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Flucht, Vertreibung, Neuanfang : Frieren in den Sommersachen

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Zu klein, nicht warm genug, oft geflickt: Die Kleidung der meisten Flüchtlingskinder war mehr als notdürftig

svz.de von
erstellt am 11.Feb.2017 | 00:00 Uhr

Als sich ein sechsjähriges Mädchen und seine Mutter im Januar 1945 auf die Flucht begeben, nehmen sie wenig Gepäck mit. Unterwäsche zum Wechseln und ein Kinderbesteck sind im Schulranzen des Mädchens. Ein dickes Federbett wird auf einen Kinderschlitten gebunden. Fürsorglich hat die Mutter ihrer Tochter die dicken Wollsocken ihres Vaters über die Schnürschuhe gezogen, denn es herrschen strengste Minusgrade.

Nur wenige Zeitzeugen, damals Flüchtlingskinder, können sich noch an ihre Kleidung erinnern. Für die Flucht wurde sie doppelt übereinander angezogen und wies oftmals keine gute Qualität auf, denn Kinderkleidung war seit Beginn des 2. Weltkrieges stark rationiert. Ihre Zuteilung erfolgte über die Reichskleiderkarte.

In Mecklenburg stehen die damaligen Kommunen vor großen Schwierigkeiten, um die vielen Flüchtlings- und Vertriebenenkinder zu kleiden, die ab Januar 1945 aus den deutschen Ostgebieten ankommen. Bei der näheren Betrachtung einer Schulfotografie aus Laage bei Rostock fällt auf, wie dürftig die Schüler angezogen sind. Die Kinder sind stark abgemagert. Ihre Bekleidung ist vermutlich die einzige, die sie besitzen. Am Tag der Aufnahme scheint es noch recht kalt zu sein, da die Mädchen zu ihren langen Strümpfen extra warme Wollsocken bzw. Kniestrümpfe übergezogen haben. Der Junge links außen hat eine ausgebeulte Trainingshose, die mehrfach geflickt ist. Sein Jackenmodell, eine umgeänderte Kletterweste, gehörte einmal zur Uniform der BDM-Mädchen. Meist erhalten Flüchtlings- oder Waisenkinder ihre dringend benötigte Kleidung aus den Beständen des ehemaligen Reichsarbeitsdienstes oder des BDM.

Einige der Kleider sind für ihre Trägerinnen viel zu groß. Damit diese einigermaßen passen, wird ihre Weite durch zusätzliche Gürtel in der Taille gehalten. Womöglich stammen ihre Sachen aus Nähstuben. Hier zaubern ideenreiche Schneiderinnen aus Decken, abgetragenen Uniformteilen, Fahnen, Bettwäsche oder Fallschirmseide „neue Kleidung“.

Am 20. Dezember 1948 beschreibt eine Fürsorgerin die Lebensverhältnisse im Flüchtlingslager Neu Gramstorf: „Die Steinbaracken als feste Häuser sichern trotz ihrer Ziegel- und Zementfußböden, auf denen der größte Teil der Kinder aus Bekleidungsmangel noch barfuß herumlaufen muß, noch immer eine bessere Unterkunftsmöglichkeit, als es die Holzbaracken tun (…). Die Bekleidungsfrage ist in Neu-Gramstorf geradezu brennend. Am dringendsten fehlen: Unterwäsche, Schuhe, Strümpfe, Decken, sowie Jacken und Mäntel. Eine erhebliche Zahl der kleinen schulpflichtigen Kinder traf ich barfuß mit blaugefrorenen Beinen an. Ein Teil haben aus dem Vorjahre erhebliche Frostschäden. Viele Schulmädchen und kleinere Kinder besitzen nur einen und meistens sehr geflickten Schlüpfer. Ein zweiter ist zum Wechseln nicht da, wenn dieser eine gewaschen werden muß (...) In einem Fall (…) trägt ein 11-jähriger Junge, der keine Schuhe besitzt die Holzschuhe seines sehr großen 18-jährigen Bruders, der in Nachtschichten arbeitet, und sie am Tage nicht braucht, zur Schule. Trotzdem macht er immer den weiten Weg und versäumt nie den Schulunterricht. Richtige Winterkleidung haben nur wenige der Kinder, die meisten müssen mit dem Sommerzeug gehen (…). Sie sind aus ihrem Zeug herausgewachsen und es ist auch alles arg zerrissen und geflickt. Die meisten Mütter geben an, sie könnten ihre Kinder bisher nur durch Tausch aus ihren geringen Lebensmittelzuteilungen kleiden. Näh- und Stopfgarn wurde nur durch Lebensmittelfortgabe bezogen.“

 


 

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