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Flucht, Vertreibung, Neuanfang : Flüchtlinge brauchen Quartier

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Bürgermeister Paul Behncke und seine Helfer sorgten in Heiddorf für Unterbringung und Versorgung der Ankommenden

Als der Heiddorfer Bürgermeister Paul Behncke im Juni 1945 begann, Lebensmittel und Quartiere für Kriegsflüchtlinge und Einwohnerschaft zu organisieren, konnte er zunächst weder auf Schreibmaschine noch auf Schreibpapier zurückgreifen. Die alten Aktenbestände waren so gut wie wertlos.

Bei der Lieferung von Schreibpapier halfen zunächst Nachbarn und andere Dorfbewohner. Geld für weitere Anschaffungen gab es nicht. Die ersten drei Monate arbeitete der neue Bürgermeister und mit ihm oftmals die ganze Familie ohne Bezahlung. Erst im September erhielt Paul Behncke ein erstes Gehalt von 80 Mark.

Irma Neumann, die Tochter des damaligen Dorfschulzen, erzählt, dass sich in Heiddorf zeitweise etwa 2000 Kriegsflüchtlinge aufhielten. Sie kamen mit Fuhrwerken und anderen Fahrzeugen durch den Ort und strebten der Elbe zu. Alle suchten nach Eßbarem und brauchten Kochgelegenheiten und in den Wintermonaten ein festes Dach über dem Kopf. So gehörte in diesen Tagen das Betteln, der Mundraub und „das Besorgen“ in Heiddorf zur Tagesordnung.

Am 2. Juli 1945 wechselte im Ort die Besatzungsmacht: Die Sowjets rückten ein. Die Aufgaben und Sorgen für den Bürgermeister blieben die alten: Es fehlte an Lebensmitteln und Unterkünften. Nicht selten hörte Paul Behncke die Worte: „Ne, wi hemm’ doch all wecke, nu noch dat!“

Und doch sollten die Heiddorfer mit den Umsiedlern noch enger zusammenrücken. Küchen und Sanitäranlagen wurden gemeinsam benutzt, die ohnehin knappen Lebensmittel mussten noch geteilt werden. Der Bürgermeister sah sich mehrfach veranlasst, für Mehl und andere Lebensmittel auch handschriftlich Gutscheine auszuschreiben. Die Versorgungssituation verbesserte sich erst mit Einführung der Lebensmittelkarten. Als 1946 Lebensmittelkarten ausgegeben werden konnten, erledigte dies Paul Behnckes Tochter Irma. Für die Anmeldung von Versorgungsleistungen mussten vom Bürgermeister wöchentlich Einwohner- bzw. Flüchtlingslisten getippt werden. Geholfen hat dabei eine schreibmaschinenkundige Kollegin der Tochter. Irma Neumann erinnert sich, dass sie half, die sowjetischen Offiziere unterzubringen und ihr Rat und ihre Hilfe fortan von diesen sehr gefragt waren. Während Paul Behncke als „Burgermeister“ angesprochen wurde, nannten die Rotarmisten seine Tochter „kleiner Burgermeister“. In ihren Erzählungen gebraucht sie noch heute die Formulierung: „Als wir damals Bürgermeister waren ...“

Ab 1946 durften Flüchtlinge nicht mehr unkontrolliert aufgenommen werden. Von da an bedurfte es einer amtlichen Bescheinigung vom Landratsamt in Ludwigslust. Obwohl bei Vergehen gegen diese Bestimmung Strafen drohten, verstießen Paul Behncke und als „kleiner Burgermeister“ auch seine Tochter des Öfteren gegen diese Vorschrift.  

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