Entbindungsstation Plate : Hilfe für Babys und junge Mütter

„Kinderwagenparkplatz“ vor dem Hause Goetze  Fotos: privat
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„Kinderwagenparkplatz“ vor dem Hause Goetze Fotos: privat

825 Jahre Plate – Geschichten aus der Chronik: Die Entbindungsstation von Hanneliese Goetze

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08. März 2016, 09:53 Uhr

„Peter, aufwachen! Es geht los, du musst zu Frau Schultz“. Wir sind im Jahr 1949. Peter ist elf Jahre alt. Seine Mutter, Hanneliese Goetze, betreibt in ihrem Haus in der Banzkower Straße in Plate eine Entbindungs-und Wöchnerinnenstation. Es ist Nacht, ein Kind will auf die Welt. Und Peter muss los, Hebamme Schultz aus Banzkow Bescheid sagen. Durch die Nacht mit dem Fahrrad.

„Ich glaube, da war gar kein Licht dran, aber manchmal schien ja der Mond“, erinnert sich Peter Goetze. „Ich war stolz, weil ich so eine Verantwortung hatte, und sehr stolz auf meine Mutter“. Im dritten und vierten Jahr nach dem Krieg stieg auch in Plate die Geburtenrate beträchtlich an. Nur wohnten viele werdende Mütter in sehr beengten, oft noch elenden Quartieren und mit mehreren Personen in einem Raum. Das erschwerte die übliche Hausgeburt und die Wöchnerinnenpflege.

Und so erklärte sich Hanneliese Goetze aus der Häuslerei 14 bereit, einen Raum ihres Hauses für die jungen Mütter zur Verfügung zu stellen. Als Kriegerwitwe hatte sie selbst zwei Kinder durchzubringen, Peter und seine jüngere Schwester Rotraut. Die Gemeindevertretung war hocherfreut, bekräftigte das Vorhaben mit einem Beschluss, und los ging es, ein 24-Stunden-Dienst. Ein Telefon gab es erst sehr viel später, daher die Fahrradspurts ihres Ältesten zur Hebamme. Und als die Entbindungsstation 1953 schloss, wurde auch das Telefon wieder abgeklemmt.

Bis dahin wurden 104 Kinder bei Hanneliese Goetze geboren. Für die Pflege und die Beköstigung einer Wöchnerin und des Neugeborenen gab es für Hanneliese Goetze 6 Mark pro Tag und für Bettwäsche, anstatt einer Kostenerstattung, wenigstens einen Bezugsschein. 1953 war das staatliche Gesundheitswesen so weit, die meisten Schwangeren zu betreuen. Die Entbindungsstation in der Banzkower Straße wurde geschlossen.

Dafür eröffnete die sozial engagierte Hanneliese Goetze eine Pflegestelle für Kinder alleinstehender Mütter. Heute kaum vorstellbar: Die Kinder lebten ständig – einzelne über Jahre – im Hause Goetze. „Manchmal nur ein Kind, manchmal sogar vier“, erinnert sich Peter Goetze und tippt auf das Bild mit den drei Kinderwagen. „Sie waren wie unsere Geschwister, und mit der jungen Dame links haben wir heute noch herzlichen Kontakt“.

An seine Mutter denkt der heute 78-Jährige mit großer Hochachtung. Sie war eine von den Frauen, die sich mühsam und mit Anstand durchgeschlagen haben, so hat er sie erlebt. Zwei Monate vor Kriegsende hatte sie die Nachricht erhalten, dass ihr Mann gefallen war. Nicht aufgeben, für die Kinder sorgen. Und für andere. Das Elend im Nachkriegsdeutschland war groß. Aber Hanneliese Goetze scheute sich nicht, in der Seuchenbaracke zu helfen, warb in der Wohnungskommission für die bessere Unterbringung der Flüchtlinge und betrieb ihre Entbindungsstation „wirklich mit Herzblut“, sagt Peter Goetze. „Den Mut hat sie nie verloren“.

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