Schwerin : Guck mal, was da klappert

Mühlenbauer Martin Zecher setzt Stück für Stück das neue Wasserrad zusammen.
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Mühlenbauer Martin Zecher setzt Stück für Stück das neue Wasserrad zusammen. Fotos: Bölck

Die Schweriner Schleifmühle startet mit schmuckem neuem Wasserrad in die Saison

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06. April 2018, 00:00 Uhr

Um die Schleifmühle in Schwerin wurde in den vergangenen Wochen viel Wind gemacht. Doch wie zu erwarten, blieb die alte Lady ziemlich gelassen. Noch halb im Winterschlaf knarrte sie vor sich hin, was wohl heißen sollte: „Was soll ich auch mit viel Wind anfangen?“ Natürlich. Wasser ist ihr Lebenselixier. Doch genau darum ging es. Um das alte Wasserrad stand es nicht gut. Ein Wechsel aus Sonne und Schatten, Wind und Kälte hatte ihm 18 Jahre zugesetzt und es morsch bis auf die Knochen werden lassen.

Mühlenbauer Martin Zecher erkannte schnell, dass ein paar Schönheitsreparaturen nicht mehr ausreichen würden. „Alte Damen müssen viel Flüssigkeit zu sich nehmen“, dachte sich der 47-Jährige, der schon einige Wassermühlen verarztet hat. „Doch mit dem maroden Wasserrad konnte es damit schnell vorbei sein.“

Und so kam, was kommen musste. An einem eisigen Märztag rückten er und sein Gehilfe Frederik Besier mit der Kettensäge an. Geschickt trennten die beiden das 4,16 Meter breite Wasserrad in zwei Teile. Woraufhin ein Kran erst die obere, dann die untere Hälfte in den Himmel hob und sie vorsichtig in den Schleifmühlengarten schweben ließ. Was passierte mit den alten Stücken? Eine Hälfte blieb auf dem Museumsgelände für Jedermann zum Angucken und Anfassen liegen. Auf die andere wartet schon, wenn sie komplett zerlegt ist, der ein oder andere Liebhaber alter Hölzer. Noch am selben Tag machte sich Mühlenbauer Martin Zecher daran, das neue Wasserrad aufzubauen, mit Teilstücken, die er vorab in seiner Werkstatt in Harst bei Wittenburg angefertigt hatte – Schaufeln aus Lärchenholz, Felge und Speichen aus Eiche. Knapp zwei Wochen drang das Hämmern durch den Schweriner Schlossgarten.

Wer näher dran stand, konnte zudem das Klappern von Zähnen hören. Die beiden Handwerker hatten die kältesten Tage erwischt. Mit Gummistiefeln standen sie im eiskalten Mühlengraben und fühlten, wie ihre Zehen langsam taub wurden. So hart kann der Tag eines Mühlenbauers sein. Eine gute Schule für Frederik Besier. Der junge Mann ist gelernter Bildhauer, liebäugelt aber damit, sich auch eine Mühle zuzulegen. Bei Martin Zecher will er dafür das nötige Rüstzeug erlernen. Der hat es wiederum von seinem Vater vermittelt bekommen. Heute gibt es in Mecklenburg und Vorpommern, wo sich einst tausende Mühlen drehten, nur noch wenige dieser technischen Denkmäler. Dennoch muss Martin Zecher nicht Däumchen drehen. Seine Auftragsbücher sind gut gefüllt. Der Experte werkelt an Mühlen in ganz Deutschland herum und auch in Dänemark ist sein Wissen und Können gefragt.

Zurück zur Schweriner Wassermühle. Die alte Lady gehört eindeutig zu Martin Zechers Lieblingsprojekten. „Die Leute vom Verein sind motiviert und interessiert. Es herrscht ein schönes Arbeitsklima.“ Nachdem die Ausstellung in der alten Mühle aufgepeppt, das Gelände hübsch mit Blumen und Gewächsen bepflanzt wurde und es nach Kaffee und Kuchen duftet, haben sich die Besucherzahlen nahezu verdoppelt.

Martin Zecher war schon 1985 dabei, als die Mühle wieder aufgebaut wurde und das „Technische Museum Schleifmühle“ seine Türen öffnete. Die Idee, an diesem Standort ein Stück Geschichte freizuschleifen, nahm ihren Lauf. Das prägendste Kapitel war sicherlich die Zeit, als in der herzoglichen Schleifmühle tonnenschwere Granitfindlinge zu dekorativen Steinsachen wie Taufbecken, Fenstersimse, Tischplatten, Kaminverkleidungen, Sarkophagen und Denkmalsockeln zugeschnitten wurden.

Zeitweise galt die Mühle als führende Granitschleife im Deutschen Reich. Während des Schweriner Schlossumbaus von 1845 bis 1857 ließen die Steinschleifer ihre Sägeblätter fast ausschließlich für den Prunkbau in die harten Steine fressen. Wie das gezischt und geächzt haben muss, wird jedem klar, der sich heute eine Vorführung anschaut. Fast täglich wird in der schönen Jahreszeit Technikgeschichte erlebbar.

Neugierig stehen Erlebnishungrige auf der Brücke und schauen, wie das Wehr geöffnet wird. Aus dem angrenzenden Faulen See strömt das Wasser in den Mühlengraben. Martin Zecher ist zufrieden. Das neue Rad läuft wie eine Eins. Die Schleifmühle legt voller Leidenschaft los. Als ob sie in einen Jungbrunnen gefallen ist. Hat sich der ganze Wind doch gelohnt.


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