Schwerin : Hobbyforscher löst „Fall Holsten“

Erfolgreiches Ende einer Suche: Professorin Ewa Pajewska zeigt im Archiv der Stettiner Universität die Kästen mit den 20 000 von Holsten zusammengetragenen Karteikarten.
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Erfolgreiches Ende einer Suche: Professorin Ewa Pajewska zeigt im Archiv der Stettiner Universität die Kästen mit den 20 000 von Holsten zusammengetragenen Karteikarten.

Der Schweriner Wilfried Krempien spürt in Polen die pommersche Flurnamensammlung des Volkskundlers Robert Holsten auf

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15. Januar 2016, 00:00 Uhr

Wilfried Krempien ist zufrieden. Ihm ist es gelungen, in mühevoller Recherchearbeit die Flurnamensammlung des Greifswalder Volkskundlers Robert Holsten aufzuspüren – und damit das pommersche Pendant zu Richard Wossidlos Datenschatz wiederzufinden. „Das war manchmal ein regelrechter Krimi“, sagt er, denn viele Spuren führten ins Leere. Doch er blieb hartnäckig – wie immer, wenn er sich für eine Sache begeistert. Der Schweriner, zuletzt als Regierungsamtsrat im Sozialministerium tätig und inzwischen im Ruhestand, beschäftigt sich seit Jahren mit Archäologie und Geologie, Paläontologie und Familienforschung.

Auf die Spur der Sammlung brachte ihn der Zufall: In einem Zeitungsbeitrag las Krempien über Robert Holsten und dessen Tätigkeit. Der Lehrer und Volkskundler tat in Pommern das, was Richard Wossidlo in Mecklenburg machte: Er sammelte regionale Bezeichnungen, Sitten und Gebräuche, die ihm seine „Zuträger“ aus allen Kreisen Pommerns überbrachten.

Da Krempien zu Wossidlo eine enge Beziehung hat – die Familien sind miteinander verwandt und sein Vater war einer von dessen Zuarbeitern – wurde ihm das Thema schnell zur Herzensangelegenheit. Was war aus der Flurnamensammlung geworden – diese Frage stellte sich der Schweriner. „In einem 1963 erschienenen reprografischen Nachdruck ,Die Pommersche Flurnamensammlung‘ steht, dass die originalen Karteikarten verloren gegangen sind“, sagt Wilfried Krempien. Eine weitere Information besagte jedoch, dass die Sammlung während des Krieges aus dem Keller von Holstens Haus geborgen und in Stettin eingelagert worden war. Später folgte dann der Hinweis, dass die Karten von dort in den 1960er Jahren ans germanische Institut in Poznan gelangten. „Die Philologin Dr. Renate Hermann-Winter hat sie dort noch gesehen“, weiß Krempien, der hier anknüpfte und in Poznan mit der Suche begann.

Zuerst allerdings erfolglos, denn das Interesse an dem Thema war gering. Doch Krempien, der bei seinen Recherchen sogar Bundespräsident Joachim Gauck um Hilfe bat, blieb hartnäckig: Er begann mit der Auswertung polnischer Literatur und achtete hier auf Hinweise zu pommerschen Flurnamen. Daraus ergab sich eine Spur, die von Poznan ans Institut für Slawistik der Polnischen Akademie in Warschau führte. Dorthin war die Sammlung gelangt und zwischenzeitlich sogar vom Schredder bedroht gewesen – aus Platzgründen, als sich das Institut räumlich verkleinern musste. Zu diesem Zeitpunkt hatte jedoch die Professorin Dr. Alexandra Belchnerowska eingegriffen und die von Holsten zusammengetragenen Karteikarten und Messtischblätter zurück nach Stettin gebracht.

Diese Nachricht erhielt Krempien im August 2014 aus Warschau. Prof. Belchnerowska, die zu diesem Zeitpunkt schon pensioniert war, vermittelte den Kontakt zu der Professorin Ewa Pajewska von der Stettiner Universität. Nach vier Jahren Suche, unzähligen Briefen und Mails, Fahrten zu Archiven und anderen Recherchen war es im Oktober 2015 endlich soweit: Prof. Pajewska zeigte Wilfried Krempien im Archiv der Stettiner Universität die Karteikästen mit der Sammlung Robert Holstens.

„Ich bin glücklich und dankbar zugleich, diese kostbaren Archivalien in tadellosem Zustand vorgefunden zu haben“, sagt Krempien, für den die Sammlung ein Kronjuwel der pommerschen Geschichte darstellt. In den 43 Kästen befinden sich alphabetisch geordnet 20 000 Karteikarten mit Flurnamen der einzelnen Kreise Pommerns.

Robert Holsten, 1862 in Langenhanshagen südlich von Barth geboren, legte 1880 in Stralsund das Abitur ab und studierte in Leipzig und Greifswald alte Sprachen. Der promovierte Philologe war anschließend als Lehrer in mehreren Städten tätig, bevor er 1907 Direktor des Gymnasiums in Pyritz, dem heutigen Pyrzyce in der polnischen Woiwodschaft Westpommern, wurde. Holsten, der später in Stettin und nach dem Krieg bis zu seinem Tod 1954 in Greifswald lebte, machte sich als renommierter Volkskundler einen Namen. In seiner „Flurnamenkommission“ trugen Lehrer und Pastoren aus ganz Pommern Informationen zusammen. Diese Materialfülle ist es unter anderem, die Holstens Sammlung so bedeutsam macht.

Flurnamen sind Namen, die Landschaftsteile wie Äcker, Wiesen und Weiden bezeichnen. Oft sind sie nur innerhalb eines Dorfes bekannt und wurden lange Zeit mündlich von Generation zu Generation überliefert. Für die Forschung bieten sie ein großes Erkenntnisreservoir.

Der Direktor des Instituts für Volkskunde der Universität Rostock, Dr. Christoph Schmitt, bezeichnete Krempiens erfolgreiche Initiative als Glücksfall der deutschsprachigen Toponomastik. War die Idee, ein Flurnamenarchiv für ganz Mecklenburg-Vorpommern zu schaffen, bisher am Fehlen von Holstens Sammlung gescheitert, ist dies jetzt möglich geworden. Mit einem gemeinsamen Archiv würde außerdem die Arbeit der beiden Volkskundler Wossidlo und Holsten , die sogar miteinander verwandt waren, zusammengeführt werden.

An Dr. Schmitt will Wilfried Krempien den „Fall Holsten“ nun abgeben. Der Schweriner kann sich gut eine Zusammenarbeit zwischen den Universitäten Rostock und Stettin unter Einbeziehung des Stettiner archäologischen Museums vorstellen, in dem die Messtischblätter aufbewahrt werden. Außerdem sieht er weitere Impulse für die Forschung und die Zusammenarbeit von deutschen und polnischen Doktoranden.

Und Krempien plant schon die nächsten Forschungen: Seit 2000 verwaltet er das Familienarchiv Krempien & Westendorff, dessen Akten genealogisch bis in die Lutherzeit zurückreichen. Sein Wunsch ist es, die Geschichte seiner Familie aufzuschreiben und dabei interessante Ahnen besonders darzustellen. Zu den mehr als 100 Veröffentlichungen des 70-Jährigen könnte also noch einiges dazukommen.

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