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Neustadt-Glewe : „Gebaut und renoviret“: Wenn Balken reden

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Inschriften lassen an einem Haus in Neustadt-Glewe ein Stück Stadtgeschichte lebendig werden

Seit Anfang des 14. Jahrhunderts ist in Deutschland das Beschreiben von Dachbalken bekannt. Inschriften über Einfahrten und Eingängen wurden zumeist an Balken von Fachwerkhäusern eingeschnitzt oder aufgemalt. Sie dienten ab der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts bis Anfang des 20. Jahrhunderts mit Segenssprüchen zum Schutz und zur Abwehr von Gefahren. Hausinschriften beschränkten sich auf die Angabe des Baujahres. In den folgenden Jahren wurden die Namen der Erbauer und des verantwortlichen Zimmermanns angeführt. Auch die späteren Einwohner wurden oftmals am Holzbalken verewigt.

In der Nacht vom 26. auf den 27. Juli 1728 brach in Neustadt (heute Neustadt-Glewe) ein Feuer aus und zerstörte fast alle Häuser einschließlich der Kirche. Nur das Amtshaus, das neue Schloss, die Burg, die Schule, die Kornmühle und einige „Zwantzig Bürgerwohnungen“ blieben erhalten. Auch das Haus in der Wasserstraße 18 blieb vom Feuer verschont.

Die Balkeninschrift führt in die Vergangenheit.
Die Balkeninschrift führt in die Vergangenheit.
 

Über dem Eingang dieses Wohnhauses befand sich bis ins Jahr 2007 eine unleserliche Inschrift, die mich als Heimatforscher schon seit Jahren interessierte. Nach Absprache und Zustimmung des Hausbesitzers rückte Ende August ein Fachmann mit Abbeize und entsprechender Ausrüstung an. Es mussten fünf Farbschichten entfernt werden. Von dem, was dort zum Vorschein kam, waren wir begeistert. Nicht nur das Erbauungsjahr wurde sichtbar, sondern auch das Jahr der Renovierung 1753.

Laut mir bekannter Aussage wurde das Haus 1675 von der Neustädter Schützenzunft erbaut. Entweder war Kaufmann Christian Wilcke der Bauherr, oder er erwarb das Haus später vom Verein. Die Schützenzunft oder Gilde verteidigte ihre Stadt bei militärischen Angriffen, beerdigte in Zeiten der Pest oder anderer Katastrophen die Toten oder kümmerten sich um die Erkrankten.

Mit dem Namen Christian Wilcke verbindet sich ein Streit, den dieser und zwei weitere Bürger seit 1719 mit dem im Jahre 1717 gewählten Bürgermeister Nicolaus Böteführ hatten. Sie warfen diesem unter anderem Korruption vor.

Die Renovierung wurde am
28. Juni 1753 beendet und einen Monat später wurde der erwähnte Bürgermeister beerdigt. Aber auch mit Bürgermeister Rudolph von Neuendahl stritt Wilcke sich 1725/1726. Hier ging es um die zusätzliche Einquartierung von Lüneburger Soldaten. Im „Mecklenburgischen Beichtkinderverzeichnis“, einem Buch von 1751, wird Wilcke noch erwähnt.

Auch der Name Siggelkow ist im damaligen Neustadt nicht unbekannt. Sicher ist die genannte Dorathea die Ehefrau von Christian Wilcke. Ihr Name erscheint in dem erwähnten Buch nicht mehr. Sie muss zu diesem Zeitpunkt (1751) schon verstorben sein. Hier schließt sich wieder der Kreis zum Bürgermeisters Nicolaus Böteführ. Sein Schwiegervater hieß Johann Siggelkow.

Der lang gezogene Schuppen neben dem Wohnhaus, das eigentliche Schießhaus, hat in seinem Fachwerk den Namen Fr. Dunz und das Datum 1876 eingearbeitet. Es handelt sich hier um den Stellmacher Friedrich Dunz, den Großvater von Bäckermeister Werner Dunz (jetzt Bäcker Mattlock). Ihm gehörte zu dieser Zeit das Grundstück Wasserstraße 18. So helfen alte Haustürbalken, Menschen kennenzulernen, die vor langer Zeit in unserem Umfeld lebten.

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