Reformation in MV : Herzogin Anna stellt sich quer

Herzogin Anna widersetzte sich der Reformation in Mecklenburg.
Herzogin Anna widersetzte sich der Reformation in Mecklenburg.

Die Mutter Johann Albrecht I. widersetzte sich der Reformation in Mecklenburg – ihr Sohn verweigerte ihr ein katholisches Begräbnis

svz.de von
28. Oktober 2017, 00:00 Uhr

„Hier an der Sagsdorfer Brücke wurde die Reformation vom ständischen Landtag in Mecklenburg eingeführt am 20. Juni 1549“ – so ist auf einem Gedenkstein zu lesen, der ca. drei Kilometer von Sternberg entfernt an der Warnow-Brücke steht. Das klingt einfach. Ob es wirklich so einfach war mit der Reformation in Mecklenburg?

In der neugotischen Dorfkirche Barnin, einer Filialkirche zu Crivitz, finden sich in den Glasfenstern einige Medaillons, die aus dem mittelalterlichen Vorgängerbau übernommen wurden. Eines erinnert an Michael Bramburg, den ersten evangelischen Pastor in der Gemeinde. An der Stadtkirche Crivitz wurde er Anfang des Jahres 1561 in sein Amt eingeführt – also mehr als elf Jahre nach dem 20. Juni 1549! Warum so spät?

Die Gründe dafür sind wohl kaum bei den Crivitzer Bürgern zu suchen. Die Reformation hatte sich in den Städten früh durchgesetzt. 1525 erschienen in Rostock in niederdeutscher Sprache das erste evangelische Gesangbuch und ein Katechismus von Joachim Slüter. In Lübeck wurde 1534 die von Bugenhagen ins Niederdeutsche übertragene Lutherbibel in Druck gegeben und in den Handel gebracht. Seit dem 1. April 1531 feierte man in allen Kirchen Rostocks lutherische Gottesdienste.

Im ländlichen Raum verbreiteten sich die neuen Lehren sicher langsamer. Die wenigsten Menschen konnten lesen, sie waren also auf das gesprochene Wort angewiesen. Ob in einer Gemeinde ein katholischer oder evangelischer Priester wirkte, hing weitgehend davon ab, wie weit sich der Patron der Kirche an den Beschluss des Landtags 1549 hielt.

Die regierenden mecklenburgischen Herzöge Heinrich V. und Johann Albrecht I. waren mit Nachdruck bestrebt, die neue Glaubensrichtung durchzusetzen. Man verwies katholische Priester des Landes und die Klöster wurden aufgelöst. Dagegen gab es natürlich Widerstand, vor allem in einigen Nonnenklöstern. Denn diese boten den unverheirateten Adelstöchtern auf Lebenszeit Existenzgrundlage und Heimat. In die Landesgeschichte eingegangen ist der „Nonnenkrieg“ von Dobbertin, wo sich die Damen handgreiflich gegen die Aufhebung wehrten. Die Nonnen erhielten Unterstützung von der Herzogswitwe Anna, der Mutter des regierenden Herzogs Johann Albrecht I.

Anna war die Tochter des Kurfürsten Joachim I. von Brandenburg und der dänischen Königstochter. Für ihre Mitgift von 20 000 Gulden hatte sie die Stadt und das Amt Lübz sowie das Amt Crivitz als „Leibgedinge“ erhalten, worüber sie frei verfügen durfte. Also war sie auch die Kirchenpatronin. Sie blieb dem katholischen Bekenntnis ihr Leben lang treu und bewirkte, dass in Crivitz erst 1561 eine evangelische Gemeinde entstehen konnte, deutlich später als in anderen Orten Mecklenburgs. Die Biographie dieser Frau gleicht einem großen tragischen Roman. Professor Friedrich Lisch schreibt: „Für die Reformationszeit in Mecklenburg ist das Leben der Herzogin Anna ungewöhnlich wichtig ... in diesem Leben widerspiegeln sich alle Größen und Schwächen jener Zeit.“

Anna von Brandenburg wird am 17. Januar 1524 in Berlin mit dem mecklenburgischen Herzog Albrecht VII., dem „Schönen“, verheiratet. Sie ist gerade 17 Jahre alt, er 38. In der Folgezeit versucht Albrecht vergeblich, die Königswürde in Dänemark und später in Schweden zu erlangen. Für diese Ziele stürzt er sein Land in riesige Schulden. Bei seinen diplomatischen Reisen begleitet ihn seine junge Frau, sogar als sie hochschwanger ist. Anna bringt insgesamt zehn Kinder zur Welt, alle haben einen anderen Geburtsort. Vier Kinder sterben kurz nach der Geburt. Das erlebt sie schon 1524 bei ihrem ersten Kind, dem Sohn Magnus. Im Jahr darauf wird Johann Albrecht geboren, 1527 Ulrich – die beiden späteren regierenden Herzöge zu Mecklenburg. Diese und der 1529 geborene Sohn Georg werden meist außerhalb des Elternhauses erzogen. Es erstaunt nicht, dass die junge Mutter zu diesen Kindern keine echte Bindung aufbauen kann. Eine enge Bindung entwickelt Anna erst zu den beiden jüngsten Söhnen Christoph (1537-1592) und Karl (1540-1610).

Annas Sohn Johann Albrecht (1525-1576) wird in der Kindheit zunächst katholisch erzogen, doch mit 13 Jahren zur Ausbildung an den Hof des evangelischen Kurfürsten Johann von Brandenburg geschickt. Danach studiert er an der Universität Frankfurt an der Oder. Als er nach dem Tod des Vaters 1547 die Regierung übernimmt, ist er also durch den Protestantismus geprägt und will das lutherische Bekenntnis in seinem Land weiter durchsetzen. Mit dem Landtag von 1549 bringt er dafür die Stände hinter sich.

Seine Mutter aber bleibt mit großer Beharrlichkeit ihrem alten Glauben treu. Sie wählt die Eldenburg in Lübz als Witwensitz und widmet sich ganz der Verteidigung des katholischen Bekenntnisses in ihren Ämtern Lübz und Crivitz, deren Besitz sie sich nachdrücklich bestätigen lässt.

Ohne herzogliche Erlaubnis reist Anna 1559 im tiefsten Winter nach Riga zu ihrem Sorgenkind Christoph. Er war dorthin als Koadjutor gekommen, das heißt als Anwärter für das Bischofsamt. Der unerfahrene 22-Jährige verhielt sich diplomatisch so ungeschickt, dass er in Gefängnishaft gekommen war. Die Mutter erreicht seine Freilassung nicht. Herzog Johann Albrecht I. nutzt ihre Abwesenheit und beauftragt seinen Berater Andreas Mylius, „einen evangelischen Prediger von Geist und Kraft“ für Lübz und Crivitz zu suchen. Anfang 1561 wird in Crivitz Michael Bramburg aus Bützow in sein Amt eingeführt.

Herzogin Anna setzt sich bis zu ihrem Tod am 19. Juni 1567 für die Bewahrung der alten Lehre ein. In ihrem Testament verfügt sie, dass sie nach katholischem Ritus in der Stadtkirche Lübz beerdigt werden soll. Herzog Johann Albrecht I. lässt seine tote Mutter nach Schwerin überführen, für eine Nacht macht der Leichenzug in Crivitz Station. Anna wird im evangelischen Dom beigesetzt, die Trauerrede hält ein evangelischer Pfarrer. Ein Grabmal für sie ist nicht bekannt.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen