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Volksmedizin : Gichtgeplagte unterm Apfelbaum

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Der Apfelbaum samt seiner Früchte genoss schon bei unseren Vorfahren ein hohes Ansehen

svz.de von
erstellt am 22.Okt.2016 | 00:00 Uhr

Unter den Gartenfrüchten spielt der Apfel seit uralten Zeiten eine ganz besondere Rolle. In Nord- und Mitteleuropa lässt sich die Geschichte der süß-saftigen Frucht bis in die Jungsteinzeit belegen, also etwa vor 10 000 Jahren, sozusagen als die Viehhaltung und der Ackerbau begannen. Der Apfel wurde schon immer verehrt. Und diese Verehrung fand in der Volksmedizin des 18./19. Jahrhunderts in Mecklenburg ihren Niederschlag. Ihm wurde eine heilende Kraft zugeschrieben.

Der Apfelbaum genoss das gleiche Ansehen wie ein Holunderstrauch. So sollte im Apfelbaum und damit in jedem Apfel eine Kraft innewohnen, die der einst so weit verbreiteten Gicht entgegenwirken könne. Nach einer hiesigen Volksüberlieferung hieß es: Gehe zum Apfelbaum, nimm einen Zweig zur Hand und sprich: „De Gicht plagt mi, ick bed’ di an und ga dorvon“.

Manchmal sollte es sogar schon reichen, den Stamm des Baumes zu umfassen. Auch gegen Warzen galt der Apfel als Wundermittel. Dazu musste die Frucht zerschnitten und mit den Stückchen die Warzen dreimal bestrichen werden. Danach wurde der Apfel wieder zusammengefügt und durch ein Band verknüpft. Anschließend vergrub man ihn an einem Ort, wo weder Sonne noch Mond schienen. Sobald die Frucht vermoderte, sollten die Warzen verschwinden. Wer am ersten Ostertag vor Sonnenaufgang einen Apfel aß, blieb das Jahr über von Krankheiten verschont – dieses Ritual wird heute noch in vielen Familien gepflegt. Aus Wismar wurde berichtet, dass bei Sonnenaufgang am Ostertag Kranke unter einen Apfelbaum getragen wurden, um von ihrem Übel geheilt zu werden. Der Apfel war ebenfalls ein Sinnbild der Fruchtbarkeit. So legte der „Hochzeitsbitter“ seinem Pferd einen Kranz aus Äpfeln um den Hals. Und wenn zwei Mädchen sich einen Apfel teilten, konnten sie je nach Anzahl der Kerne erfahren, wie viele Kinder sie bekämen. Die erste Frucht, die ein Apfelbaum ansetzte, galt als geheiligt. Während der Ernte musste natürlich ein Apfel oder ein paar mehr am Baum hängen bleiben, damit er im nächsten Jahr wieder trägt.

Äpfel in Mecklenburg wurden aber nicht nur für den Eigenbedarf angebaut. Sie waren ein Jahrhundert lang auch ein ganz wichtiges Exportgut, das über den Hafen Rostock nach Sankt Petersburg verschifft wurde. Den Beginn machte 1729 ein Schiffer namens Rohde, der frisches Obst in die russische Zarenstadt brachte und damit später dem Apfel einen bis heute bekannten Namen gab, den Zorenappel (Zarenapfel). Nach ihm wurde eine Straße in Rostock benannt und im Verlag Redieck &Schade erscheint seit Jahren eine Schriftenreihe gleichen Namens. Die Schiffer kauften damals das Obst aus einem Umkreis von bis zu 15 km um Rostock von den Bauern auf. Besonders beliebt waren Kant-, Traub- und Königsäpfel. Hinzu kamen noch Birnen, Pflaumen und Nüsse.

Das Obst wurde grün gepflückt und frisch exportiert. Hochwertige Apfelsorten wurden jeweils einzeln in Papier verpackt. Die Hochzeit des Obstexportes währte von 1783 bis 1790. In dieser Zeit fuhren 144 Obstschiffe aus Rostock Richtung Russland. Die Schiffer betrieben diesen Handel auf eigene Rechnung und machten, wenn alles gut ging, etwa 100 Prozent Gewinn. Bei einer Flaute konnte es allerdings auch passieren, dass das Obst unterwegs verfaulte. 1830 stachen die letzten Segelschiffe mit den Früchten von Rostock aus in See.

Der Hauptgrund lag in der Veränderung der Landwirtschaft. Der Obstanbau hatte sich speziell im Großkreis Rostock stark verringert durch die Veränderungen in der Landwirtschaft. Zugleich war wohl dem Erhalt eines gesunden Baumbestandes zu wenig Beachtung geschenkt worden. Und es wurde zudem schneller mehr Obst auf Dampfschiffen und auf der Schiene befördert.

Der Obstanbau, die Pomologie/Obstsortenkunde, benannt nach der Göttin der Fruchtbäume und Gärten in der römischen Mythologie, hat übrigens eine lange Geschichte. Der Fleiß, die Kreativität und die Leidenschaft der Züchter sind legendär. Von 1850 bis 1900 explodierte die Züchtung. In dem 1958 erschienenen Taschenbuch von Rudolf Kolog über „Apfelsorten“ werden viele Arten aufgelistet, mit interessanten Namen wie „Geflammter Kardinal“, „Pommerscher Krummstiel“, „Altländer Pfannkuchen“ oder „Danziger Kant“. Eines der umfangreichsten Verzeichnisse überhaupt mit 580 Arten stammt aus England von W.T. Taylor: „The Apples of England“ (1948).

Bei dieser Überfülle an Äpfeln ist es natürlich kein Wunder, dass die Frucht Eingang in Sprichwörter und Redensarten, in Rätsel und im Aberglauben gefunden hat. „In den sauren Apfel beißen“, „Für ’n Appel und ’n Ei“, „Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm“.

Der Apfel als sexuelles Symbol bezieht sich auch auf die verbotenen Äpfel beim Sündenfall nach dem 1. Buch Mose. Aus Mecklenburg ist das Sprichwort bekannt: „De hett tidig in’n suren Appel biten müsst“ und bedeutet, dass jemand zeitig gestorben ist. Hierzulande wurde auch gesagt: „Wenn de Appel nich von sülst fallen wull, denn müsst de Boom schüdd’t warden“, was so viel bedeutet, wie: Wenn jemand nicht von sich aus etwas bewegt, muss man ihn dazu bringen. Zum Schluss darf der berühmte Apfelschuss nicht unerwähnt bleiben, der in mehreren europäischen Sagen überliefert ist. Die älteste Nachricht stammt vom dänischen Geschichtsschreiber Saxo Grammaticus (1150 bis 1216). König Harald Blauzahn erteilte um 1200 einem seiner Gefolgsleute den Befehl, einen Apfel vom Kopf seines Sohnes zu schießen. Das gelingt, aber dann fragt der König nach dem zweiten Pfeil im Köcher und der Schütze antwortet: Der wäre für Euch gewesen, hätte ich das Kind getötet. Genauso dann auch in Schillers „Wilhelm Tell“, der mit seinem Drama den Apfelschuss weltweit bekannt gemacht hat.

 


 

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