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Flucht, Vertreibung, Neuanfang - Ihre Geschichte : „Hass und Rache sind mir fremd“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Otto Ringel aus Hagenow vermisst noch heute das Sudetenland: „Wir haben die Heimat nicht verloren wie einen Schlüssel, sie wurde uns gewaltsam genommen“

Es war der 8. März 1945, als mein Onkel in unsere Stube stürzte und rief: „Der Krieg ist zu Ende! Deutschland hat bedingungslos kapituliert. Eben ist es im Radio gekommen.“ „Gott sei Dank!“, sagte meine Mutter erleichtert. „Nun hat das sinnlose Morden endlich ein Ende.“ Und mein Vater fügte nachdenklich hinzu: „Jetzt beginnt ein neuer Feldzug, der Rachefeldzug gegen die Verlierer. Und das sind wir, die Deutschen.“ Vater hatte noch vor wenigen Tagen mit ein paar beherzten Männern die Panzersperre am Dorfeingang weggeräumt.

Ich verstand Vaters Worte nicht, dachte der Krieg sei vorbei und alles wird wieder seinen gewohnten Gang gehen wie zuvor. Bald schon sollten wir merken, dass nichts mehr so sein würde wie früher. Die Tage der Abrechnung konnten beginnen. Zu viel Hass hatte sich angestaut, zu viel Schuld hatte das deutsche Volk auf sich geladen. Ungeheuerliches passierte in den kommenden Wochen und Monaten. Mehrere Männer des Dorfes wurden von den kurz vor Kriegsende selbst ernannten tschechischen Partisanen umgebracht. Im nahen Steinbruch wurden Deutsche erschossen. Der Priester des Dorfes sowie seine Haushälterin wurden nach schweren Misshandlungen umgebracht. Selbst zwei Schulkinder fand man ermordet an einem Waldrand.

8. August 1945. Gegen neun Uhr abends wurde hart an unsere Haustür gepocht. Zwei Soldaten mit ihren Gewehren traten grußlos in die Stube. „Packen Sie ein paar Sachen zusammen! Nicht mehr als 25 Kilogramm. Sie haben 20 Minuten Zeit!“, befahl einer der Soldaten. Er sprach gutes Deutsch. Ein Kopfkissen, das mein Vater für den kleinen Sohn holte, nahm ihm der Soldat wieder weg. Keine Betten, lautete der Befehl. Eine halbe Stunde später schloss sich hinter uns die Haustür. Um uns war Nacht. Die beiden Soldaten brachten uns in den Saal der Gaststätte. Knapp 100 Dorfleute mussten in dieser Nacht ihre Häuser verlassen. Am Morgen erfolgte der Transport mit Pferdefuhrwerken in ein Arbeitslager bei der Kreisstadt Braunau.

Vierzehn Dorfbewohner mussten sich einen Raum in der Baracke teilen. Mehrere Bauernfamilien kamen ins Innere Tschechiens, wo sie auf fremden Bauernhöfen schwere Arbeit verrichten mussten. Mein Vater arbeitete als Klempnermeister bei einem tschechischen Handwerker. Er wurde gut behandelt. Unser Elternhaus war bereits einen Tag nach der Zwangsaussiedlung belegt.

Für uns folgte ein Jahr Arbeitslager. 365 lange Tage und Nächte voller Entbehrungen und Demütigungen. Meine Tante verkraftete die physischen und psychischen Belastungen des Lagerlebens nicht. Der Verlust der Heimat und der häuslichen Geborgenheit hatten ihr Leben zerstört. Sie starb im Lager am 24. Mai 1946. Anfang August ’46 wurde unsere sechsköpfige Familie dem nächsten Transport nach Deutschland zugeteilt. Auf dem Bahnhof stand ein Zug mit 40 Viehwaggons. 30 Personen mussten sich den Platz in einem Waggon teilen. Vier Tage und Nächte dauerte die Odyssee. Als der Zug am Abend hielt, lasen wir am Bahnhofsgebäude „Jessenitz-Werk Mecklenburg“. Wir waren also in der sowjetischen Besatzungszone. Niemand rief: „Nemci raus – Deutsche raus!“ Aber willkommen hieß uns auch niemand.

Wieder nahmen uns Baracken auf. Es folgten 14 Tage Quarantäne. Danach bekamen wir eine Einweisung in die Stadt Lübtheen. Mutter suchte die angegebene Adresse auf. Abweisend und wortkarg wurde geöffnet. „Wie viele Personen sind Sie?“ „Wir sind sechs.“ „So viel Platz habe ich nicht“, war die Antwort. Die Frau zeigte uns einen Raum von acht Quadratmetern. Bei aller Bescheidenheit, das ging wirklich nicht. Also zurück zum Marktplatz. Nach zwei Stunden kam eine Krankenschwester und ging mit uns wieder in die Breitscheidstraße. Sie überredete die Hauswirtin, bis sie uns ein größeres Zimmer überließ. Wer ist schon von solchen Zwangseinweisungen erbaut? Insofern kann man das Sträuben der einheimischen Bevölkerung verstehen.

Und wir? Unser Leid rührte sowieso kaum jemanden. Ein Zimmer mit drei Bettstellen und eine kleine Kammer waren nun unser neues Zuhause. Wohnen, Schlafen, Essen, Aufhalten und Spielen der Kinder, das alles musste in einem Raum möglich sein. Einmal kamen mitten in der Nacht zwei russische Soldaten mit umgehängten Kalaschnikows zu uns ins Zimmer. Wir schliefen schon und sie leuchteten mit einer Taschenlampe über unser Schlaflager. Als sie sahen, dass wir mit sechs Personen diesen engen Raum teilen mussten, gingen sie wieder.

Man hatte uns alles genommen, wir hungerten zusammen und litten zusammen, aber wir hatten uns. Keiner aus der Familie fehlte. Das erwähnte Mutter immer wieder voll Dankbarkeit. Mehr noch als wir Kinder litten unsere Eltern unter dem Verlust der Heimat. Sie hatten mehr als ihr eigenes Haus und ihre Existenz verloren. Die größte Hilfe in der schweren Nachkriegszeit hatte die Familie durch unseren Vater. Als Klempnermeister verstand er es, mit Blech umzugehen. Und in der Not zeigt sich der wahre Meister. Aus dem nahen Marinearsenal Jessenitz konnte er sich leere Kartuschen besorgen, in denen einst Granaten gesteckt hatten. Aus diesen Alu-Kartuschen fertigte er Kochtöpfe, Kannen, Eimer und anderes Geschirr. Ich frage mich heute noch, wie? Er besaß nur einen Hammer, einen Meißel, eine Blechschere und ein Stück Eisenschiene.

Ich selbst arbeitete mehrere Wochen als Hilfsarbeiter auf dem Bau, für 35 Mark in der Woche, dann bekam ich eine Aufforderung vom Arbeitsamt und musste als Demontagearbeiter auf dem Bunkergelände Jessenitz arbeiten. Wie ein Blitz aus heiterem Himmel traf mich ein Einweisungsbescheid zum Uranbergbau nach Aue/Schneeberg. Mehrere Freunde und Bekannte hatten ebenfalls Vorladungen erhalten. Viele gingen in den nächsten Tagen in den Westen. Ich nicht, die Familienbindung war stärker. Die Arbeit unter Tage war für meinen geschwächten ausgehungerten Körper unerträglich, so dass ich bald bei Nacht und Nebel davonlief. Ich tauchte bei Bekannten unter, bis man die Suche nach mir aufgab. Mehr als fünfzehn Jahre mussten vergehen, bis ich mit meinen Eltern das erste Mal eine Fahrt in unsere angestammte Heimat unternehmen konnte. Es war die eindrucksvollste und schwerste, von schmerzhaften Erinnerungen gekennzeichnete Reise. Wir haben vor 70 Jahren nicht unsere Heimat verloren, wie man einen Schlüssel verliert, sondern man hat uns die Heimat gewaltsam genommen. Und heute? Mein größter Wunsch ist ein friedliches und gutes Zusammenleben beider Völker. Hass und Rache sind mir fremd.

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