Flucht, Vertreibung und Neuanfang: Ihre Geschichte : Große Angst prägt kleine Kinder

Siegfried Frenz verließ als Vierjähriger mit Mutter und Großmutter Neustettin / Die Menschen in Laage hat er als freundlich in Erinnerung behalten

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24. Juni 2016, 00:00 Uhr

Siegfried Frenz war vier Jahre alt, als seine Familie im Februar 1945 Neustettin verlassen musste. Die Angst, die er in dieser Zeit ausstand, hat sich in sein Gedächtnis gegraben. Aber auch gute Erinnerungen an die erste Zeit in Mecklenburg sind geblieben. Seit 1953 lebt Siegfried Frenz in Schwerin. Er hat zwei Töchter und sechs Enkel.

Neustettin, damals Pommern, war eine Kreisstadt zwischen Stettin und Danzig. Am 28. Februar 1945 wurde die Stadt durch die Kavallerie der Roten Armee eingenommen. Ich war vier Jahre alt, als meine Mutter, Oma und Opa nachts am Bodenfenster standen und in den glutroten Himmel in der Ferne sahen. „Schneidemühl brennt“, sagte meine Mutter. Ich muss große Angst gehabt haben, denn diese Szene habe ich nicht vergessen.

Dann sind wir mit Handgepäck zum letzten Militärzug gelaufen. Bevor mein Opa in den Viehwaggon einsteigen konnte, fuhr der Zug los. Auch dieses Bild, dass wir ohne meinen Opa in dem überfüllten Waggon fuhren, hat mich geprägt.

Nach mehreren Tagen landeten wir in Stralsund auf einem Bahnsteig. Dort mussten wir uns auf den Boden legen. Hier sind es die Feuerfunken der Tiefflieger, an die ich mich erinnere. Nur die große Angst prägt kleine Kinder.

Die nächste Landung war in Laage bei Güstrow. Mit zwei Familien waren wir in einem Zimmer. Meine Mutter und meine Oma hatten ihre Gesichter mit Ruß eingefärbt. Hier habe ich die fremden Soldaten in Erinnerung und dass mich meine Mutter auf den Arm genommen hat.

Die Kavallerie der Roten Armee mit ihren Pferden hatte Laage eingenommen. Hier sind wir mehrfach umgezogen, bis wir ein eigenes Zimmer in einem Bauernhaus bekamen. In wenigen Tagen habe ich bei den älteren Bauern plattdeutsch sprechen und verstehen gelernt. Somit konnte ich mit vier Jahren Mutter und Oma erklären, dass der Bauer Schröder ein Schwein schwarz geschlachtet hatte, was ja streng verboten war.

Die Kinder in Laage hatten tolle Spielsachen wie Zinnsoldaten und Stabilbaukästen aus Metall. Dort habe ich das Schachern erstmals gelernt. Mit meiner selbst gebauten Drahtseilbahn, die aus Teilen vom Stabilbaukasten bestand, wurde ich als Kind bewundert. Vom Bodenfenster unserer Küche aus konnte meine Seilbahn an einer dünnen Schnur bis über den Hof zum Stall bergab fahren. Da war ich schon sechs Jahre alt. Beim Pferdehändler habe ich Reiten ohne Sattel gelernt. Die Rote Armee hatte ihre kleinen Kosakenpferde gegen große deutsche Pferde gewechselt. Vor dem Pflug waren die leichten Kosaken kaum zu gebrauchen.

Erst 1950 haben wir über den Suchdienst des Roten Kreuzes meinen Opa wiedergefunden. Er war 1945 in Bayern gelandet. Meinen Vater traf meine Mutter durch Zufall im Lazarett in Laage.

Mit 18 Jahren hatte er gen Stalingrad marschieren müssen, wo er durch seine Verwundung zum Glück nie ankam. Mein Onkel, Mutters Bruder, den ich nur vom Erzählen kannte, geriet in Afrika in kanadische Gefangenschaft, aus der er erst 1949 nach Hamburg entlassen wurde.

Als Flüchtlinge haben wir in Laage nur Freunde kennen gelernt. Meine Eltern konnten ihre Jugend erst nach 1945 erleben. Einen Hass gegen die Siegermächte habe ich als Kind und später nicht erlebt. Dass der Hass später, wie heute, so viel Nahrung finden würde, habe ich mir nach unserer friedlichen Kerzen-Demo 1989 nie gewagt vorzustellen.

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