Kriegsnagelungen : Hämmern fürs Spendengeld

So sah der Entwurf für die zu benagelnde Tür des Schweriner Doms aus.  Repro: Landesbibliothek MV
So sah der Entwurf für die zu benagelnde Tür des Schweriner Doms aus. Repro: Landesbibliothek MV

So genannte Kriegsnagelungen sollten helfen, verwundete Soldaten und Hinterbliebene finanziell zu unterstützen

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08. März 2016, 09:11 Uhr

In Zeiten der Not, wie sie die beiden Weltkriege des vergangenen Jahrhunderts hervorbrachten, war der Staat in besonderem Maße auf freiwillige Hilfsaktionen seiner Bürger angewiesen. Neben dem finanziellen Nutzen sollten durch gemeinsame Sammelaktionen, Feste und Rituale der Zusammenhalt in der Bevölkerung gestärkt und diese auf den Krieg eingeschworen werden. Besonders beliebt war das Nageln von Kriegswahrzeichen, in der Regel hölzerne zumeist extra für diesen Zweck hergestellte Objekte mit regionalem Bezug. Der Erlös durch die verkauften Nägel diente der besseren Versorgung verwundeter Soldaten und von Hinterbliebenenfamilien.

Kriegsnagelungen fanden im ganzen Reich statt, verloren aber schon 1916 angesichts wachsender Kriegsmüdigkeit immer mehr an Bedeutung. In Schwerin begannen die Nagelungen im 2. Halbjahr 1915. Größere Veranstaltungen dieser Art waren die Nagelung eines meterhohen Militär-Verdienstkreuzes aus Eichenholz am 21. September 1915 in der Artilleriekaserne sowie etwas später die eines nachgebildeten Eisernen Kreuzes zu Gunsten der Hinterbliebenen des Leib-Grenadierregiments Nr. 8. Auf dem Flugplatz in Görries wurde ein Propeller benagelt. Dazu versammelten sich an einem Sonntag im November 1915 Mitglieder des Großherzoglichen Hauses, Offiziere und Abgeordnete der militärischen Vereine sowie zahlreiche Schaulustige. An die Wand eines der Fokkerschen Fabrikgebäude war ein übergroßes mecklenburgisches Militärverdienstkreuz gemalt und mittig auf diesem der Propeller befestigt worden. Unter den Klängen des Musikkorps des Ersatzbataillons 76 schlug Großherzog Friedrich Franz IV. den ersten Nagel ein. Während der gesamten Zeremonie umkreiste ein Flugzeug den Veranstaltungsort. Anschließend hatten die Anwesenden Gelegenheit, sich mit dem Flugbetrieb vertraut zu machen. Auch Schulklassen und Vereine engagierten sich für Soldaten und Hinterbliebene. Ende 1915 fand die Nagelung eines Eisernen Kreuzes anlässlich einer Schulfeier zur Stiftung von Liebesgaben im Lewinski Oldenburgischen Gymnasium in der Kaiser-Wilhelm-Straße statt. Anlässlich eines Fußballspiels um die Kreismeisterschaft ließ der Fußballklub Union einen hölzernen Fußball nageln – der Erlös kam den Hinterbliebenen gefallener Soldaten des Grenadierregiments 89 zu Gute.

Die bedeutendste Kriegsnagelung in Schwerin war zweifellos die Benagelung der zweiflügeligen Tür zum westlichen Domeingang. Diese, eigens dafür entworfen, entstand in der Werkstatt der Gebrüder Reinhard in der Johannesstraße, den Eisenbeschlag fertigten die Schlossermeister Schulz und John an. Anfang November 1915 wurde dazu aufgerufen, Entwürfe für die zu benagelnde Fläche einzusenden. Namhafte Künstler aber auch Laien beteiligten sich an der Ausschreibung. Sämtliche Entwürfe, darunter Arbeiten der Maler Koenemann und Dettmann, des Baurats Hamann und des Hofbildhauers Max Buchholz, wurden im Museum am Alten Garten ausgestellt. Vorgegeben war, Anordnungen für 15 000 bis 20 000 Nägel zu geben. Zur Ausführung gelangte einer von zwei eingereichten Entwürfen des Regierungsbaumeisters a.D. Otto Glatz. Vor genau 100 Jahren, Anfang Februar 1916, sollten die Türflügel fertig gestellt sein. Für den Beginn der Nagelung war der 28. Februar, Geburtstag von Großherzog Friedrich Franz II., vorgesehen. Dieser Termin konnte nicht gehalten werden. Erst am 4. April 1916 wurde unter feierlichem Zeremoniell mit dem Einschlagen der Nägel begonnen. Während sich die zahlreich Geladenen in der Halle des Domturms versammelt hatten, drängten sich unzählige Schweriner vor dem Dom, in der Bischofstraße und auf dem Posthof. Ab 10 Uhr war an allen Schulen der Stadt schulfrei gegeben worden. Nach feierlicher Ansprache von Oberkirchenrat Dr. Behm schlug Großherzog Friedrich Franz IV. den ersten Nagel ein. Den Mitgliedern des fürstlichen Hauses, höheren Staatsbeamten, Militärs und den Honoratioren der Stadt folgten die Vertreter der Ärzteschaft, der Banken und der Kaufmannschaft sowie zahlreicher Vereine und Privatpersonen. Die Nagelnden durften sich in ein bereitliegendes Nagelungsbuch eintragen. Die Aktion wurde in den kommenden Wochen fortgesetzt, bot die beiderseits zu benagelnde Tür doch Platz für tausende von Nägeln. Diese gab es in verschiedenen Größen aus Silber und aus Eisen. Material, Größe und Position der Einschlagstelle an der Tür bestimmten den Preis.

Um allen Bevölkerungsschichten den Kauf der Nägel zu ermöglichen, wurden die Preise nach dem Eröffnungstag gesenkt. Die Nägel kosteten zwischen 1 und 25 Mark. Schulen und Vereine konnten Preise aushandeln. Auch traten Sponsoren auf, die ganze Schulklassen mit Nägeln versorgten. Der Verkauf der Nägel fand im Rathaus, während der Nagelzeiten im Domturm, statt. Genagelt wurde in der Regel nachmittags von 16 bis 19 Uhr. Ein geübter Handwerker stand bereit, um bei Bedarf zu helfen. Mitte Mai betrug der Erlös bereits über 10 000 Mark. Die Einnahmen wurden für unterernährte oder an Tuberkulose erkrankte Kinder verwendet.

Neben dem Sammeln von Geld verbanden die Organisatoren mit der Aktion die Hoffnung, so über Jahrhunderte hinaus das Andenken an die große Zeit zu erhalten. Ähnliche Nagelungen fanden im ganzen Land statt. Richard Wossidlo hatte mit einer Reihe von Vorschlägen zahlreiche Anregungen zur Gestaltung gegeben. Heute sind diese Nagelungen dort, wo sie erhalten blieben, eine Mahnung und erinnern an einen der schlimmsten Kriege der Menschheitsgeschichte.

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