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Mythen in MV : Füchse beflügelten die Fantasie

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Meister Reinecke durchstreift die mecklenburgische Sagen- und Märchenwelt

svz.de von
erstellt am 24.Sep.2016 | 00:00 Uhr

Füchse scheinen die menschliche Fantasie schon von je her zu den unterschiedlichsten Geschichten inspiriert zu haben. Fuchsmythen gab es bereits im alten Asien und in Südamerika. Mit dem Fuchs beschäftigen sich sowohl die Fabeln der Antike als auch die mitteleuropäische „Reineke Fuchs“-Erzählung. So wird er gelegentlich als egoistischer Schurke, als strahlender Held oder als zwielichtiger Vagabund dargestellt.

Zu den spannendsten und am bildreichsten erzählten Geschichten, die mir aus der eigenen Kindheit bekannt sind, gehörten die Abenteuer des Fuchses mit dem Wolf. Der Urgroßvater erzählte diese Geschichten von Reinicke und Isegrim noch in schönstem Plattdeutsch. Das bekannteste Märchen von Reinicke und Isegrim ist wohl das Märchen der Brüder Grimm „Der Wolf und der Fuchs beim Bauern“, in welchem der Fuchs vom Wolf an drei aufeinanderfolgenden Tagen aufgefordert wird: ‚Rotfuchs, schaff mir was zu fressen, oder ich fresse dich selber auf‘.

Bei der Vorstellung des Gefressenwerdens weiteten Kinderaugen sich oftmals bis zur „Tellergröße“. Wie selbstverständlich solidarisierten sich die kleinen Zuhörer eher mit dem schlauen Reinicke, dessen List und Durchtriebenheit ein kindliches Gemüt schon beeindrucken können. Die Märchen über das Zusammenleben des gefürchteten aber dummen Wolfes mit dem Fuchs, der listig jede kritische Situation zu meistern weiß, gehören mit zu den beliebtesten Geschichten, die einst in Mecklenburg erzählt wurden.

Das Volksmärchen vom Wolf und Fuchs verfügt heute über einen eigenen Eintrag beim Suchdienst Wikipedia. In diesem Eintrag erfährt der Interessierte, dass dieses Volksmärchen bereits ab Zweitauflage im Jahr 1818 in die Edition der Grimmschen Kinder- und Hausmärchen aufgenommen wurde. Als der mecklenburgische Volkserzähler Siegfried Neumann erstmalig 1970 im Akademie-Verlag Berlin die „Mecklenburgischen Volksmärchen“ herausbrachte, schöpfte er aus einem bereits vorhandenen Fundus, zusammengetragen von bekannten niederdeutschen Volkskundlern wie dem Pastor Johann Jacob Nathanael Mussäus, dem Autor der „Mecklenburgischen Vaterlandskunde“ Wilhelm Raabe, dem Rostocker Germanistikprofessor Karl Bartsch, dem legendären Volkskundler Richard Wossidlo und vieler anderer hier nicht genannter Zuträger.

Unvergessen dürften auch die ebenfalls von Siegfried Neumann 1978 bei Hinstorff herausgegebenen Plattdeutschen Märchen sein, die liebevoll von Werner Schinko illustriert wurden. In diesem Buch fasste Neumann mehrere Fuchs-und-Wolf-Episoden in einem Märchen zusammen.

Der hier „Reinke“ genannte Fuchs ist auch die Hauptfigur eines Epos in Versen und in Prosa, dessen Tradition bis ins europäische Mittelalter zurückreicht. Eine 1498 in Lübeck gedruckte niederdeutsche Versfassung „Reynke de vos“ entwickelte sich im 16. Jahrhundert im deutschsprachigen Raum zum Bestseller. In den Jahren 1510, 1517, 1539 und 1549 wurden die Verse auch in Rostock gedruckt.

Die heute wohl bekannteste Fassung des Reineke Fuchs stammt von Johann Wolfgang von Goethe. In diesem Epos wird erzählt, wie sich der Übeltäter Reineke, der Fuchs, durch geniale Lügengeschichten und ausgesuchte Bosheiten aus allen prekären Lagen rettet und am Ende gegen seine Widersacher als Sieger durchsetzt. Er zwängt beispielsweise den Bären Braun in einen Baumspalt, bringt den Kater Hinz um ein Auge und schwindelt sich selbst unter dem Galgen noch aus der Schlinge heraus.

Im finalen und blutigen Turnierkampf vor dem König der Tiere, dem Löwen, bezwingt Reinke durch Heuchelei und List wieder einmal seinen Erzrivalen Isegrim und triumphiert über ihn. „Eine unheilige Weltbibel“ nannte Goethe das Buch, das unter dem Charakter der Tiere ein getreues Spiegelbild der Menschenwelt gibt.

So liegt es im heutigen Zeitalter modernster Kommunikations- und Unterhaltungstechnik zuvorderst in der Verantwortung der „Alten“, dieses wertvolle Kulturgut durch Weitererzählen in Erinnerung zu halten und somit als Kulturgut weiter zu bewahren.

 

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