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Rügen : Gut Boldevitz wachgeküsst

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Letzter Boldevitzer Gutsherr fiel vor 70 Jahren einer irrenden Siegerjustiz zum Opfer

Das geschichtsträchtige Gut Boldevitz auf der Insel Rügen erlebte nach dem Kriegsende 1945 in doppelter Hinsicht eine Zäsur. Zunächst wurden im September 1945 alle Gutsbesitzer auf Rügen von ihren Gütern binnen eines Tages entfernt. Nur der Herr auf Boldevitz blieb davon ausgenommen. Das war Sylvius von der Lancken-Wakenitz-Albedyll. Da kochte die Gerüchteküche wegen der vermeintlichen Bevorteilung durch die sowjetische Kommandantur.

Dann aber kam der 20. März 1946. An diesem Tag wurde der Boldevitzer Gutsherr bei Nacht und Nebel verhaftet, anschließend von einem sowjetischen Militärtribunal zum Tode verurteilt und hingerichtet. Die Urteilsbegründung lautete: „Wegen Vorbereitung eines bewaffneten Aufstandes …, Bildung bewaffneter Banden … gegenrevolutionärer Absichten …“

Das Urteil gilt bis heute als eine Willkürmaßnahme und wurde trotzdem 2002 im Zuge einer Prüfung des Verfahrens von Russland bestätigt. Mary von der Lancken-Wakenitz-Albedyll, die Witwe des letzten Gutsherrn, der vor 70 Jahren einer irrenden Siegerjustiz zum Opfer fiel, konnte damals nach der Enteignung mit ihren zwei Kindern nach Schweden fliehen.

Das Gut Boldevitz wurde anschließend ein Volkseigenes Gut. Das Gutshaus erlebte eine vielgestaltige Fremdnutzung und Missachtung der kunstgeschichtlichen Werte bis zur Wende. Danach übernahmen neue Privateigner das Gut, die das Herrenhaus aufwändig restaurieren ließen. Es erstrahlt heute in neuer Pracht, beeindruckt mit den berühmten Hackert-Gemälden und ist für Kunstliebhaber teilweise zugänglich – ein Anziehungspunkt für Besucher aus nah und fern, zumal die Geschichte des Gutes Boldevitz mit vielen bekannten Namen verbunden ist.

Die erste urkundliche Erwähnung von Boldevitz geht auf das Jahr 1314 zurück. Als erste Adelsfamilie ist das Geschlecht derer von Rotermund überliefert. Deren Herrschaft endete mit Caspar Detlov von Rotermund 1711, der von seinen Kriegszügen eine Türkin mit auf das Gut brachte, die als „Ungläubige“ zur Sensation gedieh. Er fand seine letzte Ruhe in der Familiengruft in der Gingster Kirche. Nach mehreren Besitzerwechseln erwarb 1762 Adolf Friedrich von Olthoff das Gut mit dem Herrenhaus, einem dreigeschossigen Putzbau mit zwei parallelen Satteldächern, wie sie nur auf Rügen überliefert sind. Im Innern beeindruckt bis heute ein Festsaal. Olthoff, der aus Strelitz stammte und zum schwedisch-pommerschen Regierungsrat aufstieg, empfing auf Boldevitz mit seiner Mutter berühmte Gäste. Die diesbezügliche Reihe reichte vom Theologen Johann Joachim Spalding über die Brüder Duncker, die durch ihre Schlösserbände in die Kunstgeschichte eingingen, die Theologen sowie Philosophen Johann Caspar Lavater, Heinrich Füßli und Felix Hess bis zu den Malern Georg David Matthieu sowie Jacob Philipp Hackert. Besonders Hackert, der schon in der Stralsunder Wohnung Olthoffs seine Spuren hinterlassen hatte, glänzte auf Boldevitz durch seine Leinwandtapeten mit gemalten Ideallandschaften für den Festsaal. Sie überstanden alle Wechselfälle der Geschichte und gehören bis heute zu den bedeutendsten Kunstdenkmälern auf Rügen. Die Ära Olthoff endete 1780, als Boldevitz nach Konkurs des Besitzers und Versteigerung des Gutes in neue Hände gelangte. Es folgte die Adelsfamilie von der Lancken. Unter Gottfried von der Lancken gab es in Boldevitz die erste „Industrieschule auf Rügen“, die sich an den Ideen von Johann Heinrich Pestalozzi orientierte. So viel Fortschritt hätte man auf Rügen nicht erwartet. 1817 übernahm Carl von Wakenitz, der mit der Schwester Gottfried von der Lanckens verheiratet war und sich fortan „von der Lancken-Wakenitz“ nannte, den Besitz Boldevitz. 1938 adoptierte dann der „königlich Preußische Gesandte a.D.“, Freiherr Oscar von der Lancken-Wakenitz, seinen Neffen Silvius von Albedyll, der dann Boldevitz übernahm und als Freiherr von der Lancken-Wakenitz-Albedyll im „Gothaischen Genealogischen Taschenbuch der freiherrlichen Häuser“ aufgeführt ist. Der neue Herr auf Boldevitz war ein Hauptmann a.D. und ein „Staatlich geprüfter Landwirt“. Er war mit Mary von Essen verheiratet, der Tochter des schwedischen Reichsmarschalls Carl Reinhold Graf von Essen, der wegen seiner Verdienste zur Verbesserung der Beziehungen zwischen Schweden und Stralsund die Ehrenbürgerschaft der Hansestadt verliehen bekam. Silvius von der Lancken-Wakenitz-Albedyll war der letzte Gutsbesitzer von Boldevitz. Mit seiner Hinrichtung vor 70 Jahren und der damit verbundenen Enteignung seiner Familie endete die Gutsherrschaft Boldevitz.

Das geschichtsträchtige Herrenhaus mit den Hackert-Gemälden erwachte allerdings nach der Sanierung und mit engagierten Besitzern zu neuem Leben.

Martin Stolzenau

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