Ludwigslust : Frau Ellas Republikflucht

Das später von Bomben zerstörte Gasthaus „Zentral-Bahnhof“ um 1930. Zum Zeitpunkt des Angriffs 1945 gehörte es den Rädkes.  Repro: Kenzler
Das später von Bomben zerstörte Gasthaus „Zentral-Bahnhof“ um 1930. Zum Zeitpunkt des Angriffs 1945 gehörte es den Rädkes. Repro: Kenzler

Gastwirtin aus Ludwigslust musste sich vor Gericht wegen eines Fluchtversuchs verantworten – und gelangte kurz darauf doch in den Westen

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26. November 2015, 10:52 Uhr

Ihr Mann war gestorben, der Sohn lebte im Westen und in Ludwigslust gab es keinen Wohnraum – es mögen viele Gründe gewesen sein, die die Gastwirtin Ella Rädke 1961 dazu bewogen, die DDR zu verlassen. Allerdings blieben die Vorbereitungen darauf nicht geheim: Die Ludwigslusterin wurde verhaftet und musste sich vor Gericht wegen versuchter Republikflucht verantworten.

Bis zu diesem Zeitpunkt hatte sie in Ludwigslust ein arbeitsreiches Leben geführt. Die Gaststätte „Zentral-Bahnhof“, die sich bis zum 22. Februar 1945 in Ludwigslust in der Wöbbeliner Straße Nr. 3 befand, gehörte Albert und Ella Rädke. An jenem 22. Februar wurde sie durch eine Bombe völlig zerstört. Nur mit Mühe konnte sich das Ehepaar mit seinem kleinen Sohn aus den Trümmern des eingestürzten Hauses befreien.

Um diese Lücke im Gaststättenwesen zu schließen, zogen Rädkes in das Haus Nr. 9 ein, das ihnen ebenfalls gehörte und öffneten ein neues Lokal. Da durch die vielen Flüchtlinge zu dieser Zeit der Wohnraum knapp war, standen die Räume oben nicht zur Verfügung. Dem Ehepaar mit Kind wurden die drei Räume im Erdgeschoss zugewiesen. Für eine gemütliche Gaststätte stellten Rädkes zwei ihrer drei Wohnräume zur Verfügung, ihnen blieb nur die Schlafstube.

1952 starb Albert Rädke und seine Frau führte das Geschäft allein weiter. Außerdem betrieb sie eine Straßenfahrzeugwaage. Jedes Mal, wenn von der Waage aus geklingelt wurde, musste die Wirtin ihre Arbeit in der Gaststube unterbrechen, um mit dem Fahrrad zur Waage zu fahren. Während dieser Zeit waren die Gäste sich selbst überlassen. Alles, was beim Güterbahnhof abgeladen wurde, wurde von Ella Rädke gewogen – es gab dafür in Ludwigslust keine andere Möglichkeit. Frau Rädke war also eine redliche und fleißige Frau, die nach dem Krieg mit ihrer Arbeit ihren Anteil zur Verbesserung des Lebens in ihrer Umgebung leistete.

Das erkannte der Staatsanwalt bei der späteren Gerichtsverhandlung allerdings nicht – oder wollte es nicht erkennen. Mitte der 50er-Jahre hatte Ella Rädkes Sohn die DDR verlassen. Die Tatsache, dass er als junger Erwachsener immer noch mit seiner Mutter in einem Raum schlafen musste, und bessere Aufstiegsmöglichkeiten im Beruf bewogen ihn zu diesem Schritt. Im Frühjahr des Jahres 1961 machte sich „Frau Ella“ – wie der Staatsanwalt sie nannte – auf die Suche nach einem „Wohnzimmer“, das ihr nach sehr vielen Anträgen auch noch zu dieser Zeit im eigenen Haus verweigert wurde. Also sah auch sie nur im Westen die Möglichkeit, sich den Wunsch nach mehr Wohnraum zu erfüllen. In Ludwigslust waren die Mitarbeiter des Wohnungsamtes damals in erster Linie bemüht, für sich selbst und ihre Bekannten und Kollegen zu sorgen. Sogar eine Kriegswitwe mit Mutter und ihren zwei kleinen Söhnen musste trotz vieler Wohnraumanträge 16 Jahre in einer winzigen Stube und zwei ganz kleinen nicht heizbaren schrägen Kammern unter einem Pappdach vorliebnehmen. Das Wohnungsproblem der Gastwirtin interessierte den Staatsanwalt wie zuvor auch die Wohnraumverwaltung in keiner Weise.

Für die Vorbereitung der Flucht verurteilte das Gericht die Wirtin zu vier Monaten Gefängnis, umgewandelt in zwei Jahre Bewährung. Die nicht kurze Untersuchungshaft wurde bei der Urteilsfindung nicht berücksichtigt. Der Artikel, in dem damals in der Zeitung über den Fall berichtet wurde, endete mit dem Satz: „Jetzt liegt es nur an Frau Ella zu beweisen, dass sie die richtigen Schlussfolgerungen gezogen hat.“

Die hatte sie gezogen, denn der Weg führte sie vom Gefängnis geradewegs zum Bahnhof und damit in die Freiheit. Um eventuelle Beobachter abzuschütteln, kaufte Ella Rädke sich vor Antritt ihrer Reise eine Fahrkarte nach Neustadt/Dosse. Mit einem Strauß Rosen stieg sie dort wieder aus. Sie hätte notfalls berichtet, eine Freundin in diesem Ort besuchen zu wollen. Mit einer neuen Fahrkarte versehen nahm sie den nächsten Zug nach Berlin und hatte somit mutmaßliche Verfolger abgeschüttelt. Kurz vor dem 13. August 1961 erreichte Ella Rädke damit doch noch ihr Ziel.  

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