Flucht, Vertreibung und Neuanfang: Ihre Geschichte : Geschichte für Kinder festgehalten

Das Foto aus dem Jahr 1948 zeigt die Brüder Detlef und Eberhard auf der alten Holzbrücke in Törber.
Das Foto aus dem Jahr 1948 zeigt die Brüder Detlef und Eberhard auf der alten Holzbrücke in Törber.

Detlef Schwertfeger aus Raben Steinfeld hat die Fluchtroute seiner Familie später genau rekonstruiert. Erinnerungen an die Ankunft in Törber bei Rehna

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17. Juni 2016, 00:00 Uhr

Detlef Schwertfeger aus Raben Steinfeld wurde am 21. März 1942 in Greifenberg, ca. 40 Kilometer von Kolberg entfernt, geboren. An die Flucht aus Pommern kann er sich nicht erinnern – schließlich war er erst drei Jahre alt. Aber er hat Erinnerungen von Zeitzeugen gesammelt, auf den Spuren seiner Vorfahren geforscht und seinen Lebensbericht für Kinder und Enkel festgehalten.

Seit dem Ende des 17. Jahrhunderts war die Familie Schwertfeger im Kreis Kolberg ansässig. Die Eltern von Detlef Schwertfeger hatten einen Schlachtbetrieb mit Fleischerei, der Familie ging es wirtschaftlich recht gut. Zum Unternehmen gehörte ein Kleintransporter, um Fleisch und Wurst transportieren zu können. Dieses Fahrzeug sollte während der Flucht eine wichtige Rolle spielen. Detlef Schwertfeger schreibt: „Meine Mutter hatte ihr Fluchtgepäck zusammengesucht und wollte am 1. März über die Inseln Wollin-Usedom vor der Front fliehen. Ohne ausdrücklichen Befehl der NSDAP-Leitung durfte jedoch niemand die Stadt verlassen. Meine Mutter sollte ihren Kleintransporter wieder abladen. Gute Bekannte sagten ihr jedoch, sie solle es nicht tun, sondern die erste Gelegenheit nutzen, um in westliche Richtung zu fliehen. Leider sind diese Treck-Genehmigungen in fast allen Ortschaften zu spät oder nicht erteilt worden, so dass die Bevölkerung oft von der Front überrollt wurde und zum Teil schreckliche Gräueltaten über sich ergehen lassen musste.“

Der Transporter blieb gepackt. Betten, Bettwäsche und Kleidung, die Nähmaschine, Dokumente und Unterlagen, zwei Fässer mit gepökeltem Fleisch und Dauerwurst waren aufgeladen. Als es losging, saßen auf der Ladefläche die 18 und 19 Jahre alten Verkäuferinnen, neben der Mutter, die das Auto fuhr, drängten sich Detlef Schwertfeger, sein Bruder und die Großmutter im Fahrerhaus. Fluchtrichtung war die Brücke über den Fluss Divenow zur Insel Wollin. „Die Straßen waren total verstopft, aber meine Mutter kannte Nebenwege“, schreibt Detlef Schwertfeger. „Einen Tag später nahm ein Treck mit einem Teil der Bevölkerung Greifenbergs die gleiche Richtung. Er wurde auf halbem Weg im Dorf Schwirsen von der Front überrollt. Es kam zu einem fürchterlichen Massaker mit wahllosen Erschießungen, Vergewaltigungen der Frauen und Mädchen und Plünderungen.“ Detlef Schwertfeger hat später mehrere Berichte von Flüchtlingen und Vertriebenen gesammelt und seiner Lebensgeschichte dazugestellt, um die Katastrophe zu beschreiben, die sich kurz vor und nach Ende des zweiten Weltkriegs abspielte.

Familie Schwertfeger erreichte mit viel Mühe Swinemünde, wo es nur eine von der Wehrmacht errichtete Pontonbrücke gab, die größtenteils von Militärfahrzeugen genutzt wurde. Da diese Vorrang hatten, warteten bereits unzählige Pferdewagen auf die Überquerung der Swine. „Meine Mutter nahm Kontakt zu einer Pionier-Kompanie auf. Sie bat darum, unser Auto abzuschleppen. Als Gegenleistung bot sie dafür ein Fass Schweinefleisch und einige Würste an. Das klappte! Unser Auto wurde an einen Lkw gehängt, der lange Leitern und Stangen geladen hatte. Auf der Pontonbrücke rollte aber unser Schleppfahrzeug rückwärts und durchstieß mit einer Leiter die Frontscheibe unseres Führerhauses. Unser Fahrzeug rollte rückwärts. Hätte ein Soldat auf der Pontonbrücke nicht ein Kantholz hinter die hinteren Räder gelegt, hätte ich diesen Bericht wohl nicht schreiben können“, heißt es weiter in Detlef Schwertfegers Lebensgeschichte.

Die Familie erreichte Wolgast und nach einigen weiteren Tagen Güstrow – immer wieder bedroht von Tieffliegern, die Jagd auf Fahrzeuge machten. In Güstrow wurden Schwertfegers registriert, bei einer Familie am Markt einquartiert und erhielten Lebensmittelkarten.

Als die Rote Armee Ende April 1945 nach Güstrow vorrückte, ging die Flucht der Schwertfegers weiter: Sie endete in Törber bei Rehna. Das Dorf hatte 25 Einwohner, dazu kamen jetzt 40 bis 50 Flüchtlinge. An die Zeit in Törber kann sich Detlef Schwertfeger schon selbst erinnern. Er schreibt: „Alle Flüchtlinge mussten den Bauern bei der Ernte helfen. Dafür verhungerten sie nicht. Für uns Kinder war es am schönsten, wenn einmal in der Woche Backtag war. Ich glaube, alle Bauern hatten ein Backhaus, ein kleines Häuschen mit einem großen gemauerten Backofen. In großen Holztrögen wurde der Brotteig durchgeknetet und Sauerteig angesetzt. Gleichzeitig wurde der Backofen mit Holzreisig aufgeheizt. Nach dem Rausfegen der Asche schob man das geformte Brot mit Holzschiebern in den heißen Ofen. Das warme Brot schmeckte köstlich. Das Schönste kam aber danach. Die Bäuerin hatte Streuselkuchen vorbereitet, der nach dem Brot in den Ofen kam. Das war absolute Spitze. Obwohl es sich so anhört, haben wir nicht im Schlaraffenland gelebt. Es gab schon mal Brennnessel- oder Brotsuppe. Aber wir haben nicht gehungert.“

Detlef Schwertfegers Vater kam aus dem Krieg nicht zurück. Er geriet in sowjetische Kriegsgefangenschaft und starb in einem Lazarett in Moskau. „Dass ich ohne Vater groß geworden bin, war damals normal“, berichtet der Raben Steinfelder. „Vielen Kindern ging es wie mir, da die Väter im Krieg geblieben oder noch in Gefangenschaft waren. In dem Zusammenhang kann man die Leistung der Frauen nicht hoch genug würdigen und anerkennen.“

Inzwischen ist Detlef Schwertfeger 74 Jahre alt. Schon lange verbringt er jedes Jahr den Urlaub in Polen. Er schreibt: „In Greifenberg war ich im Geschäft meiner Eltern und in dem Zimmer, in dem ich geboren wurde. Die Verkäuferinnen in dem polnischen Fleischerladen sind sehr nett und freuen sich, wenn ich sie besuche. Durch Erzählungen der Mutter, Großmutter und der Verwandtschaft sowie durch Fotografien kommt mir die Gegend bekannt vor.

Im Sommer ist Ostpreußen (Masuren) seit vielen Jahren unser Urlaubsziel. Die Landschaft hat Ähnlichkeit mit Mecklenburg, nur sind die Seen und Wälder viel größer und die Natur ist noch unberührter. Wir wohnen dort bei einer deutschstämmigen Familie direkt an einem riesigen See. Fast täglich gibt es dann Pfifferlinge, Blaubeeren und Himbeeren. Masuren ist, wie zu deutscher Zeit, eine Arme-Leute-Gegend und es wird einem klar, wie wenig die Deutschen Grund haben zu jammern. Ähnlich wie vor allem auch im ehemaligen Pommern hat sich die Landwirtschaft seit der Wende sehr verändert. Hat man vor 1990 die Bauern oft auf Handtuch-Flächen mit einem Pferd und Einschar-Pflug über den Acker ziehen sehen, so sieht man heute modernste Maschinen auf landwirtschaftlichen Flächen, die oft größer sind als in Deutschland. Die Landwirte kommen aber meist aus Holland, Deutschland oder Dänemark. Schlimm ist es, wenn man sieht, wie die Polen die alten Schlösser und Herrenhäuser aus deutscher Zeit verfallen lassen. Die Gebäude stehen zwar unter Denkmalschutz, aber es wird nichts daran gemacht. Ich bin große Teile Ostpreußens abgefahren und habe oft vor den zerfallenen Kostbarkeiten gestanden.“

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