Einer der ältesten Berufe : Hirten galten als kluge Menschen

Schäfer und ihre Herden sind in  Mecklenburg rar geworden.
Schäfer und ihre Herden sind in Mecklenburg rar geworden.

Im 17. und 18. Jahrhundert entwickelte sich in Mecklenburg ein vielseitiges Hirtenleben. Die Schäfer galten als treffsichere Wetterpropheten.

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11. Dezember 2013, 18:55 Uhr

Einer der ältesten Berufe in der Geschichte der Menschheit ist der Hirte, also jener Mann, der Aufsicht über eine Herde hat. Da das Vieh - meist Ziegen und Schafe, die bereits im 7./8. Jahrtausend v. Chr. dominiziert wurden - zumeist der wichtigste Reichtum einer Familie war, wurde auf deren Schutz allergrößten Wert gelegt. Schaf und Ziege lieferten neben Fleisch und Milch auch Wolle, Häute, Felle und Dung zum Heizen. Besonders ausgedehnt war diese Tierhaltung im alten Griechenland und in Kleinasien. Frühe Zeugnisse dazu liefert die Bibel. Der spätere König David, zuvor Hirte und Dichter, fasste seine Beziehung zu Gott in dem heute noch lebendig gebliebenen Psalm 27 zusammen: „Der HERR ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Er lagert mich auf grünen Auen, er führt mich zu stillen Wassern“.

Erinnert sei zudem an den Hirtenbrief in der katholischen Kirche, an die „Gemeindeschäfchen“, die der Pastor (lat. für Hirte) zusammenhalten muss. Bekannt ist die Hirtenflöte, die Panflöte, vorwiegend im Altertum in Griechenland gespielt und aus sieben neben einander gefügten Röhrchen bestehend. Angeblich vom Hirtengott Pan erfunden. Zurück nach Deutschland in das 17./18. Jahrhundert, wo sich gleichwohl ein vielfältiges Hirtenleben entwickelt hatte. Man unterschied mittlerweile zwischen Eigenhirten und Gemeindehirten - der erstere besaß eigenes Vieh, der zweite hütete es nur für die Gemeinde. Auch die Aufteilung war weit fortgeschritten. Es gab Ziegen-, Lämmer-, Gänse-, Schweine-, Kälber- Kuh- und Pferdehirten, die – wenn es sich nicht um ein Gutsdorf handelte – von allen Dorfbewohnern gemeinsam unterhalten wurden. Wer des Nachts Aufsicht über die Tiere im Freien hatte, war dann der Nachthirte.

Die Weidezeit begann in Mecklenburg meist am 23. April zum Georgstag und endete zum Martinstag am 11. November. Der Heilige Georg (um 303 gestorben) war der Schutzpatron für Bauern, Feldarbeiter und Haustiere. Um den 23. April ranken sich viele Bauernregeln wie etwa „Auf St. Georgs Güte, stehen alle Bäum' in Blüte“.

Der Hirte führte die Tiere auf die Weide, nach der Ernte auch auf die Stoppelfelder, gelegentlich in den Wald zur Eichelmast für die Schweine. Er suchte an heißen Tagen schattige Plätze für seine Tiere, und er war auch der Helfer in der Not und musste sich auf die „Vieharzneikunst“ verstehen. Bei Krankheiten und kleineren Operationen war sein Wissen und Können gefragt, und in seiner Hirtentasche lagen die entsprechenden Geräte und Naturmedikamente immer griffbereit. Er fertigte die Heilsalben selbst an, sammelte Heilkräuter, wusste um die Wirkung der Pflanzen und Kräuter und war auch bei den Dorfbewohnern wegen seiner Kenntnisse in der Volksmedizin gefragt. Ferner war der Hirte oder auch der Schäfer mit einem langen, leicht gebogenen Hirtenstab meist aus Haselnuss-Holz ausgerüstet, der am unteren Ende eine starke Krümmung aufwies. Ganz wichtig als Helfer und Beschützer gegen wilde Tiere war der Hirtenhund, der die Herde zusammen hielt. Dem Hirtenstab wurde oft eine besondere Zauberkraft zugesprochen. Er sollte, auf der Weide in den Boden gesteckt, das Vieh zusammen- halten und die Unholde vertreiben, um nur ein Beispiel zu nennen. Der Hirtenstab wurde so zum Berufszeichen, ähnlich wie der Stab des Bischofs ein Zeichen seiner Macht darstellt.

Die Hirten fertigten ihre Flöten selbst aus einem Weidenstab an, und sie gehörten in Mecklenburg zu den ältesten Dorfmusikanten. Zu diesen gehörten ferner andere Hirten mit anderen Instrumenten – die Kuhhirten mit Hörnern, die Schweinehirten mit Schalmeien. Zudem wurden eifrig die Knarren geschwungen. Höchste Achtung bei den Bauern erfuhren die Pferdehirten, die Obacht auf das kostbarste Gut der Landwirte gaben, auf das unersetzbare Pferd. In der Gutsherrschaft Damshagen bei Grevesmühlen gab es um 1820 jeweils einen Pferde-, Schweine- und Kuhhirten sowie den Schäfer mit einem Schäferknecht. Die Hirten gehörten zu den Ärmsten im Dorf. Daher wurden sie zu Weihnachten von den Bauern mit besonderen Geschenken bedacht, so mit einer Spickgans und einem zwölfpfündigen Brot.

In der Gesindeordnung von 1654 hieß es: „Einem Hirten sol nach eines jeden Dorffes und Viehes größe, Vielheit und Gelegenheit, eine solche Unterhaltung an Deputat, Korn und Wohnung vermacht werden, daß er zu leben habe...“ In jedem mecklenburgischen Dorf gab es bis etwa zum 19. Jahrhundert eine mehr oder weniger große Hirtenkate, wo der Hirte und die Hirten mit ihren Familien untergebracht waren. Auf der untersten Rangordnung stand der Hirtenjunge, noch schulpflichtig, der im Sommerhalbjahr vom Schulunterricht befreit wurde und hauptsächlich Kühe und Schafe zu hüten hatte.

Dem Hirten wurden besonders vom 16. bis zum 19. Jahrhundert, gelegentlich bis weit in die Neuzeit, besondere Gaben zugesprochen. Er kannte das Wesen der Natur und der Naturgeister, er konnte die Herde „bannen“ und lenken, und er bewies oft seine Kunst als treffsicherer Wetterprophet, nachdem er über lange Zeiten Wolken und Wind, das Verhalten der Tiere, Abendrot und Morgenrot beachtet und gedeutet hatte. Hirten und später besonders Schäfer wurden in den Augen der Mitwelt als weise und kluge Menschen mit höherem als menschlichem Wissen ausgestattet angesehen. Ihnen wurden geheimnisvolle Gaben und Kräfte zugesprochen. Erzielte der Schäfer mit seinen Heilkräutern schon eine große Wirkung, wurde diese erst wirklich wirksam, wenn er dann den Kranken „besprochen“ hatte. Auch räucherte er Häuser und Stallungen aus, um das darin wohnende Böse zu vertreiben.

Mit der Weiterentwicklung in der Tierhaltung von der Weidewirtschaft zur Stallfütterung ging die Zahl der Hirten immer mehr zurück. Außerdem hat sich die Anzahl der Schafe in Deutschland und besonders in Mecklenburg-Vorpommern in den letzten Jahren stark reduziert. Die Wirtschaftsgrundlage für die Schafzucht ist knapp geworden.

Der starke Bestandsabbau erfolgte einmal durch Agrarreformen und Tierkrankheiten und dadurch, dass die Wolle nicht mehr gefragt war, der Fleischbedarf durch Importe aus Neuseeland gedeckt wird und nicht aus eigenem Aufkommen. Deutschland liegt bei der Eigenerzeugung an Schaffleisch fast am Ende der EU-Staaten. Kein Wunder, wenn man sich die Zahlen für Mecklenburg-Vorpommern ansieht. Hier ging der Schafbestand von 112 000 Tieren (2001) auf 67 500 Tiere (2011) zurück. Mit dem Verschwinden der Tiere und Schäfer geht auch ein stimmungsvolles und friedliches Bild auf den heimischen Wiesen verloren, das viele Mecklenburger schätzen und liebgewonnen haben.


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