Zeitgeschichte : Feuer im Gutshof

Nur der Westgiebel der Weizenscheune, hier aufgenommen im Frühjahr 1905, hatte den Brand am 28. Februar überstanden.
Nur der Westgiebel der Weizenscheune, hier aufgenommen im Frühjahr 1905, hatte den Brand am 28. Februar überstanden.

Vergessene Zigarre führte in Kägsdorf zur Zerstörung einer Scheune. Aufgrund der Reetdächer führten Brände schnell zu Katastrophen.

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23. Februar 2018, 00:00 Uhr

Nirgendwo sonst auf der Welt gibt es eine so große Dichte von ehemaligen Gutsanlagen wie in Mecklenburg. Diese Gutsanlagen waren landwirtschaftliche Betriebe, die im Prinzip aus zwei unterschiedlichen, voneinander klar abgegrenzten Bereichen aufgebaut waren: Es gab den Gutshof mit den Wirtschaftsgebäuden und dem Herrenhaus für den Gutsbesitzer, und es gab das Areal für die Gutsarbeiter. Eine dieser Gutsanlagen ist der Ort Kägsdorf, malerisch gelegen am Rande einer Hügellandschaft direkt an der Ostsee in der Mitte zwischen Rostock und Wismar.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts führte nur ein Weg aus südlicher Richtung in das kleine Dorf, in dem damals rund 150 Menschen lebten. An der Dorfstraße mit Kopfsteinen lagen zunächst die Hofstellen der vier Erbpächter. Danach waren rechts und links von der Dorfstraße sechs langgestreckte Backsteinhäuser aufgereiht mit jeweils zwei bis vier voneinander separierten Wohnungen für die insgesamt 19 Tagelöhnerfamilien. Am nördlichen Ende der Dorfstraße öffnete sich nach Westen der Gutshof, flankiert von mehreren Scheunen sowie Stallungen für Pferde, Kühe, Schweine und Schafe. Mitten durch den Gutshof führte ein rund 150 Meter langer gepflasterter Weg direkt zu dem im neogotischen Stil erbauten Herrenhaus. Und dann gab es im Gutshof noch einen gepflasterten Teich, durch den die Pferde nach der Feldarbeit hindurchgeritten wurden, um mit sauberen Beinen in ihren Stall zu gelangen.

Im Herrenhaus wohnte der Gutsbesitzer Bodo von Meding zusammen mit seinen vier Kindern. Zu seinem Haushalt gehörten eine Wirtschafterin, eine Haushälterin und sieben Dienstmädchen, die in dem direkt neben dem Gutshaus stehenden Wirtschaftshaus schliefen, sowie sechs ledige Knechte, die ihre Schlafplätze in den Stallungen im Gutshof hatten. Da sich Bodo von Meding sehr für fortschrittliche Agrartechnik interessierte, führte er neue Maschinen – z.B. zum Dreschen, Mähen und Drillen – auf seinem Gut ein, er ließ aber auch viele moderne Gebäude im Dorf errichten.

In Kägsdorf wird noch heute von dem Brand der großen Weizenscheune erzählt. Am Abend des 28. Februar 1905 hatten sich einige Knechte auf einer kleinen Feier mit ein wenig Alkohol vergnügt. Nach diesem fröhlichen Fest ging ein lediger Knecht zurück zu seinem Schlafplatz im Gutshof und zündete sich noch eine Zigarre an. Doch der Alkohol übermannte ihn und er schlief ein.

„Füer, Füer“, diese Worte hallten sicher kurze Zeit später durch das ganze Dorf und werden seine Bewohner sofort hellwach gemacht haben: Die große Weizenscheune brannte. Bei einem Brand bestand damals Gefahr für jedes Haus im Dorf, ein Windstoß reichte aus, um Funken auf benachbarte Häuser zu übertragen, und die Dächer aus Rohr oder Stroh fingen schnell Feuer. So waren die Dorfbewohner verpflichtet, sofort zu reagieren. Einige liefen mit ihren Löscheimern direkt zur Weizenscheune, andere kamen mit ihren Gespannen, um mit großen Wassertonnen auf Fuhrwerken oder Kufen das Löschwasser aus dem Teich des Gutshofes zu holen. Ob auch Wasserspritzen verwendet wurden oder ob sogar die Feuerwehr aus Arendsee oder Bastorf hinzugezogen wurde, ist nicht bekannt. In jedem Fall aber waren die Arbeiten sehr effektiv, denn ein Ausbreiten des Feuers auf den benachbarten Schweinestall und auf das Herrenhaus konnte verhindert werden, und niemand erlitt lebensgefährliche Verletzungen. Doch die Weizenscheune wurde vollständig zerstört, von ihr blieb nur der Westgiebel stehen.

Kurze Zeit nach dem Brand ließ Bodo von Meding an gleicher Stelle ein massives Viehhaus neu errichten. Das Gebäude hatte mit einer Länge von 60 und einer Breite von 24 Metern eine ähnliche Größe wie die zerstörte Weizenscheune. Das Viehhaus wurde noch im Jahre 1905 fertiggestellt, ein weißes Gebäude mit einer Buttermühle auf dem Dach. Über dem großen Tor mittig an der Längswand prangten die Initialen v M und die Jahreszahl 1905.

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