Bützower Maler Albert Martens : „Freiheit finde ich in der Farbe“

Der Künstler als Soldat – der Krieg brachte den sensiblen jungen Mann an seine Grenzen.
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Der Künstler als Soldat – der Krieg brachte den sensiblen jungen Mann an seine Grenzen.

Der Bützower Maler Albert Martens dokumentierte nach dem Krieg das von Bomben zerstörte Rostock

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26. November 2015, 09:48 Uhr

Vom Bützower Bahnhof kommend, an der alten Wasser- und Dampfmühle vorbei, geht es nach links in die erste Seitenstraße. Nach wenigen Schritten steht ein graues, mehrgeschossiges Haus, an dem eine Gedenktafel Interesse weckt. Dunkler polierter Granit mit schlichtem Text erinnert an den Bützower Maler Albert Martens (1923-1987). Ein Kreis von Freunden und Verehrern ließ diese Tafel im Sommer 2014 anbringen.

Doch wer war Albert Martens? Ein hochbegabtes Kind, auf jeden Fall. Eine Handvoll Bützower schätzte und förderte schon früh das Talent des schmalen, hochgewachsenen Jungen. Den meisten jedoch blieb er egal, ein verstörter, spleeniger Kerl, der ihnen etwas ablauschte oder auf dem Wall stand und kritzelte. Ein Taugenichts, wie es später hieß, der es zu nichts brachte, dem die Bützower Jugend, aber auch etliche der Älteren den „Ali“ nachriefen, „de dat an de Hacken hett!“

Aber das hatte mit dem Krieg und dem Danach zu tun. Albert Martens, Sohn des Mühlenarbeiters Friedrich Martens und der Ella Martens, geb. Blau, kommt zu Beginn des Krieges nach Berlin auf die Kunstakademie. 1942 muss er das Studium abbrechen, weil er eingezogen wird – Kriegsdienst in Polen und Russland. Der Kunststudent ist nun als Frontmaler unterwegs. Nach einem Heimaturlaub im Herbst 1943 begeht er einen Selbstmordversuch, kann aber gerettet werden.

„Du Stadt, mit tiefen Wunden, was über Jahrhunderte erbaut von Menschenhand zerstört, in wenigen Sekunden.“ So steht es auf einem Zettel aus einem Notizbuch des Malers von 1943, den ich von seiner Tochter Lisa bekam. Eine solche Notiz, ein solches Gedicht mit sich zu tragen, war damals nicht ungefährlich. Offiziere seines Bataillons setzen sich nach dem Selbstmordversuch für den jungen Maler-Soldaten beim Regiment ein. Er wurde in Unehren aus der Wehrmacht entlassen und in die Nervenheilanstalt Gehlsdorf bei Rostock eingeliefert, wo er mit Unterbrechungen bis zu Beginn der 1950er-ahre blieb.

Er zeichnete und malte das von Bomben zerstörte Rostock. Er malte expressiv gesteigerte farbsprühende Landschaften, lichtvolle Ostseebilder, Porträts, oft in Gaststätten, schnell mal so abgeluchst, wie er sagte. Viele Arbeiten von Albert Martens befinden sich in öffentlichen und privaten Sammlungen, aber er malte auch, um die vierköpfige Kinderschar durchzubringen, transparente Köpfe einer idealisierten Führungsriege, wofür er sich später schämte.

Der Zwang, Dinge zu verherrlichen, die ihm eigentlich von Grund auf verhasst waren, führte dazu, dass er ab Anfang der 1960er-Jahre überhaupt nicht mehr malte. Er saß am Fenster und guckte hinunter auf seinen Garten oder er lauschte dem Poltern der Warnow in der Schleusenkammer, dahinter einen Steinwurf entfernt das hochragende Massiv der Mühle.

Ich besuchte Albert Martens zu Beginn der 1970er- Jahre. Ich war dann häufig bei ihm. Zeigte ihm eigene frühe Arbeiten. Wartete begierig auf Ratschläge. Bekam auch Tadel und Lob zu hören. Am liebsten erzählte er von seiner Zeit als Student in Berlin. Er schwärmte von Willy Jaeckel, der 1939 als Professor durch einen Bescheid des Reichskulturamtes aus der Akademie ausgeschlossen wurde. Albert Martens besuchte private Kurse für Porträt und Akt im Atelier dieses Künstlers, dessen Arbeit von den Nazis als „entartet“ geschmäht wurde.

Albert Martens gilt als Bützower Original von beachtenswertem Kaliber – auch wenn er gegen Ende der 1970er-Jahre mit Frau und Kindern nach Zieslübbe im Landkreis Parchim zog. Dort starb er 1987. An den Maler, der auch musizierte und dichtete, erinnern sich Bützower heute noch, selbst einige der Jüngeren, die von Eltern oder Großeltern von ihm gehört haben, wissen, dass sie einst einen bekannten Künstler in ihrer Stadt hatten.

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