Boizenburg : Geköpft wird auf dem Markte

Im ehemaligen Schinderhaus in Boizenburg warteten Übeltäter auf ihre Strafe.  Repro: Will
Im ehemaligen Schinderhaus in Boizenburg warteten Übeltäter auf ihre Strafe. Repro: Will

Wie einst in Boizenburg Gericht gehalten wurde. Angeklagte waren bis zum Prozess im Schinderhaus untergebracht

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08. Januar 2016, 00:00 Uhr

Im „Abriß einer Geschichte der Stadt Boizenburg nebst einer Beschreibung derselben von 1154 - l789“ berichtet der Arzt und Autor Dr. Johann Heinrich Jugler (1758 - 1812): „Die Stadt hat
Criminalgerichtsbarkeit. Das Gericht besteht aus einem herzoglichen Gerichtsverwalter, einem Actuarius und zwei Besitzern aus dem Magistrate. Die Letzteren wechseln nach der Reihe alle zwei Jahre. Das Köpfen geschieht auf dem Markte. Der Galgen steht auf dem Galgenberg vor dem Mühlentore. Das Halseisen ist an der Colonade, worauf die obere Etage des Rathauses ruht. Gerichtstage sind wöchentlich zweimal und die Gerichtsstube ist oben auf dem Rathause. Es werden zwei Rats- und Gerichtsdiener gehalten, die hellblaue Livree mit roten Aufschlägen tragen“.

Weiter erfährt man, dass in Boizenburg in der Amtsstube des herzoglichen Amtes dienstags und freitags am Vormittag Gericht gehalten wurde. Der nicht ständig aufgerichtete Galgen des herzoglichen Amtes stand zwischen Schlossberg und Schützenhaus. Bis Anfang des 20. Jahrhunderts befand sich in der Boizenburger Mühlenstraße das Schinderhaus. Hier wurden bis ins 18. Jahrhundert die Angeklagten untergebracht, bevor man ihnen den Prozess machte.

Im Jahre 1723 wurde in Boizenburg eine Bande von Dieben und Straßenräubern gefasst. Diese hatten hier, auch im benachbarten Lauenburgischen und Holsteinischen, zahlreiche Straftaten begangen. Nach ständigem Wechsel von einem Land ins andere wurden sie in Boizenburg geschnappt. Hier machte man vier Männern und zwei Frauen den Prozess. Am l7. Dezember 1723 wurden die Täter mit Ausnahme einer schwangeren Frau auf dem Boizenburger Marktplatz enthauptet. Laut ausführlichem Bericht der „Berlinischen Privilegierten Zeitung“ vom 4. Januar l724 wurde die schwangere Frau mit dem „Staubbesen“ bestraft und des Landes verwiesen.

Die Hinrichtungsstelle markierte ein Stein mit den Umrissen einer Hand. Der Fotograf Hans Karwatky (1866-1911) machte von diesem Stein eine Aufnahme und veröffentlichte sie auf einer Ansichtskarte mit folgendem Text: „Drei Hän’n ligen an bläudigen Stein. Hät stahlen dei Ein – Dei Tweit falsk swört – Dei Drüd hät sik taum Striet upbört; Dat möten sei hier betahlen. Clas Campmann un sin scharpen swert.“

Die letzte Enthauptung auf dem Boizenburger Marktplatz fand 1729 statt. Eine Dienstmagd hatte ihr uneheliches Kind nach der Geburt getötet. Der Scharfrichter erhielt für jede Hinrichtung ein bis drei Taler. Da er davon nicht leben konnte, betrieb er auch Abdeckerei und das Gerben von Häuten.

Feld- und Gartendiebe bestrafte man damals mit dem Anschluss an das Halseisen. Davon gab es zwei in der Elbe-Stadt. Das eine befand sich beim Mühlentor am Ständer des Schlagbaums, das andere am Rathaus. Laut Urkunde aus dem Jahre 1730 fand in der „Fürstlichen Amtsstube“ auch die Verpachtung der Fischerei auf der Elbe statt. Für Streitigkeiten beim Fischen in der Elbe war die Herzogliche Gerichtsbarkeit zuständig. Bei der Volkszählung im Jahre 1819 hatte die Elbe-Stadt 2800 Einwohner. Im Boizenburger Wochenblatt Nr. 40 vom 10. November 1841 erinnert der Magistrat an folgende Vorschriften: „Tumultarischer Lärm, Hader und Zank, Balgereien und Schlägereien sowohl in den Herbergen als in den Schankstuben, vor allem aber auf den Tanzsälen sind und werden hiermit bei nachdrücklicher Geld-, Gefängnisstrafe, auch den Umständen so wie Befinden nach, körperlicher Züchtigung und andern Strafen untersagt.“

Im Schweriner Schloss hängen die Bilder aller Amtsgerichtsgebäude des Großherzogtums, auch das Boizenburger. Zu dessen Amtsgerichts-Bezirk gehörten etwa 60 Ortschaften, von Bahlen bis Gallin, Brahlstorf und Schwanheide, aufgelistet im Mecklenburgischen Adressbuch von 1914. In den Gerichtsverhandlungen ging es meistens um Diebstahls- und Betrugsdelikte. Bei Bekanntgabe von Verboten wurde angekündigt, das Nichtbefolgen mit Geldstrafe oder Haft zu ahnden. Nichteinhaltung der Trottoirordnung vom 2. April 1853 wurde mit l4 Tagen Haft bestraft. Für unentschuldigtes Fehlen beim städtischen Spritzendienst drohte der Rat der Stadt laut Mitteilung vom 17. September 1919 mit Haft von bis zu acht Tagen.

In der „Elb-Zeitung“ vom 2. September l902 erinnerte der Boizenburger Magistrat daran, dass während des Gottesdienstes Kinderwagen auf dem Kirchplatz und dessen Umgebung nicht verkehren durften. Auch das Spielen der Kinder war dort während dieser Zeit nicht erlaubt. Zuwiderhandeln konnte mit Geldstrafe bis zu 60 Mark oder mit Haft bis zu 14 Tagen geahndet werden. Bis in die ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts gab es Probleme mit frei umherlaufendem Federvieh auf Wall und Quöbbewiesen sowie auf der Bleiche und dem Kirchplatz. Die Nichteinhaltung des Verbots konnte mit Zahlung von 60 Mark oder Haft bis zu l4 Tagen bestraft werden.

Das Gefängnis mit neun Zellen befand sich bis zum Jahre 1914 in der Kleinen Wallstraße Nr. 32. Danach wurden die Strafgefangenen
im Anbau des Boizenburger Amtsgerichts untergebracht. Nach dem 2. Weltkrieg war das Boizenburger Amtsgerichtsgebäude einige Zeit Sitz der Sowjetischen Kommandantur. Im Jahre l957 begann der Umbau zur Schule und l968 erhielt das Haus ein
weiteres Stockwerk. Wegen Schülermangels wurde die Schule 2003 geschlossen.

Nach Abriss des oberen Stockwerks und umfangreicher Sanierung wird das Gebäude seit 2014 von der Stadtverwaltung als Bürgerhaus genutzt.

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