Flucht, Vertreibung, Neuanfang : Flüchtlingskinder hatten kaum das Nötigste

Auf dem Klassenbild von 1948 sind die Unterschiede in der Kleidung von Umsiedlerkindern und einheimischen Kindern gut zu erkennen.
Auf dem Klassenbild von 1948 sind die Unterschiede in der Kleidung von Umsiedlerkindern und einheimischen Kindern gut zu erkennen.

Knapper Wohnraum, wenige Lebensmittel: Die Nachkriegszeit war auch in Boizenburg voller Entbehrungen

svz.de von
31. Dezember 2016, 00:00 Uhr

Meine Kindheit habe ich in einer schwierigen Zeit in der Boizenburger Altstadt verlebt. Das waren die Jahre des Krieges und der Nachkriegszeit. Im Jahre 1939 geboren, habe ich die ersten Jahre des Krieges nicht bewusst erlebt. Kurz vor dem Ende des Krieges fiel in unserer Straße, der Mühlenstraße, die erste und auch wohl einzige Bombe, die auf die Stadt gefallen ist, auf das Werkstattgebäude des Schlossermeisters Koop. Einige Bomben fielen in die Wiesen vor Altendorf. Jedoch das Kriegsende hat die Stadt etwas stärker betroffen, weil die Alliierten, die jenseits der Elbe standen, die Stadt und ihre Umgebung mit Beschuss belegten.

Am 2. Mai 1945 kamen die amerikanischen Truppen in die Stadt und zogen weiter nach Schwerin. Die Besatzung wechselte am 1. Juni mit den britischen Truppen und am 1. Juli mit den sowjetischen Truppen. Ich erinnere mich an den Abzug der britischen Besatzung am 30. Juni. Es zogen lange Konvois von Militärfahrzeugen durch Boizenburg. Wir Kinder standen in der Markttorstraße und winkten. Dabei fiel ab und zu ein Keks für uns ab. Ganz anders verlief der Einzug der sowjetischen Truppen am 1. Juli. Die Stadt war mit einer Ausgangssperre belegt.

In der Folgezeit waren einige Gebäude der Altstadt von der Kommandantur belegt. Das war insbesondere das ehemalige Amtshaus am Kirchplatz. In meiner Erinnerung wurde auch die Villa des Tierarztes Brumm an der Quöbbe von den Russen beschlagnahmt. Der Keller der Villa wurde für Haftzellen benutzt. Als der Bruder meines Vaters, der mit uns im gleichen Haus wohnte, aus der britischen Gefangenschaft kam, musste er illegal die Demarkationslinie zwischen der britischen und der sowjetischen Zone überqueren. Weil er dabei gefasst wurde, musste er einige Tage im Brummschen Keller einsitzen, bevor er zu seiner Familie durfte. Meine Tante hatte für ihn Essen bereitet, das mein Cousin im Kochgeschirr an das Kellerfenster brachte, und ich durfte „Schmiere stehen“.

Russische Offiziersfamilien wurden auch in Privatwohnungen untergebracht. Wir sollten ebenfalls eine Familie in unserer kleinen Zweizimmerwohnung mit getrennt liegender Küche aufnehmen. Weil die beiden Zimmer aber Durchgangszimmer waren, konnte meine Mutter – Vater war noch bis 1949 in sowjetischer Gefangenschaft – eine Änderung erreichen. Die Familie zog beim Apotheker Mundt in das Gebäude der Neuen Apotheke ein. Zu uns kam eine aus dem Sudetenland vertriebene Familie Löster, die dann einige Zeit in unserem kleinen Wohnzimmer mit nur einer Liege wohnen musste. Wir haben uns mit diesem Ehepaar gut angefreundet. Beide waren schon etwas älter und für uns so etwas wie zusätzliche Großeltern. Herr Löster bekam Arbeit in der Schlosserei der Plattenfabrik (Fliesenwerk). Bei seiner Arbeit konnte er für mich aus Abfallblechen und vorhandenen Schrauben einen Stabilbaukasten bauen, wofür ich ihm noch heute dankbar bin. Als er bei seiner Arbeit tödlich verunglückte, zog seine Frau zu ihrer Schwester ins Allgäu. Sie blieb mit uns noch lange Zeit in Verbindung, schickte uns sogar hin und wieder ein Päckchen.

Diese Belegung der auch manchmal kleinen Wohnungen mit „Umsiedlern“ war überhaupt typisch. Boizenburg hatte in dieser Zeit seine höchste Einwohnerzahl.

Aber wir als Einheimische waren ja noch gut daran, denn die vielen Flüchtlinge und Vertriebenen mussten sich mit Wenigem behelfen und waren Fremde in den Wohnungen. Als ich im Jahr 1946 in die Schule kam, war der Unterschied auch oft zu erkennen. Während wir einheimischen Kinder noch leidlich gekleidet gingen, hatten die Flüchtlingskinder kaum das Nötigste. Das betraf nicht nur die Kleidung, sondern auch die Ernährung. Selbst ein Klassenbild aus dem Jahre 1948 lässt noch die Unterschiede in der Kleidung erkennen. Bald wurde eine sehr notwendige Schulspeisung eingeführt. Sie bestand aus einem groben Roggenbrötchen je Kind am Tag.
 

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