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Kriminalroman : Grüße aus Vertikow

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Frank Friedrichs hat einen Kriminalroman geschrieben, der in der mecklenburgischen Provinz spielt

svz.de von
erstellt am 25.Feb.2017 | 00:00 Uhr

Jeder gute Hamburger hat eine Mecklenburger Großmutter. Das kann Frank Friedrichs nur bestätigen. Seine Oma stammt aus der Gegend um Zarrentin. Und der Enkel, inzwischen selbst Wahl-Mecklenburger, hat gleich ein ganzes mecklenburgisches Dorf neu erfunden: Vertikow. Es ist der Schauplatz eines Krimis, mit dem Friedrichs die Leser aufs platte Land mitnimmt. Aber der Reihe nach.

Als Frank Friedrichs Germanistik studiert, tut er es mit dem Wunsch, Schriftsteller zu werden. „Ich habe damals zum Beispiel in meinen Taschenkalender geschrieben, lauter wichtige Gedanken, über die ich heute lächeln muss“, sagt er und stellt im Rückblick fest, dass sein Germanistikstudium mit kreativem Schreiben nichts zu tun hatte: „Ganz im Gegenteil, ich habe dadurch meinen Stil eher verloren.“

Doch er bleibt dran an seinem großen Traum. Nach dem Studium arbeitet er neben seinem Job als Fachlektor für Fernschulen parallel als Autor, schreibt Drehbücher, ein Kinderbuch in der Reihe Leselöwen für den Loewe-Verlag, ein heiteres Frauenbuch. Sein Mann Matthias Teut, mit dem er in einer eingetragenen Lebenspartnerschaft lebt, ist ein großer Fantasy-Fan und Frank Friedrichs beginnt eine Trilogie, um nach dem ersten Band festzustellen: „So richtig mein Genre ist das nicht.“

Dann kommt ihm ein Gedanke: „Ein netter, gemütlicher Krimi, das wäre was.“ Gemütlich, damit meint er im Stile der Ermittlungen von Miss Marple und Inspector Barnaby. Der Schauplatz für die Geschichte ist Frank Friedrichs schnell klar: ein mecklenburgisches Dorf mit allen Verwicklungen und Spannungen, die auch eine kleine Gemeinschaft zu bieten hat.

Seit 2007 sind Frank Friedrichs und Matthias Teut in Woez zu Hause, einem kleinen Ort etwas abseits der Straße zwischen Lützow und Wittenburg. „In Hamburg wohnten wir gegenüber von einem großen Hotel, vor dem in den Morgenstunden schon die Busse mit den Touristen vorfuhren, die zum Fischmarkt wollten“, erzählt der 47-Jährige. In Woez leben 110 Leute, das Haus steht inmitten eines wunderbaren Gartens. Auf der Suche nach einem Grundstück ist das Paar viel durch Mecklenburg gereist. Nicht zu weit von Hamburg sollte der neue Wohnort sein, und auch das Gefühl, hier heimisch werden zu können, sollte sich einstellen. In Woez passt alles. Und auch die Dorfgemeinschaft nimmt die Zugereisten gut auf.

Deshalb verwirft Frank Friedrichs schnell die Idee, den Mecklenburg-Krimi in seinem neuen Heimatdorf spielen zu lassen. „Ich wollte ja meine Nachbarn nicht vergrämen.“ Er erfindet Vertikow, ein Dorf südlich von Gadebusch, das ungefähr dort auf der Landkarte liegt, wo in der Wirklichkeit Neuendorf zu finden ist. Und er erfindet eine Menge skurriler Typen, die auch in vielen anderen Orten Mecklenburgs zu Hause sein könnten: Hermann, den ehemaligen Schmied, für den ein Satz mit mehr als vier Wörtern schon Gesabbel ist. Die alte Treskow, deren Liebreiz sich erst auf den zweiten Blick erschließt. Die Pfarrersfrau Peggy, die jeden Problemfall gleich unter ihre Fittiche nimmt.

Ermittler in seinem Krimi ist der aus Hamburg zugezogene Organist Peer Wesendonk, der nach einem Motorradunfall im Rollstuhl sitzt und sein Leben neu strukturieren muss. Im ersten Band geht es um den Unfall einer alten Frau aus dem Dorf, den Peer als Zeuge miterlebt. Und er ist sich hundertprozentig sicher: Es war kein Versehen, sondern Absicht. Und weil ihn die Polizei für wenig glaubhaft hält, nimmt er die Sache nach einigem Zögern selbst in die Hand.

Die Konstruktion „Vertikow“ bietet viel Raum für Konflikte. „Zwischen Ost und West, Stadt und Land, aber auch den Konflikt, als Rollstuhlfahrer auf dem Dorf zurechtkommen zu müssen“, erzählt Friedrichs. Er nennt sein Schreiben insofern autobiografisch, indem er Eigenschaften, die er von Menschen kennt, „in einen Topf geworfen, diesen geschüttelt und aus dem Inhalt die Figuren geformt hat“.

Weitere Anleihen hat er überall in Mecklenburg genommen: In Vertikow stehen die Kirche von Consrade, das Gutshaus aus Lützow, ein Gasthaus aus Zarrentin. Dass Mecklenburg einen hervorragenden Krimi-Schauplatz abgibt, ist für Frank Friedrichs selbstverständlich. Wer hier über Land fährt, wenn der Nebel über die Felder wabert und Bäume ihre knorrigen kahlen Äste in den Dunst strecken, glaubt ihm sofort. Aber Friedrichs hat sich fest vorgenommen, auch bei gutem Wetter morden zu lassen. In seinem Kopf stecken noch viele Geschichten und wenn er über deren Zahl nachdenkt, wünscht er sich eigentlich nur, dass nach vielen Büchern sein allerletzter Vertikow-Krimi „unvollendet bleibt, weil ich darüber hinwegsterbe“.

Er weiß auch, dass Regionalkrimis gerade Konjunktur haben, aber das schreckt ihn nicht. Zusammen mit Matthias Teut hat er den Verlag DichtFest gegründet, in dem „Erntedank in Vertikow“ erschienen ist – genauso wie der Fantasy-Erstling „Erellgorh“ von Matthias Teut. Der nächste Plan: Im März wird DichtFest auf der Leipziger Buchmesse zu finden sein.

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Frank Friedrichs: Erntedank in Vertikow, DichtFest, 2016, ISBN 978-3-946937-20-3
 

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