabeth 19 Jahre alt.

Über die Vorsitzende des Grabower Frauenvereins, Luise Schering, geb. Rose, mit der Wossidlo im Jahre 1926 einen Briefwechsel begann, schrieb mir die Enkelin, Elisabeth Stolzenburg aus Grabow: „Sie war eine Tochter des Brauereibesitzers Reinhard Rose aus Grabow, Vorsitzende des Grabower Frauenvereins und hinterließ einen bleibenden Eindruck. Sie stellte sich ihr Leben lang den kulturellen Belangen ihrer Heimatstadt. Sie unterrichtete junge Mädchen in Plätt-, Koch- und Säuglingskursen, schrieb Artikel für die Heimatzeitung und leitete einen Theaterzirkel. Mit Leidenschaft schrieb sie auch Gedichte.“

Wossidlo wählte oft in den Briefen die Anrede „Hochverehrte, gnädige Frau!“ und in der Grußformel „In vollkommener Hochachtung Ihr sehr ergebener Richard Wossidlo“. So stand der Autor auch mit der Wossidloverehrerin, Trägerin der Heinrich-Schliemann-Medaille und ehemaligen Lehrerin Helga Böge aus Waren, die vom Unterricht bei Dr. Karl Gratopp und der Lehrerin Hanna Wilhelm, später verh. Knothe, schwärmte, im Briefwechsel und persönlichen Kontakt. Hanna Wilhelm-Knothe muss Wossidlo in schweren Zeiten, als er in das Fahrwasser des Dritten Reiches geriet, mit Kraft und Mut beigestanden haben. Überliefert ist folgende Episode: In der Nazizeit besuchte die Lehrerin Hanna Knothe Wossidlo im Weinbergschloss, der niedergeschlagen vor einem Brief vom Reichsführer der SS, Heinrich Himmler, saß. Himmler wirkte auf Wossidlo ein, dass er alle Sagen wendischen Ursprungs auf germanische Quellen umzudeuten habe: „Dazu werden sie mich nicht bringen“, so Wossidlo mit fester Stimme, und weiter, „... nun nicht traurig sein“, er ergriff ihre Hand, „und lass uns nun fröhlich sein.“

Erst im Alter entschied sich Richard Wossidlo 1929 endlich, auf Drängen von Dr. Hermann Teuchert (1880-1972), Prof. für Niederdeutsch, seine Zettelsammlung für das gewaltige Vorhaben „Das Mecklenburgische Wörterbuch“ aufzuarbeiten und bereitzustellen. Teuchert hatte 1920, Jahre zuvor, auch den Wossidlo angebotenen Lehrstuhl an der Universität Rostock übernommen. Wossidlo hatte aufgrund seiner volkskundlichen Forschungen das Angebot der Universität abgelehnt. Die Verhandlungen zum „Mecklenburgischen Wörterbuch“ beider Wissenschaftler gestalteten sich als äußerst schwierig. Da konnte die bei den Verhandlungen eingebundene studierte Lehrerin und Priorin, Katharina von Hagenow, helfen. Mit ihrem diplomatischen Geschick erzielte sie eine gütige Einigung. Sie wurde für Wossidlo eine absolute Vertrauensperson.

Katharina von Hagenow, die seit 1929 mit am Mecklenburgischen Wörterbuch arbeitete, war bereits bei der ersten Begegnung von Richard Wossidlo und seiner gewaltigen Leistung, die in den Zettelkästen und Schränken geborgen lag, zutiefst beeindruckt. Sie fuhr nun drei Jahre lang alle vier bis fünf Wochen mit Schätzen aus den Zettelkästen, jeweils verstaut in zwei Koffern, zur Abschrift mit dem Zug von Waren nach Rostock und zurück. „Große Anregung und Vertiefung verdanke ich dem sich auf diese Weise entspinnenden Verkehr, viele köstliche Stunden durfte ich mit dem alten Herrn verleben, dessen Interesse und Arbeitsfreudigkeit stets Ansporn war“, schrieb sie und weiter: „Die Briefe des Meisters aus jener Zeit sind für mich ein bleibendes Andenken...“

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Biografie:

Richard Wossidlo wurde am 26. Januar 1859 in Friedrichshof bei Tessin geboren und starb am 4. Mai 1939 in Waren. Von 1876 bis 1882 studierte er in Rostock, Leipzig und Berlin Klassische Philologie. Anschließend bekam er eine Anstellung an der Stadtschule in Wismar und später als „wissenschaftlicher Hülfslehrer“ am Gymnasium in Waren. Bereits als junger Student begann er, intensiv Sagen, Märchen, Rätsel aus Mecklenburg zu sammeln. Wossidlo machte schon früh auf sich aufmerksam durch seine ersten Veröffentlichungen, u.a. die „Mecklenburgischen Volksüberlieferungen“ in vier Bänden oder die Sagenbände.
Nach seiner Pensionierung konnte sich Wossidlo voll auf das Sammeln und Publizieren konzentrieren. Seine Aktivitäten weiteten sich auch auf das Sammeln von materieller Volkskultur aus. Seine legendäre Zettelwand, die über zwei Millionen Zettel umfasst, befindet sich neben seinem Nachlass im Institut für Volkskunde in Rostock.
Mit dem „Mecklenburgischen Wörterbuch - Wossidlo und Teuchert“, das auf seinen Sammlungen basiert, hat sich Wossidlo sein Denkmal in Mecklenburg und darüber hinaus gesetzt.



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