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Geschichte : Geburtsstunde der Kinderkrippe

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Vor 140 Jahren öffnete in Schwerin die erste „Säuglingsbewahranstalt“ in Mecklenburg ihre Türen

Die erste große Kinderkrippe, damals bekannt als Säuglingsbewahranstalt, wurde in Europa 1844 in Paris eröffnet. Nur sieben Jahre später gab es solche Einrichtungen auch schon in Dresden und Hamburg. Als Grundlage für diese neue Form der Kinderbetreuung diente das bahnbrechende Wirken von Friedrich Fröbel (1782-1852), dem Begründer des Kindergartens in Deutschland. Mit der Landflucht, der beginnenden Industrialisierung und der damit verbundenen Auflösung der Großfamilien war es nur eine Frage der Zeit, dass man zu einer neuen Form der Kinderbetreuung außerhalb des Familienverbandes fand, und da hatte Fröbel die richtigen Ideen und Vorschläge.

Dieses Vorhaben stieß auch in der mecklenburgischen Landeshauptstadt Schwerin auf Interesse. Erste Schritte dazu wurden auf Anregung und Wunsch der Großherzogin Elisabeth 1874 eingeleitet, nachdem bereits in der Stadt Kleinkinderschulen und ein Kinderhospital eröffnet wurden.

Ein Jahr darauf – vor genau 140 Jahren – öffnete eine Kinderkrippe ihre Türen. Im ersten Halbjahr wurden dort 16 Säuglinge, elf Mädchen und fünf Jungen, betreut. Einen ausführlichen Bericht darüber und über die ersten fünf Jahre des Bestehens dieser Krippe schrieb der großherzogliche Leibarzt Dr. C. Mettenheimer in der bei Hinstorff 1881 veröffentlichten Publikation über die „Schweriner Säuglingsbewahranstalt“ (Zur Geschichte der öffentlichen Wohlthätigkeit und Gesundheitspflege in Mecklenburg). Finanziert werden konnte die Krippe durch Zuwendungen des Herrscherhauses und zahlreicher Spender, geleitet wurde sie durch einen Verein. Ihr Standort befand sich im einstigen „Cadettenhaus“ in der Bergstraße. Der Verein erließ eine Verordnung mit dem wichtigsten Paragraphen 2: „Die Bestimmung der Anstalt ist: Solchen armen, verheiratheten oder verwittweten Frauen, die durch ihre Arbeit sich und ihre Familie ernähren müssen, ihre Kinder bis zum vollendeten 2., ausnahmsweise bis zum 3. Lebensjahre an sämmtlichen Wochentagen mit Ausnahme des Sonntags, nicht aber zur Nachtzeit, abzunehmen, zu warten, zu pflegen und zu ernähren, soweit nicht letzteres die Mutter neben ihrer Arbeit selbst zu thun imstande ist.“

Neben der Vorsteherin und zwei Hilfskräften wurde die Leitung der Anstalt abwechselnd von jeweils einer der zwölf Aufsichtsdamen aus der Schweriner vorwiegend bürgerlichen Gesellschaftsschicht geleistet. Zudem gab es eine gute ärztliche Betreuung der Kinder. Die Krippe hatte von sechs Uhr morgens bis sieben Uhr abends geöffnet, in den Wintermonaten von morgens sieben Uhr.

Jedes Kind wurde in der Krippe zweimal am ganzen Körper gewaschen, erhielt seine eigene Hauskleidung, und bei Krankheiten erfolgte durch den Krippenarzt eine Isolation. Befanden sich die Kinder außerhalb des Hauses, wurden sie den Temperaturen entsprechend gekleidet. Die Verpflegung der Säuglinge und Kleinkinder bestand überwiegend aus gesüßter Milch, mittags eine Suppe, je nach Alter mit Gemüse, Fleisch, Reis, nachmittags und abends eine Semmel sowie Milch. Wenn die Mütter allerdings noch stillten, wurde morgens und abends diese Ernährung bevorzugt. Die Räumlichkeiten im einstigen Cadettenhaus, Bergstraße 21, waren groß, hell, warm mit Blick auf einen großen Garten. Von 1875 bis 1880 besuchten 128 Kinder die Krippe, davon 52 Säuglinge bis zu einem Jahr.

Die Eltern selbst zahlten nur einen ganz geringen Betrag für die Unterbringung der Kinder, die zu etwa 50 Prozent aus Familien stammten, in denen Mutter und Vater einer Arbeit außerhalb des Hauses nachgehen mussten. Gut 25 Prozent der zu Betreuenden kamen aus Familien, die wegen der Trunksucht oder dem Ableben des Vaters in große Not geraten waren. Die ersten Erfolge stellten sich bald ein, wie Mettenheimer – vom Großherzog zwischenzeitlich geadelt – in seinem Jahresbericht 1877/78 feststellen konnte. Er schreibt: „Die Eltern haben sich überzeugen können, daß die Kinder nach längerer Verpflegung in der Krippe frischer, freundlicher, besser genährt aussehen als vorher; bei gar manchem Kind haben sich ungesunde Anlagen, Zeichen von Scrophulose und englischer Krankheit, Ausschläge, Drüsenanschwellungen und Schleimhautreizungen durch den Aufenthalt in unserer Anstalt verloren.“

Für die Zukunft dieser Kinderbetreuung riet Mettenheimer, eine zweite solche Einrichtung in einem anderen Stadtteil zu eröffnen. Ferner meinte er, es seien Überlegungen anzustellen, eine Unterbringungsmöglichkeit für außerehelich geborene Kleinkinder zu schaffen.

Nachdem seine Schrift 1881 erschienen war, wurde zwei Jahre darauf ein größeres Gebäude, das Anna-Hospital, erbaut und als Kinderkrippe übergeben. Einer der größten und nachhaltigsten Erfolge von Carl von Mettenheimer aber war 1884 der Aufbau eines modernen Kinderhospitals im Ostseebad Graal-Müritz. Noch heute gibt es die Reha-Kinderklinik – 1996 modernisiert –- unter dem alten Namen „Tannenhof“.

 

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