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Massentierhaltung MV : Geburtsstunde der Hühnerfarmen

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

In den 1930er-Jahren wird die Massenhaltung von Federvieh im Lande populär. Jährlich führte Mecklenburg vier Millionen Eier aus

Bereits Wilhelm Busch wusste zu reimen: „Mancher gibt sich viele Müh mit dem lieben Federvieh, einerseits der Eier wegen, welche diese Vögel legen, zweitens weil man dann und wann einen Braten essen kann…“

Gleichwohl gehören Hühner zwar zu den ältesten Haustieren überhaupt, haben in Mitteleuropa aber eine relativ junge Geschichte. Gehalten wurden die ersten Hühner wohl 6000 Jahre vor Beginn der Zeitrechnung im alten China. Danach lässt sich die Hühnerhaltung auch bei den Phöniziern, Persern, Ägyptern und Römern nachweisen. Nach dem Untergang des Römischen Reiches verschwindet auch die Kunst der Hühnerhaltung. Erst Karl der Große (747-814) verfügt wieder, dass es auf jedem seiner Landgüter mindestens 100 Hühner geben soll.

In Italien und Frankreich entwickelt sich in den darauffolgenden Jahrhunderten insbesondere bei kleinen Landwirten und Häuslern eine recht schwunghafte und erfolgreiche Hühnerhaltung. In Deutschland fand diese Form der Geflügelzucht seinerzeit noch recht geringe Beachtung. Auch die Landwirtschaftsvereine des 19. Jahrhunderts lassen das Federvieh links liegen. Das Huhn wird zum bloßen Hofkehrer der Bauern, mit ihm ist kein Geld zu verdienen.

Um etwa 1925 werden dann die USA zum Vorreiter der Massenhaltung von Hühnern, die etwa ab 1930 in Europa und konkret auch in Mecklenburg zunehmend populärer wird. Aufgrund der Inbetriebnahme zahlreicher Hühnerfarmen Ende der 1920er-Jahre veranstaltete die neugegründete „Mecklenburgische Eier- und Geflügelverwertung zu Rostock“ Lehrgänge zum Thema „Genossenschaftliche Eierverwertung“.

Bereits 1930 führte Mecklenburg jährlich vier Millionen Eier aus. Mit Lastkraftwagen wurden die Eier im Land gesammelt, im Güstrower Lager der „Mecklenburgischen Eier- und Geflügelverwertung“ nach fünf Größenklassen sortiert und mit einem „Deutschen Frischei-Stempel“ versehen. Bereits am Tag darauf erreichten die täglich etwa 50 000 bis 60 000 Eier den Markt in der damaligen Reichshauptstadt Berlin.

Nach dem Krieg blieb die Eier- und Geflügelproduktion bis zu Beginn der 1950er- Jahre den Einzelbauern vorbehalten. Erst unmittelbar nach der Gründung Landwirtschaftlicher Produktionsgenossenschaften (LPG) in der DDR zu Beginn der 1950er-Jahre begannen diese auch im südwestlichen Mecklenburg mit dem Neubau von Hühnerställen. Die ersten Stallanlagen entstanden dort ab 1955 in Eigenleistung in den LPG , unter anderem in Conow, Vielank und Neu Kaliß.

In Neu Kaliß errichtete der VdgB (Verein der gegenseitigen Bauernhilfe) neben zwei Hühnerställen für insgesamt 500 Tiere auch eine Geflügelaufzuchtanlage. Gerlinde Fuhrmann aus Neu Kaliß erinnert sich: „In einer Hälfte eines anliegenden Wohnhauses waren fünf Brutstationen eingerichtet, drei davon für Hühner und zwei für Enten und Gänse. In der anderen Haushälfte wohnte die Leiterin der Hühnerfarm, Hedwig Kraft. Gefüttert wurden Roggen und Kleie. Die Haushuhnrasse „Weißes Leghorn“, auch bekannt als „Italiener“, hatte eine Lebenserwartung von nur zwei Jahren. Noch auf dem Farmgelände wurden die Eier gesäubert, in Stiegen verpackt und zum Verkauf vorbereitet. Um festzustellen, ob Eier befruchtet waren, wurden sie zuvor in Brutapparaten durchleuchtet. Die Hühner- und Hähnchenküken wurden in speziellen Kükenställen gehalten und separat verkauft. Probleme bei der Zucht bereitete der seinerzeit häufige Stromausfall. Oft mussten die Geflügelzüchterinnen daher nachts raus, um nach den Küken zu sehen.

1959 übergab der VdgB die Geflügelanlagen an die LPG „Neue Zeit“ Neu Kaliß. In den folgenden Jahren wird in der SVZ mehrfach die plangesteuerte Überbelegung der Hühnerställe kritisiert. So mussten damals in einem Stall für 250 Hennen 1100 Tiere im Alter von drei Monaten gehalten werden.

Um aber der internationalen Entwicklung der Geflügel- und Eierproduktion folgen zu können, wurden 1961 in die DDR sechs geschlossene Leghorn-Linien in Form von Bruteiern aus westdeutschen Zuchtherden für die geplante intensive Eier-Erzeugung importiert.

1964 arbeitete man eine erste Konzeption für den Bau einer sogenannten Broilermastanlage aus. Ab 1968 wurde begonnen, industriemäßig produzierende Anlagen in der Geflügelwirtschaft aufzubauen. Es entstanden die ersten KIM-Betriebe. Die Abkürzung stand für Kombinat Industrielle Mast. Hierfür wurden Maschinen und Anlagen aus Jugoslawien und England importiert.

Einer von 22 KIM-Betrieben der DDR, in denen Eier- und Broilermast betrieben wurde, befand sich in Ferdinandshof, Betriebsteil Rothemühl, im heutigen Landkreis Vorpommern/Greifswald. In diesem Betrieb wurden 1969 bereits 6,7 Millionen Eier und 50 Tonnen Geflügelfleisch produziert. Werbestrategen leiteten aus der Abkürzung KIM den Werbespruch „Köstlich –Immer – Marktfrisch“ ab.

Die Eröffnung der ersten Goldbroiler-Gaststätten in der DDR brachte für die bisher weitgehend vernachlässigte Gastronomie einen durchschlagenden Erfolg. 1971 wurde die Broiler-Bar im Erdgeschoss des Hotels Neptun in Warnemünde eröffnet und hat sich bis heute unter dem Namen „Grillstube Broiler“gehalten. Seit dieser Zeit wird dort das Hähnchen mit Puszta-Soße und Pommes serviert.

 

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