Seefahrt : Gefangen in der „Pesthöhle“

Auswanderer im Jahr 1909 in Hamburg-Veddel, dem Auswandererlager. Zwischen 1850 und 1934 wanderten rund sechs Millionen Menschen über den Hamburger Hafen aus.
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Auswanderer im Jahr 1909 in Hamburg-Veddel, dem Auswandererlager. Zwischen 1850 und 1934 wanderten rund sechs Millionen Menschen über den Hamburger Hafen aus.

Die Reederei schickt das Auswandererschiff „Leibnitz“ im schlimmen Zustand auf die Reise. Eine Mecklenburgerin erkrankt als erste an Cholera.

svz.de von
05. Januar 2018, 00:00 Uhr

Als am 6. Dezember 1867 das Auswandererschiff „Lord Brougham“ nach 48 Tagen Überfahrt in New York eintraf, lag hinter den Passagieren eine Katastrophe: 75 der 382 Menschen, die in Hamburg an Bord gegangen waren, starben während der Überfahrt an der Cholera. Unter ihnen waren viele Mecklenburger, die sich auf der Suche nach einem besseren Leben nach Amerika aufgemacht hatten. So gelangte die schlechte Nachricht auch in die hiesigen Medien – darunter die Güstrower Zeitung.

Schon im Februar 1868 konnten deren Leser von einer weiteren Katastrophe dieser Art erfahren: dem Ausbruch der Cholera auf dem Schiff „Leibnitz“. Und wieder waren unter den Toten viele Mecklenburger: 84 der 105 von der Cholera dahingerafften Passagiere. Die Leibnitz hatte am 12. November 1867 von Hamburg in Richtung New York abgelegt. An Bord befanden sich 9 Kajüten- und 433 Zwischendeckspassagiere, dazu eine Besatzung von 23 Mann und die Warenladung. Während der Reise erhöhte sich die Personenzahl an Bord durch acht Geburten, fünf der Kinder starben noch unterwegs. Am 21. November erkrankte eine junge Frau aus Mecklenburg an unverkennbaren Symptomen der Cholera und starb einige Tage darauf nach heftigem Leiden. Dies war der erste Fall wirklicher Cholera, zuvor hatten viele Auswanderer bereits an schweren Ruhranfällen gelitten. Die Cholera breitete sich daraufhin auf dem ganzen Schiff aus und wütete länger als vier Wochen. Da kein Arzt an Bord war, nahmen sich die Schiffsoffiziere der Kranken an. Vielen konnten sie jedoch nicht helfen: Lediglich 40 der 145 Erkrankten wurden wieder gesund. Erschwerend war während der Überfahrt das ungewöhnlich warme Wetter, das zur weiteren Verschlechterung der hygienischen Verhältnisse beitrug. Erst am 27. Dezember wurde es etwas kühler und die Krankheit ließ nach. Am 6. Januar wurde das letzte Opfer dem Meer übergeben.

Die Offiziere der Leibnitz berichteten von herzergreifenden Szenen. Häufig wurden ganze Familien gleichzeitig krank und es gab Fälle, in denen kein einziges Familienmitglied die Cholera überlebte. Bei der Ankunft des Schiffes war die Krankheit nahezu verschwunden. Die Leibnitz wurde in den Quarantänehafen beordert, die Kleidung der Passagiere ausgeräuchert.

Doch dabei blieb es nicht: Wegen der offenkundig unzureichenden Einrichtung und Ausrüstung des Segelschiffes folgte in den Vereinigten Staaten ein gerichtliches Nachspiel. „Die Slomann’sche Reederei von Hamburg kommt mit Recht in Verruf“, hieß es in dem dazu erschienenen Pressebericht. So hätten Untersuchungen ergeben, dass Unreinlichkeit und ungenügende Verpflegung schuld an der Katastrophe gewesen seien, „daß also eine hundertfache Todesschuld auf diesen deutschen Reeder fällt, der aus Geiz und Habsucht das Schiff nicht gehörig verproviantirte“. Der Bericht verwies auf Zeugenaussagen, nach denen pro Person und Tag lediglich rund 0,3 Liter Wasser zur Verfügung standen – das Schiff war zwei Monate unterwegs! Auch mangelnde Hygiene soll – vor allem angesichts des südlichen Kurses und der herrschenden hohen Temperaturen – maßgeblich zum Ausbruch der Seuche beigetragen haben. Die doppelte Nutzung der Auswandererschiffe für den Güter- und Personentransport bescherte der Reederei hohen Gewinn. Es gab keine fest installierten Einrichtungen wie Kabinen oder sanitäre Anlagen, diese hätten den Laderaum zu stark verkleinert. Auf dem Zwischendeck wurden provisorische Etagenbetten aus Holz aufgestellt. Sitzgelegenheiten gab es meist keine, Tische selten. Dutzende Leute mussten auf engstem Raum wochenlang hausen. Unter dem Zwischendeck der „Leibnitz“ war ein zusätzliches Deck eingebaut worden, um noch mehr Passagiere unterzubringen.

Der von der New Yorker Einwanderungsbehörde bestellte Kommissar Friedrich Kapp beschrieb das Schiff als „vollständige Pesthöhle“. Lutz Meinhardt zitiert in „Mecklenburger in den USA“ den Brief einer Tagelöhnerfrau aus Ulrichshusen, deren Mann und zwei Kinder auf dem Schiff gestorben waren: „New York, den 19. Januar 1868 Lieber Vater und Mutter! Das Elend, das wir auf dem Leibnitz kennengelernt haben, ist nicht zu beschreiben. Unser Lager war eng und finster, und herrschte eine schrecklich ungesunde Luft in dem Raum; unser Essen schlecht und ohne Geschmack gekocht, oft angebrannt und nicht gar; das Brod oder Schiffszwieback schimmlich mit Maden und Würmern versehen, die Butter ungenießbar ... und gab es auch von Allem so furchtbar wenig, daß wir uns kaum den Hunger stillen konnten, namentlich war das wenig verabreichte Wasser unser größter Mangel. Durch die schlechte Luft im Raum, wo wir lagen, das sehr schlechte Essen und auch wohl durch die rasche Veränderung des Klimas, brach sehr bald eine Krankheit aus, die wir für Cholera hielten.“ Wie die Auswandererzahlen der Folgejahre zeigen, hielten solche Berichte wohl kaum einen Reisewilligen davon ab, in Amerika sein Glück zu suchen.

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