Buchvorstellung : „Fri sall hei sin!“

Johannes Gillhoff war sehr fleißig: Kollegen berichteten, dass sein Arbeitstag von 5 bis 23 Uhr währte.
Johannes Gillhoff war sehr fleißig: Kollegen berichteten, dass sein Arbeitstag von 5 bis 23 Uhr währte.

Der Schriftsteller Johannes Gillhoff wirft in seinem Erfolgsroman „Jürnjakob Swehn“ einen kritischen Blick auf Mecklenburg.

svz.de von
19. Januar 2018, 00:00 Uhr

Erst im Alter von 56 Jahren veröffentlichte der Schriftsteller Johannes Gillhoff sein Hauptwerk: Jürnjakob Swehn, der Amerikafahrer. Das Buch war Ergebnis einer großen Fleißarbeit: Immer wieder wurde das Manuskript umgeschrieben, so beispielsweise im Sommer 1916, bis Gillhoff der Meinung war, den passenden Stil und die geeignete Sprache gefunden zu haben.

Er bot der Unterhaltungsbeilage der „Täglichen Rundschau“ in Berlin das Manuskript an. So erfolgte der erste Abdruck im Romanfeuilleton der Zeitung. Die Resonanz war gut und so entschloss sich der Verlag 1917 zunächst um jedem Risiko aus dem Weg zu gehen nur 3000 Exemplare in Buchform herauszugeben. Bereits zu Weihnachten 1919 waren 110 000 Bücher verkauft, jetzt auch mit den gelungenen Illustrationen von Professor Linder-Walther. Der Roman „Jürnjakob Swehn der Amerikafahrer“, einer der größten Bucherfolge zwischen den beiden Weltkriegen im deutschsprachigen Raum, wurde nachweislich 1919 und 1958 ins Norwegische, 1920 und 1959 ins Dänische, 1920 und 1943 ins Niederländische, 2000 ins Englisch-Amerikanische und 2010 ins Arabische übersetzt.

Auslöser und Mittel zum Zweck für die Niederschrift des Romans waren für Johannes Gillhoff Briefe ausgewanderter Glaisiner. In der langen Amtszeit des Vaters als Schullehrer, insgesamt 53 Jahre, sollen aus Glaisin 350 Frauen, Männer und Kinder nach Amerika ausgewandert sein. „Mit 250 dieser Auswanderer stand mein alter Vater im Briefwechsel.“ Nach Erscheinen des Buches vernichtete Gillhoff die Originalbriefe, um der Nachwelt zu verbergen, dass große Teile des Romans von ihm frei gestaltet worden waren.

Gillhoff war nicht der „alte Schreibersmann“, wie er sich nannte, der nur mit vorsichtiger Hand die Briefe für den Abdruck geordnet hat. Er war ein Schriftsteller, ein Künstler, der es meisterhaft verstand, das Genre des Briefromans für ein Buch zu nutzen, das bei allem Unterhaltungswert ein sehr kritisches ist. Allein die Tatsache, dass Gillhoff das Thema der Auswanderung wählte, spricht dafür. Wenn jemand seine Heimat verlässt, ist es immer oder fast immer ein Ausdruck von Unzufriedenheit. Ein Sujet, das bis heute nichts an Aktualität verloren hat.

Auch Johannes Gillhoff fand damals in der Heimat nicht die Erfüllung seiner Wünsche. Mit den Augen des ausgewanderten Tagelöhners Jürnjakob Swehn schaut er nun auf Altmecklenburg zurück und unterzieht die wirtschaftlichen, politischen und sozialen Verhältnisse seiner Heimat einer schonungslosen Kritik.

Als Kernaussage legt er Jürnjakob Swehn die Worte in den Mund: „Ich habe hier [in Amerika] gebaut. Ich habe hier gesät und geerntet. Ich habe hier viel Schweiß auf dem Acker liegen, und der Schweiß tut hier sein Ding grade so als drüben. – Ne, dat deiht hei nich. Bi mi hett hei en ganz Deil mihr dahn, as hei tau Hus dahn hadd. Im Dorf wär ich bei aller Arbeit doch man Tagelöhner geblieben, und wenn’s hoch kam Häusler, und meine Kinder wären wieder Tagelöhner geworden. Wir haben hier auch scharf ranmüssen, viel schärfer als in old County. Das muss wahr sein. Aber dafür hab’ ich auch mehr vor mich gebracht. Das muss auch wahr sein. Hier hab ich mich freigemacht. Hier stehe ich mit meinen Füßen auf meinem Boden und tagelöhnere nicht beim Bauern. Das Freisein ist schon ein paar Eimer Schweiß wert.“ – Reuters Forderung: Fri sall hei sin! findet bei Gillhoff Erfüllung.

Die Faszination des Buches geht aber von der Sprache aus. Gillhoff lässt seinen Helden in einer naiv und unbeholfen wirkenden, gelegentlich plumpen Erzählweise berichten, in eben jener so lebendigen Sprache des mecklenburgischen Tagelöhners. Gerade diese und der achtersinnige Humor Gillhoffs sind es, die den hohen Unterhaltungswert des Buches ausmachen. Erstmals wurde hier das Missingsch als sprachliches Medium für einen ganzen Roman verwandt.

In Jürnjakob Swehn hat Gillhoff eine literarische Gestalt geschaffen, die in ihrer Originalität dem Bräsig Reuters, dem Kaspar-Ohm Brinckmans und dem Köster Klickermann Tarnows ebenbürtig ist. Darüber hinaus wurde Jürnjakob Swehn zur Symbolfigur für den mecklenburgischen Auswanderer des 19. Jahrhunderts.


zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen