Rostock : Hebräischstunden bei Dr. Tychsen

Das Hauptgebäude der Universität Rostock trägt ein Relief von Oluf Tychsen.
Das Hauptgebäude der Universität Rostock trägt ein Relief von Oluf Tychsen.

Wahl-Mecklenburger war Orientalist mit internationalem Ruf und Star-Professor der Universität Bützow: Vor 200 Jahren starb er in Rostock

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08. Januar 2016, 00:00 Uhr

Oluf Gerhard Tychsen stammte eigentlich aus Schleswig, machte in Mecklenburg als Gelehrter Karriere und war ein herausragender Orientalist, Universitäts-Bibliothekar und Universitäts-Professor. Er hinterließ mehrere Bände mit wissenschaftlichen Erkenntnissen, die die jüdische Geschichte neuzeitlich aufarbeiteten und die orientalische Sprachforschung vorantrieben, sowie eine bedeutende private Forschungsbibliothek, die in den Besitz der Universität Rostock überging. Tychsen gilt zudem bis heute als „Begründer der arabischen Paläographie“, weil er als Erster die Entzifferung der legendären Keilschrift auf den Weg brachte. Er wurde weltweit verehrt, in viele Akademien als Mitglied berufen und vom berühmten Admiral Lord Nelson als „wichtigster Mecklenburger“ angesehen. Mit seiner Hinterlassenschaft erreichte der Gelehrte auch über seinen Tod vor 200 Jahren hinaus bis in die Gegenwart in der Fachwelt eine große Nachwirkung.

Tychsen wurde am 14. Dezember 1734 in Tondern in Nordschleswig geboren, das heute auf dänischer Seite liegt. Sein Vater war Schneider. Erst der dritte geborene Sohn der Familie Tychsen überlebte die ersten Tage. Die Eltern tauften ihn auf die Vornamen Oluf Gerhard. Er besuchte nacheinander die öffentliche Stadtschule seines Geburtsortes, dann die Lateinschule und schließlich das Gymnasium in Altona, wo er wegen seiner guten Leistungen ein Stipendium erhielt. Am „Christianeum Academicum“ interessierte sich der junge Mann besonders für die Naturwissenschaften, die klassischen Altertümer und orientalische Sprachen. Dabei erschloss er sich durch den Unterricht beim Oberrabbiner Jonathan Eybeschütz auch den Talmud.

Ab 1755 studierte er nacheinander in Jena und Halle. Im Mittelpunkt seiner Studien standen Theologie, orientalische Literatur, Philosophie, Geschichte, Mathematik und Physik. 1757 erhielt Tychsen eine Anstellung als Aufseher im Waisenhaus in Halle, wobei er Johann Heinrich Callenberg auffiel, der ihn für sein „Institutum Judaicum“ gewann, um ihn als Judenmissionar auszubilden. Doch die ersten beiden Missionsreisen zu Fuß bis nach Kopenhagen und dann bis zum Rhein verliefen ohne Erfolg. Dafür erregte Tychsen mit seiner Sachkenntnis und Beredsamkeit Aufsehen. Er wurde Herzog Friedrich von Mecklenburg-Schwerin empfohlen, der ihn für die neue Friedrichs-Universität in Bützow verpflichtete. Bützow bildete den Ersatz für Rostock, das mit dem Herzog im Streit lag. So hielt Tychsen ab September 1760 im Bützower Schloss nach Erlangung der Magisterwürde Vorlesungen über die hebräische Sprache.

Durch Fürsprache des Gründungsrektors Döderlein bekam Tychsen mit nochmaliger Gehaltsanhebung Ende 1763 die Berufung zum o. Professor. Dazu heiratete er die um zehn Jahre ältere Adlige Magdalena Sophia von Tornow, die einige Tausend Thaler Mitgift in die Ehe brachte. Das änderte alles. Tychsen konnte fortan orientalische Schriften sowie Münzen sammeln, eine Privatbibliothek mit über 10000 Bänden anlegen, seine weiteren Schriften veröffentlichen und endlich ohne Not im Wohlstand leben. Sein Professorengehalt stieg auf 500 Reichsthaler. Dazu übernahm er aus eigenen Forschungsgründen die Leitung der Universitäts-Bibliothek, was zusätzliche 150 Reichsthaler eintrug. Zwischenzeitlich fungierte er im Ergebnis seines anerkannten Wirkens auch fünfmal als Rektor der Universität. Mit seinem Hauptwerk „Bützowische Nebenstunden… zur morgenländischen Gelehrsamkeit“ erlangte er auch internationale Anerkennung. Tychsen wurde in viele Akademien wie in Kopenhagen, Stockholm, Berlin, München, Kasan und Padua als Ehrenmitglied berufen. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass der begabte Gelehrte in Ludwigslust bei den Hofkünstlern das Kupferstechen erlernte und seine Schriften mit eigenen Kupferstichen illustrierte. Bei seinen Aufenthalten in Ludwigslust entwickelte sich zudem eine Freundschaft zum einflussreichen herzoglichen Mundschenk Karl Christian Cornelius, der ihn beim Herzog noch besser ins rechte Licht setzte. Mit Folgen. Friedrich der Fromme nahm bei Tychsen Unterricht im Hebräischen. Nun wollte jedermann bei Tychsen Hebräisch lernen. Der Gelehrte war jetzt der gefragteste Professor in Bützow. Selbst jüdische Gelehrte von Rang bewunderten ihn und sorgten für die Verleihung eines Rabbiner-Diploms sowie der jüdischen Magisterwürde.

Doch als Friedrich der Fromme1785 söhnelos starb, übernahm sein Neffe Friedrich Franz die Regierung. Mit Folgen. Der neue Herzog arrangierte sich mit Rostock, verlegte die Bützower Universität nach Rostock und schloss sie der nunmehrigen Landesuniversität an. Der Bützower Star- Professor verlor seine Sonderrolle, musste sich dem neuen Rektor Johann Caspar Velthusen unterordnen und machte aus seiner Enttäuschung keinen Hehl. Tychsen entschädigte sich mit dem Ausbau der Universitäts-Bibliothek auf über 28 000 Bände, der Gründung eines naturhistorischen Museums und mit dem Briefwechsel, den er mit internationalen Größen unterhielt. Als 1801 Lord Nelson mit der englischen Flotte vor Warnemünde ankerte, sorgte er für eine besondere Auszeichnung Tychsens. 1802 gelang Georg Friedrich Grotefend in Göttingen auf der Grundlage seiner Vorarbeit die „erste gelungene Übersetzung eines Keilschrifttextes“. Das befestigte den Gelehrten-Ruf des Wahl-Mecklenburgers. Zum 50jährigen Professoren-Jubiläum hagelte es auch aus Mecklenburg Ehrungen bis hin zur Erhebung zum Vizekanzler der Universität und Prägung einer goldenen Gedenkmünze. Eine Genugtuung für den nicht uneitlen Gelehrten, der bis zum letzten Atemzug tätig war und am 30. Dezember 1815 in Rostock starb.

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