Verbrechen im 19. Jahrhundert : Haltet den Dieb!

Ein Dieb wird dingfest gemacht – laut dem Bericht des Stadt-Polizeiamtes Schwerin geschah dies 1836 genau 65-mal.  Repro: Gerds
Ein Dieb wird dingfest gemacht – laut dem Bericht des Stadt-Polizeiamtes Schwerin geschah dies 1836 genau 65-mal. Repro: Gerds

Die guten alten Zeiten waren beileibe nicht immer so gut, wie sie häufig in der Nachfolge erklärt werden. Das lässt sich angesichts der „Übersicht des Geschäftsbetriebes des Stadt-Polizeiamtes zu Schwerin im Jahre 1836“ leicht nachweisen

svz.de von
11. Dezember 2013, 19:08 Uhr

Die guten alten Zeiten waren beileibe nicht immer so gut, wie sie häufig in der Nachfolge erklärt werden. Das lässt sich angesichts der „Übersicht des Geschäftsbetriebes des Stadt-Polizeiamtes zu Schwerin im Jahre 1836“ leicht nachweisen: Neben den üblichen Arbeiten wie Berichte verfassen nahmen die Ordnungshüter in diesem einen Jahr 636 Menschen fest. An der Spitze der Arretierten standen so genannte Vaganten – also Menschen ohne festen Wohnsitz, die gern auch als Landstreicher, Strauchdiebe und Streuner bezeichnet wurden. Außerdem zählte man Trunkenbolde zu dieser Gruppe, die es 1836 auf 184 Festnahmen brachte. Es folgten 132 „Excedenten“, zu denen Ausschweifer, Händelstifter, Frevler, Gewalttäter und Streitsüchtige zählten. Arretiert wurden außerdem 108 Bettler, 65 Diebe und 34 Forstfrevler. In 49 Fällen lautete der Vorwurf auf nachgewiesene Unzucht und andere Unsittlichkeiten. In 17 Fällen war Schulversäumnis der Grund für das Eingreifen der Staatsgewalt, hier traf es Eltern, die es mit der Schulpflicht ihrer Kinder zu leicht nahmen. Außerdem schnappten die Beamten 16 Betrüger und Fälscher, nahmen sechs Schweriner wegen grober Dienstvergehen fest und vier Lehrlinge, die ihren Lehrherren davongelaufen waren. Zwei Festnahmen gab es wegen „beabsichtigten Mordes“. Kleinere Delikte wurden in dem Bericht ebenfalls aufgezählt: Tabakrauchen auf der Straße, unerlaubtes Schießen und die Störung der öffentlichen Ruhe gehörten dazu, außerdem ahndete die Polizei Übertretungen der Verordnungen, die an Sonn- und Feiertagen galten. Ein überaus vielfältiges Arbeitsgebiet der Polizei in Mecklenburg betraf das Pass- und Meldewesen. Für Schwerin bedeutete das im Jahr 1836, dass den 8500 in die Stadt reisenden Fremden entsprechende Aufenthaltskarten erteilt wurden, 121 Pässe für Bürger und 192 Wanderbücher für Handwerker ausgestellt werden mussten. Ferner kontrollierten die Polizisten im genannten Jahr fast 7000 Pässe und Wanderbücher und deckten dabei sechs Passfälschungen auf.

Genau wie heute waren damals schon die Polizeistrukturen recht vielfältig. So war zum Beispiel die Fremden- und Sicherheitspolizei für „Maßnahmen gegen Vagabonden, Bettler und Zigeuner“, für die „Abstellung der Bettelei“, für die „Unterhaltung der Armen und Verhütung aller Diebstähle“ zuständig. Sie hatte auf „Thor- und Grentzschreiber zu achten“, kontrollierte Wanderbücher der Handwerker und wurde in Zwangsarbeiter-Anstalten eingesetzt. So wurden 1836 von den als Herumtreiber, Trunkenbold und Bettler aufgegriffenen Schwerinern 122 in das Werk- und Armenhaus eingeliefert.

Die Sittenpolizei wiederum wachte - wie ihr Name schon sagte - über die Tugend der Bürger. Sie kam bei Unsittlichkeit und Unzucht zum Einsatz, griff bei gefährlicher Trunkenheit ein und beim lauten nächtlichen Umherschwärmen, besonders der „feilen Dirnen“.

Die Gewerbepolizei kontrollierte den Ausschank von Bier in Gast- und Wirtshäusern und achtete auf die Einhaltung der Polizeistunde, während die Teuerungs- und Marktpolizei Verordnungen über „Aufkäuferei, Hausierhandel, Tax-Ordnungen für Victualien, Maß und Gewicht“ zu kontrollieren hatte, Marktstättengeld eintrieb, die Statuten für den Handel mit Milch und Butter und den Verkauf von Brot und Semmeln wahrte und dafür sorgte, dass das Verbot des Brennens von Branntwein nicht übertreten wurde. Dabei galt besonderes Augenmerk den richtigen Maßen und Gewichten, denn so mancher Händler versuchte, seine Kunden zu übervorteilen.

Eines der umfangreichsten Programme hatte die Medizinal-Polizei zu absolvieren. Sie überwachte die Gesetze für Ärzte, Tierärzte, Apotheker, Hebammen und Heilgehilfen. Die Seuchen-Polizei, die beim Ausbruch von Krankheiten zum Einsatz kam und die Gesundheits-Polizei mit Aufgaben im Umfeld der Kanalisierung und Wasserversorgung, bei Kontrolle von Nahrungsmitteln und Schlachthäusern sowie in Abdeckerei und Frohnereiwesen gehörten dazu.

Um die „Trottoir- und Chaussee-Ordnung kümmerte sich wiederum die Straßen- und Wege-Polizei, der auch die Aufsicht über die Reinigung der Gassen oblag. Anfang des 20. Jahrhunderts kam dann die Überwachung des Verkehrs mit Kraftfahrzeugen hinzu, zu der auch die Beseitigung von Verkehrshindernissen und die Anlage und Erhaltung von Bürgersteigen gehörte. Natürlich griff die Polizei auch ein, wenn zu schnell fahrende Pferdefuhrwerke, betrunkene Kutscher oder überladene Wagen den Straßenverkehr gefährdeten. Feuer-Polizei und Bau-Polizei, Feld- und Forst-Polizei und Wasser-Polizei hatten ebenfalls spezielle Aufgaben bei der Wahrung der öffentlichen Ordnung und Sicherheit. Erheblich waren die Zahlen der durch Unglücksfälle umgekommenen Menschen im Land Mecklenburg-Schwerin.

Für 1837 listete das „Freimütige Abendblatt“ vom 14. April desselbigen Jahres Ursachen für die 237 unnatürlichen Todesfälle auf: 93 Menschen waren ertrunken. 12 wurden von Pferden erschlagen bzw. totgefahren, 51 starben durch Stürze oder wurden durch herabfallende Balken und Bäume erschlagen, vier wurden ermordet. Durch Unvorsichtigkeit erschossen wurden drei der Opfer, zwei waren an Bohnen erstickt und einer von einem Windmühlenflügel erschlagen worden.

Es gab aber auch andere Situationen, durch die Menschen zu Tode kamen: Sie verbrannten sich an siedendem Wasser und kochendem Essen, erstickten an Kohlenmonoxid, wurden von Bullen tödlich gestoßen, vom Blitz erschlagen, im Schlaf erdrücktund in Sandgruben verschüttet. Um diese traurige Bilanz zu vervollständigen, sei noch die hohe Zahl – 61 – der Selbstmörder genannt, die sich erhängt, erschossen, ersäuft oder sich selbst die Halsschlagader durchtrennt hatten.


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