DDR-Historie : Für Solidarität und Klassenkasse

Altstoffaufkäufer Erwin Musall sortiert 1982 in Heiddorf allerlei Flaschen.
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Altstoffaufkäufer Erwin Musall sortiert 1982 in Heiddorf allerlei Flaschen.

In der DDR sammelten Schüler und Erwachsene flächendeckend Altstoffe.

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29. Dezember 2017, 00:00 Uhr

Altstoffe zu sammeln war keine Eigenart, der nur die DDR-Bürger nachgingen. Wiederverwertbare Altstoffe wurden in Deutschland bereits während des Ersten Weltkrieges zum Ausgleich für verlorene Rohstoffimportquellen zusammengetragen. Während des Zweiten Weltkriegs war das Sammeln von Sekundärrohstoffen durch die Schuljugend unter Aufsicht des Reichskommissars für Altmaterialverwertung erneut eingeführt worden.

Nach dem Krieg dauerte es nicht lange, ehe das Sammeln von Altstoffen erneut an Popularität gewann. Die stetig steigende Nachfrage der stets rohstoff- und devisenknappen DDR führte noch in den 1950er-Jahren zur Entwicklung eines strukturierten Aufkaufsystems und wenige Jahre später zum Aufbau eines recht engmaschigen Sekundärrohstofferfassungssystems (VEB SERO).

Die Aufkaufstellen wurden in der Regel nebenberuflich von privaten Kleinunternehmern betrieben, die relativ gut daran verdienten. Das SERO-System mit seinen staatlich festgelegten Aufkaufpreisen stellte vor allem für Schüler einen finanziellen Anreiz zum Sammeln von hauptsächlich Glas, Papier und Pappe, Lumpen und Schrott dar.

Die in der Regel über die Schule organisierten Altstoffsammlungen waren Quelle volkswirtschaftlich wichtiger Rohstoffe für verschiedene Industriezweige. So wurden beispielsweise in der Papierindustrie zu ca. 40 Prozent und in der Getränke- und Lebensmittelindustrie zu ca. 60 Prozent Altstoffe verwendet.

In fast jedem Dorf existierten bereits in den 1960er-Jahren Annahmestellen für Altstoffe. Selbst erinnere ich mich, dass in Abständen auch mobile Aufkaufstellen – Lkw mit Anhänger – in meine Heimatgemeinde Neu Kaliß kamen. Die Aufkäufer der mobilen Aufkaufstellen verteilten an „fleißige“ Sammler oftmals die recht begehrten Lack- oder Abziehbilder, die sich sammeln oder in Poesiealben kleben ließen. Später gab es auch Lose der sogenannten „Rumpelmännchen-Lotterie“.

In der Regel wurde eine Altstoffsammlung über die Schulklasse einmal monatlich organisiert. Die Sammeltage am Mittwoch ersetzten den sogenannten Pioniernachmittag, ein Freizeitangebot der Pionierorganisation „Ernst Thälmann“. Entweder verabredeten wir uns mit Freunden und Nachbarn oder sammelten innerhalb fester „Lernbrigaden“.

Bevor die Sammlung startete, wurden Hand- und Ziehwagen organisiert und die Sammelroute verabredet. So zogen wir in kleinen Gruppen entlang der damals noch vorhandenen Pferdewege - Gehwege entstanden erst später – von Haus zu Haus. An den Haustüren lautete unsere Standardfrage: „Haben Sie Flaschen, Gläser, Altpapier oder Lumpen für uns?“ Vor allem Rentner gaben gern ihre Altstoffe her, war ihnen der Kinderbesuch doch meist eine willkommene Abwechslung und in der Regel eine gern wahrgenommene Gesprächsgelegenheit. Um die Altstoffe „zu heben“, ging es hierzu in den Keller, ein anderes Mal in Stallungen oder Garagen. Flaschen und Gläser lagen auch schon mal im Freien. In Neu Kaliß war die erste Altstoffannahmestelle ab den 1960er-Jahren im Gebäude der BHG (Bäuerliche Handelsgenossenschaft) eingerichtet und wurde vom damaligen Leiter der BHG, Karl Schult, „nebenbei“ betrieben. Damals wurden für eine Flasche oder ein Glas zwischen 5, später 20 Pfennige, für Gläser 5, später 30 Pfennige und für Lumpen 15, später 50 Pfennige je Kilo gezahlt. Zeitungen und Zeitschriften wurden mit 8, später mit 30 Pfennige je Kilo vergütet.

1973 wurde die Altstoffannahmestelle in Neu Kaliß von der BHG zur Schleuse „Findshier“ verlegt. Dort nahm der Schleusenmeister Karl Schulenburg im Nebenerwerb die Altstoffe in einem alten Schuppen an. Während aus der BHG noch die Gerüche von Saatgut und Dünger in Erinnerung sind, dominierte dort der muffige Geruchsmix von nassem Papier und säuerlich-abgestandenen Spirituosen.

Um 1970 fanden die schulischen Altstoffsammlungen häufig unter einem Motto statt wie „Solidarität mit den Völkern der Welt“, „Solidarität mit Vietnam“, „Hilfe für den Wiederaufbau in Vietnam“, „Hilfe für Mosambik und Angola“. Die Erlöse wurden auf Solidaritätskonten eingezahlt, kamen aber oft auch der Klassenkasse zugute. An der Schulwandzeitung wurde ein regelrechter Sammelwettbewerb initiiert.

Ende der 1970er-Jahre wurden die Preise für die Sekundärrohstoffe erhöht, so dass die Ablieferung von Altstoffen auch für „Otto Normalverbraucher“ interessant wurde. Die Altstoffsammlungen der Pionierorganisation verloren daher zunehmend an Bedeutung. 1980 übernahm der Fabrikarbeiter Erwin Musall in Heiddorf die Altstoffannahmestelle der Gemeinde Neu Kaliß. Obwohl die Ankaufszeiten auf mittwochs und sonnabends festgelegt waren, erfolgte die Annahme auch außerhalb dieser Zeiten, natürlich bei Anwesenheit des Aufkäufers. Vierzehntägig fuhr ein Lkw mit Anhänger vom VEB SERO Grabow auf den Hof, um die bereits gut vorsortierten Flaschen und Gläser sowie das gebündelte Papier und die in Säcken verstauten Lumpen abzuholen.

Die Altstoffannahmestellen arbeiteten aus Werbegründen zuletzt unter dem SERO-Logo eines rosafarbenen Elefanten „Emmy“. Vorläufer war das von dem DDR-Comic-Zeichner Hannes Hegen entworfene Rumpelmännchen, welches in den Anfangsjahren der DDR als Aushängeschild der Altstoffsammelstellen diente. Ein Reim aus dem SERO-Werbe-Quartett-Kartenspiel von 1976 lautete: Wichtig sind auch alle Flaschen, tragt sie heran in Euren Taschen!

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