Der Wanderfalke in MV : Gute Aussicht für rasanten Jäger

Auf 300 Kilometer pro Stunde bringt es der Greifvogel. Selbst Mauersegler holt er ein.
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Auf 300 Kilometer pro Stunde bringt es der Greifvogel. Selbst Mauersegler holt er ein.

Der Wanderfalke fasziniert die Menschen mit seiner Schnelligkeit, Kraft und Schönheit

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26. November 2015, 09:36 Uhr

Ich sitze mit meiner Fotoausrüstung gut versteckt am Spülsaum der Insel Poel. Vor mir rasten mehrere hundert Limikolen, auch Wattläufer genannt – darunter Kiebitze, Bekassinen, Rotschenkel und Pfuhlschnepfen. Sie sind auf dem Weg von ihrem Sommerquartier in Skandinavien und den Nordküsten Russlands in den Süden. Dabei legen sie immer wieder eine Ruhepause zur Stärkung ein.

Doch plötzlich ist das friedliche Einvernehmen gestört. Der angeborene „Schlüsselreiz“ vom Bild des Falken hat das Fluchtverhalten ausgelöst. Wahrscheinlich fiel eine geschwächte Pfuhlschnepfe dem Wanderfalken als geeignete Beute auf. Blitzschnell hat er sie gepackt. Der Wanderfalke ist der Inbegriff von Schnelligkeit. Er gilt gar als der schnellste Vogel der Welt. Bei der Jagd erreicht er eine Geschwindigkeit von bis zu 300 Kilometern pro Stunde. Selbst Mauersegler holt er ein. Seine Gattung ist mit 34 Arten und 12 Unterarten übrigens weltweit vertreten.

Durch die Wucht seines Körpergewichtes brach der Falke, den ich von meinem Versteck aus beobachtete, der Pfuhlschnepfe die Wirbelsäule. Mitunter tötet er die Beute aber auch sofort mit dem Biss in den Hinterkopf. Der Wanderfalke ist ein Feinschmecker. Nach dem Beutezug suchte er einen von allen Seiten gut überschaubaren Platz, auf dem er der Beute die Brust rupfte und den zarten Brustmuskel kröpfte. Der Rest bleibt anderen Tieren wie Möwen, Bussarden oder Kolkraben überlassen.

Gezielt fliegt der Wanderfalke nun zu seiner Sitzwarte, versteckt auf hohen Kiefern. So bleibt der Greifer bis zum Frühherbst ziemlich heimlich. Erst dann, wenn die Zugvögel wieder auf dem Weg in die warmen und nahrungsreichen Winterquartiere nach West- und Südeuropa ziehen, wird der Wanderfalke ihr permanenter Begleiter. Wanderfalken, die in anderen Regionen Mecklenburg-Vorpommerns, also im Binnenland, verbreitet sind, leben von Sperlingsvögeln, Krähen, Möwen, Wildtauben und Vögeln bis zur Größe einer Ente. Wer solche beleibten Beutetiere ergreifen will, muss selber einiges auf die Waage bringen. Beim Wanderfalken ist es ein Gewicht von bis zu 1100 Gramm. Dabei sind die Weibchen schwerer als die Männchen. Die Rückenpartie beider Geschlechter erscheint dunkelgrau. Unterseits leuchtet der Wanderfalke hell mit dunklen Querstreifen. Die Spannweite der Flügel beträgt bis zu 100 Zentimeter. Typisch für die Art sind die dunklen Bartstreifen zu beiden Seiten des Kopfes. Seine Brutplätze findet der Wanderfalke in Steinbrüchen, Felsformationen, in Mecklenburg-Vorpommern auch in den Kreidefelsen des Nationalparks „Jasmund“ sowie in Wäldern mit altem Bestand. Der Brutplatz an der Kreideküste ist seit 140 Jahren bekannt.

Gegenwärtig nistet der Greifer in Deutschland zu 90 Prozent auf geeigneten Gebäuden, wenn der Mensch ihm Nistgelegenheiten bietet. Erwähnt sei hier der Turm des Roten Rathauses in Berlin. In den Monaten April bis Mai findet man drei Eier, manchmal bis zu sechs Stück im Horst. Sie werden 29 Tage lang vom Weibchen bebrütet. Nach fünf Wochen sind die Jungen flügge. Bis in die 50er-Jahre des 20. Jahrhunderts zählte man in beiden deutschen Staaten circa 900 Brutpaare des Wanderfalken. Die 60er- und 70er-Jahre wurden der Art indes fast zum Verhängnis. Nicht nur in Mitteleuropa, sondern überall in Europa und anderen Teilen der Welt setzte der Bestandsrückgang ein. In Mecklenburg-Vorpommern brach der Bestand völlig zusammen. Lange blieb die Ursachenforschung ergebnislos, bis man Ende der 60er- Jahre erkannte, dass die Anwendung des Nervengiftes Dichlordiphenyltrichlormethan (DDT) die Ursache war.

DDT wurde in großem Umfang zu dieser Zeit zur Bekämpfung von Schadinsekten auf landwirtschaftlichen Produkten angewendet. Über die Nahrungskette vom Insekt über den insektenfressenden Vogel bis zum Wanderfalken (Vogelfresser) vervielfachte sich die Menge von DDT im Fettgewebe des Tierkörpers, da es nicht abgebaut werden kann. Als Folge bildeten sich beim Wanderfalken unbefruchtete, dünnschalige Eier, die das Weibchen beim Brüten durch sein Eigengewicht zerdrückte. Andere Vogelarten wie der Seeadler hatten die gleichen Probleme. 1972 wurde die Anwendung von DDT gesetzlich verboten.

Nach Jahren begann sich der Bestand allmählich wieder zu erholen. Gegenwärtig sind bundesweit etwa 1000 Brutpaare registriert, davon im Jahr 2011 in Mecklenburg-Vorpommern sieben Brutpaare. Diese Zahlen drücken ein sicheres Bestandsniveau aus. Obwohl der Wanderfalke nicht mehr in der Roten Liste der gefährdeten Vögel geführt werden muss, ist er weiterhin auf Schutz angewiesen.
 


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