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Zuchthaus Dömitz : „Hochschule des Verbrechens“

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Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Im Dömitzer Zuchthaus sollten sich Bettler, Arbeitsscheue und Hausierer bessern. Freiwillige durften nach Brasilien auswandern

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erstellt am 01.Apr.2017 | 00:00 Uhr

Für Menschen, die leichtere Vergehen begangen hatten, wurden in früheren Zeiten Zuchthäuser errichtet. Zu den „Kandidaten“ gehörten Arbeitsscheue, Bettler, Hehler, Hausierer und Dirnen. Im Zuchthaus mussten die Insassen arbeiten. Sie sollten im Sinne des Staates „gezüchtigt“ werden.

Diese Art des Strafvollzuges findet sich erstmals in Amsterdam. Die ersten deutschen Zuchthäuser entstanden in Bremen (1609), Lübeck (1613), Hamburg (1622) und Danzig (1629).

Mit dem Umbau des ehemaligen Brau- und Backhauses aus dem 16. Jahrhundert zum Zuchthaus, dem größten Gebäude auf der Festung Dömitz, wurde im Frühjahr 1755 begonnen. Im März 1757 war die Anstalt, nun ein Doppelgebäude mit schma-lem Innenhof, fertig. Gleichzeitig brachte man in einer Einrichtung auf engstem Raum mit den Kriminellen auch psychisch Kranke unter. Erst 1801 wurden diese in das eigens auf der Festung erbaute „Tollhaus“ überführt. 1832 verlegte man einige „Idioten“, wie man damals sagte, in die Heilanstalt Sachsenberg bei Schwerin. Aber noch bis 1873 waren Pfleglinge der Irrenanstalt in Dömitz.

Im Dömitzer Zuchthaus waren bis zu 170 Sträflinge – Frauen, Männer und Jugendliche – gleichzeitig untergebracht. Sie wurden nach Arbeitsfähigkeit gruppiert und mussten verschiedene Tätigkeiten verrichten: Spinnen, Weben, Schustern, Schneidern, Sticken und Körbe flechten. Durch schonungslose Ausbeutung der Züchtlinge und den Verkauf der fertigen Produkte erzielte der Herzog allein in den Jahren 1782 bis 1804 einen Gewinn von 44 800 Talern.

Die Dömitzer Anstalt wies sehr viele Mängel auf. Von einem geordneten Strafvollzug konnte keine Rede sein. Nach der Entlassung wurden sehr häufig Häftlinge als Rückfalltäter wieder eingeliefert, da die gesellschaftlichen Verhältnisse eine Resozialisierung weitgehend ausschlossen. Nicht ganz zu Unrecht wurde die Dömitzer Anstalt deshalb als „Hochschule des Verbrechens“ bezeichnet. Sie war zugleich Strafanstalt, Landesarbeitshaus, Irrenanstalt, Fürsorgeheim für Kranke und Sieche sowie Erziehungshaus für verwahrloste Jugendliche. 1775 wurde eine eigene Pfarrstelle eingerichtet, die bis 1841 bestand. Als Festungsprediger amtierten gewöhnlich die zweiten Pastoren an der Stadtkirche. Friedrich Wilhelm Carl Held, ein Sohn des Zuchthausinspektors, war als Letzter von ihnen von 1829 bis 1841 dort tätig.

Das Begräbnisregister der Festungskirche nennt in der Zeit von 1787 bis 1873 (wo-bei die Jahrgänge 1813 bis 1815 fehlen) 580 verstorbene Personen. Als älteste Insassin des Zuchthauses starb 1803 Anna Krause aus Dömitz mit 103 Jahren, mit 91 Jahren 1831 Jacob Nehls aus Christiana in Norwegen. Er starb an „Entkräftung“ – neben „Auszehrung“ und „Wahnsinn“ eine der am häufigsten genannten Todesursachen. Allein 1804 starben in Dömitz 25 Häftlinge, im Jahre 1800 waren es 23 und 1803 dann 21 Insassen. Noch 1873, im letzten Jahr der Dömitzer Einrichtung, verstarben neun Personen.

Wegen der ständigen Überbelegung der Dömitzer Strafanstalt kam der mecklenburgischen Regierung ein Angebot aus Brasilien gerade recht. Pedro I., von 1822 bis 1831 Kaiser von Brasilien, förderte seit 1824 die Einwanderung deutscher Migranten in den Süden seines Landes. Auf der Grundlage eines Vertrages zwischen Mecklenburg und Brasilien wurden 1824/25 insgesamt 132 auswanderungswillige Strafgefangene aus dem Zuchthaus Dömitz als Kolonisten nach Brasilien entlassen. Mecklenburg finanzierte den Transport der Auswanderungswilligen bis Hamburg, Brasilien die Überfahrt.

Den ersten Transport am 24. Juni 1824 begleitete ein Dömitzer namens Tessmann. In Südamerika angekommen, trat er als Unteroffizier der 3. Kompanie des deutschen Jäger-Regimentes in die Dienste des Kaisers von Brasilien. Der zweite Transport, am 6. Dezember 1824, bestand aus 98 Personen aus dem Zuchthaus. Dazu kamen zwei Personen aus der Stadt. 1825 wurde eine dritte Auswanderergruppe zusammengestellt. Sie bestand aus 17 Kriminal- und Militärver-brechern aus dem Stockhaus und neun Männern und sechs Frauen aus dem Zucht-haus. Nicht selten wurden die Sträflinge bei der Abschiebung von Familienangehörigen begleitet. Bereits in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts gab es Bestrebungen, Sträflinge in die „Neue Welt“ zu transportieren.

1776 meldeten sich 14 Zuchthäusler aus Dömitz, freiwillig nach Amerika zu gehen und dort in englische Militärdienste zu treten. Sie hatten erfahren, dass der König von England, Georg III., Soldaten für den Krieg gegen die nordamerikanischen Kolonien anwerben ließ. Auch 1778/79 soll es zur Anwerbung für „Rekrutentransporte“ in Dömitz gekommen sein. Ob die „Züchtlinge und Sklaven“ aus Dömitz wirklich nach Übersee gelangten und als englische Söldner im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg kämpften, lässt sich nicht mit Bestimmtheit sagen.

Die unhaltbaren Zustände sowie das Ausbleiben eines einträglichen Gewinns im 19. Jahrhundert, die Zunahme an Straftaten und das Bestreben der Regierung, Spruch- und Vollzugsinstanz nach Bildung des Kriminalkollegiums in Bützow (1812) an einem Ort zu vereinen, veranlassten die mecklenburgische Regierung zur Verlegung des Zuchthauses. Nachdem einige Insassen des Tollhauses bereits nach Schwerin-Sachsenberg verlegt worden waren, wurden ab 1843 Sträflinge des Zuchthauses in die in den 30er-Jahren des 19. Jahrhunderts errichtete Landesstrafanstalt Bützow-Dreibergen überführt.

Die Festung Dömitz, im 19. Jahrhundert militärisch bedeutungslos, hatte nun auch ihre Funktion als Strafvollzugsanstalt eingebüßt. 1894 verließen die letzten Soldaten die Festung und bezogen die Garnison in Schwerin. Die Festung wurde seitdem zivil genutzt und das ehemalige Zuchthaus um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert abgerissen.


 

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