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Geschichte des Radsports in schwerin : Hoch zu Rad ins Freizeitglück

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Vom Preiskorso 1897 bis zu Problemen mit rasenden Radlern: Wie der Radsport nach Schwerin kam

Im ausgehenden 19. Jahrhundert wurde das Fahrrad immer beliebter. Jetzt gründeten sich auch in Schwerin die ersten Radsport-Vereine, darunter der Radfahrerverein von 1886 und Germania, gegründet am 1. August 1895. Ihnen folgten Greif (1896) und Wanderer (1899). Die beiden letztgenannten, die später miteinander fusionierten, gelten als Vorläufer des Schweriner Radsport-Vereins.

Die Sportvereine waren wie heute in überregionalen Verbänden organisiert, wobei damals auch der soziale Status eine Rolle spielte. 1896 wurde in Leipzig der Arbeiter-Radfahrer-Bund Solidarität gegründet, während der 1884 gegründete deutsche Radfahrerbund eher das bürgerliche Lager vertrat. 1897 fand in Schwerin der Frühjahrsgautag des Deutschen Radfahrerbundes statt, der vom Mitgliedsverein Germania ausgerichtet wurde. Zu Gast waren Vereine aus Lübeck, Wismar, Goldberg und Parchim. Der Schweriner Radfahrerverein von 1886 war, obwohl gar kein Bundesmitglied, freundlichst eingeladen und mit all seinen Mitgliedern erschienen.

Nach der gemeinsamen Sitzung in Niendorfs Hotel in der Wilhelmstraße, heute Zum Bahnhof, sollte auch den Schwerinern etwas geboten werden. Auf dem Luisenplatz vorm Bahnhof stellten sich nahezu 200 Radfahrer zur Teilnahme am Preiskorso auf. Korso-Wettbewerbe unter Radsportvereinen waren zu jener Zeit sehr beliebt. Die Teilnehmer fuhren dabei neben- und hintereinander durch die Stadt, geschmückt mit ihren Vereinsfarben. Bewertet wurden die Gleichmäßigkeit der Kleidung, die Ausschmückung der Räder und das Mitführen von Wimpeln und Fahnen. Angeführt von einem Viergespann der Grenadierkapelle folgten dem Zug in Schwerin das Vereinskomitee und die Sektionen der Vereine. Allen voran und allgemein bewundert fuhr der Bannerträger von Vorwärts Lübeck auf seinem Hochrad. Der Korso zog vom Luisenplatz durch die Alexandrinenstraße, die Kaiser-Wilhelm-Straße (heute Mecklenburgstraße) und durch die Schmiedestraße zum Markt, weiter über Königs- und Schloßstraße zum Alten Garten. Den ersten Preis, ein wertvolles Trinkhorn, erwarb Vorwärts. Der mit 42 Punkten am höchsten gewertete Radfahrverein Schwerin 1886 kam nicht in die Wertung , da er kein Verbandsmitglied war. Für diese Leistung und für die Unterstützung erhielt der Verein ein dekoratives Schreibservice und den ausdrücklichen Dank aller Beteiligten. Die rege Teilnahme der Schweriner an diesem Verbandstag sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie durchaus ihre Probleme mit den Radfahrern hatten. Eifrig besprochen wurden diese in der Tagespresse. Genervt waren viele Schweriner Fußgänger auf der Promenade nach Zippendorf vom ewigen Geklingel. „Hört man die Klingel, so muss man sich sofort umsehen, wie weit der betreffende Radfahrer von einem entfernt ist und wohin man ausbiegen soll“, heißt es zum Beispiel. Auch in der Stadt die selben Klagen: „In rasendem Tempo geht’s von der Münzstrasse den Ziegenmarkt hinunter zur Amtsstrasse, teilweise setzen die Radfahrer sogar dabei die Füße vorne aufs Rad, das ist doch gefährlich“, so ein empörter Leser. Der bekannte Schweriner Buchhändler und Verleger Ludwig Davids war auf Radfahrer gar nicht gut zu sprechen. Regelmäßig stellte er sich ihnen in den Weg, bis einer derselben ihn eines Tages auf dem Arsenalberg erfasste und umfuhr.

Auch außerorts wurde mit den Radfahrern nicht zimperlich umgegangen. So wurde gelegentlich eines Radrennens im Juli 1897 auf der Strecke Schwerin-Ludwigslust „von böswilliger Hand die Fahrbahn der Chaussee in der Gegend des Ortkruges mit Schuhnägeln bestreut“. Nicht wenige fuhren sich einen Platten ein. Die ständig wachsende Zahl der Radfahrer auf den Straßen machte es erforderlich, Regeln aufzustellen. Im Juni 1896 erschien die „Verordnung betreffend den Verkehr mit Fahrrädern auf öffentlichen Wegen“. Jedes Fahrrad musste mit einer Hemmvorrichtung und einer helltönenden Glocke versehen sein, bei starkem Nebel oder Dunkelheit war die Benutzung einer hellbrennenden Laterne vorgeschrieben. Innerhalb von Ortschaften musste langsam gefahren werden und marschierenden Militärabteilungen, fürstlichen Equipagen, Leichen und anderen Aufzügen die Vorfahrt gewährt werden. Mit Beginn der Massenproduktion in Fabriken im ausgehenden 19. Jahrhundert wurde das Fahrrad auch für den kleinen Mann erschwinglich, der Absatz stieg. Kein anderes Gewerbe schaltete so große und fantasievoll gestaltete Anzeigen in der Tagespresse. Clemens Haberecht pries sein Unternehmen in der Schulstraße 5 als das „erste Mecklenburgische Fahrradgeschäft“ an. Schon 1873 gegründet, handelte Haberecht mit altbewährten Marken wie Dürkopps Diana, Gebrüder Reichsteins Brennabor, Opels Victoria Blitz und auch Alliance Fahrrädern. Max Pieper in der Lindenstraße vertrieb Schadlitz Fahrräder aus Dresden, während in der Fahrradgroßhandlung von Friedrich Brinkmann am Marienplatz 9 Adler, Germania und Humber angeboten wurden. Brinkmann bot auch Unterricht im Radfahren „für Damen und Herren auf meiner abgeschlossenen völlig ungenierten Fahrbahn“ am Marienplatz an.

Detlev Dietze

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