Biografie : Gedankenreise durch Crivitz

Der Crivitzer Mandolinenchor im Jahr 1956: Das Foto weckt bei Erika Pahl Erinnerungen.
Der Crivitzer Mandolinenchor im Jahr 1956: Das Foto weckt bei Erika Pahl Erinnerungen.

Erika Pahl berichtet, wie sie in der mecklenburgischen Kleinstadt heimisch geworden ist.

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12. Januar 2018, 00:00 Uhr

Ein Foto aus meinem Schreibtisch katapultiert mich in die Vergangenheit. Ich erinnere mich, dass ich in der 4. Klasse einen Aufsatz, mit dem Titel „Beschreibe deine Stadt“ zu schreiben hatte. Das war für mich damals eine unmögliche Aufgabe, zumal ich noch gar nicht so lange in Crivitz wohnte. Durch Kriegsumstände bedingt wechselte meine Familie den Wohnsitz von Schwerin nach Crivitz, sozusagen am Rande der Stadt. Damals fand ich, dass dies keine Stadt sei. Viel zu kleine Häuser, Pumpen an den Straßen. Kühe, Schafe, Pferde wurden zeitweise durch die Straßen zu den Wiesen getrieben und ich meinte: Es stank überall nach Mist. In den Aufsatz schrieb ich damals, dass Crivitz nicht meine Stadt sei.

Die Schule aber habe ich gern besucht, wenn auch durch die sehr vollen Klassen das Lernen anstrengend war. In meiner Klasse waren viele Kinder von den umliegenden Dörfern und viele Flüchtlingskinder. Alle wollten wir lernen, alle strengten sich an, auch wenn es in den Großfamilien kaum die nötigsten Schulsachen gab. Alle Lehrer waren sehr bemüht, hatten sie es in der Nachkriegszeit auch nicht so einfach, so viele Kinder zu unterrichten. Es gab auch Aktivitäten neben der Schule. Es gab Wanderungen durch die Natur, um für die Apotheken Kräuter zu sammeln. Auch wurden Kartoffelkäfer und Larven gesammelt, um sie dann im Rathaus abgezählt abzugeben.

Ich erinnere mich heute gerne an die kleinen Geschäfte von Crivitz. Allein in der Grünen Straße gab es drei. Da war Kaufmann von Walsleben, der stets darauf achtete, dass die Lebensmittelmarken vorgelegt wurden. Auch war es üblich, dass leere Zucker-, Mehl- und Brötchentüten immer wieder mitgebracht werden mussten. Zwei Häuser weiter befand sich das Geschäft von Rossschlächter Baumgarten, der die beste Pferdebockwurst hatte. Noch zwei Häuser weiter war der Bäcker Quade mit seinen leckeren Brötchen. Am Crivitzer Markt lag das Textilgeschäft von Willy und Else Mann. Nebenbei waren sie auch Musikliebhaber. Sie warben um Schüler, um ihnen das Akkordeon-, das Mandolinen-, und das Gitarrespielen beizubringen.

Schülerinnen und Schüler meldeten sich. Frau Mann nähte für die Mädchen blaue Röcke mit weißen Tupfen und Gummizug sowie weiße Blusen. Das war dann unsere Kleidung, die wir bei Auftritten anzogen. Mit Leiterwagen fuhren wir über die Dörfer Zapel, Barnin, Tramm und brachte volkstümliche Weisen zu Gehör. Unser Lohn war dann stets der Beifall.

Unsere Auftritte im „Volkshaus“ (jetzt ein Gebäude für „Betreutes Wohnen“) in Crivitz, Parchimer Straße, waren immer gerne gesehen. Neben unserer Mandolinengruppe traten auch die Schulchöre, Volkstanzgruppen der Schule auf sowie auch die damalige Schalmeienkapelle der Feuerwehr. Die Schalmeienkapelle war noch lange Zeit in Crivitz sehr beliebt.

Inzwischen sind Jahre ins Land gegangen, ich wohne immer noch in Crivitz mit meinem Mann, der seinerzeit aus Niederschlesien flüchten musste. Im späteren Jugendalter hatte ich meine Meinung über unsere Stadt doch korrigieren müssen. Hier auf dem Lande hielten die Menschen mehr zusammen, halfen sich untereinander ohne viele Worte, was man heute noch beobachten kann.

Die Grüne Straße, in der ich seit dem 7. Lebensjahr wohne, war auch wirklich grün. Grüne Haustüren, Fensterläden, das Grün zwischen dem Kopfsteinpflaster, die Bänke vor den kleinen Häusern, die Milchkannenböcke und die alten Pumpen. Viele Kinder in unserer Straße, davon überwiegend Flüchtlingskinder, sorgten immer wieder für Spiel und Spaß. Seilspringen, Völkerball, Murmelspiel, Handstand, Kippel-Kappel. Aus alten Fahrradschläuchen bastelten wir uns kleine Bälle und aus Blechdosen Stelzen. Die alten Bauern saßen abends auf ihren Bänken vor dem Haus und rauchten Pfeife.

Es gab schon einige Originale in Crivitz, die mir immer wieder in den Sinn kommen, wenn über alte Zeiten gesprochen wird. Zum Beispiel war da Herr Dümpelfeld mit seinem Eiswagen, der an den Straßenecken klingelte, um leckeres Eis zu verkaufen. Da waren Herr Meier und Herr Pietschmann, die als Fuhrunternehmer mit ihrem Pferdewagen durch die Straßen fuhren. Bäcker- und Milchwagen brachten ihre Ware zu den Käufern, auch über Land. Herr Geburek war der Ausrufer der Stadt. Er hatte nur einen Arm, mit dem er an den wichtigsten Straßenkreuzungen die schrille Glocke hin und her schwang, bis sich Fenster und Türen öffneten. Energisch und laut teilte er die wichtigsten Bekanntmachungen des Bürgermeisters mit.

Ich lernte in meiner Kindheit nicht nur andere Menschen kennen, sondern auch einen Teil ihrer Kulturen und Eigenheiten. Doch dann war die Schulzeit zu Ende. Unsere Klasse traf sich ein letztes Mal zur Konfirmation. Von da an ging jeder seiner Wege. Ab und zu treffe ich noch Mitschüler. Doch zur Goldenen Konfirmation nach 50 Jahren und zur Diamantenen Konfirmation nach 60 Jahren, waren nicht mehr viele gekommen. Nach nunmehr 70 Jahren kann ich sagen: Crivitz ist meine Stadt.

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