Hohenofen : Ferienlager in Neu-Amerika

Spaß ohne Eltern: Die meisten Kinder fuhren gern ins Ferienlager.  Repro: Rossmann
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Spaß ohne Eltern: Die meisten Kinder fuhren gern ins Ferienlager. Repro: Rossmann

Betriebe in der DDR finanzierten jeden Sommer Erholungsangebot für Kinder und Jugendliche

svz.de von
16. Juli 2018, 10:37 Uhr

Acht Wochen Sommerferien können lang werden - vor allem für Eltern. Aus diesem Grund waren Ferienlager sehr beliebt: Hier waren die Kinder versorgt, hatten Spaß und die Eltern konnten in Ruhe zur Arbeit gehen. Betriebe, Genossenschaften und staatliche Organisationen hielten so genannte Betriebsferienlager vor, die für mehrwöchige Erholungsaufenthalte von Kindern und Jugendlichen eingerichtet waren.

Erste antifaschistisch ausgerichtete Kinderferienlager wurden bereits 1946 von den Gewerkschaften organisiert. Meistens lagen die Ferienlager in waldreicher Gegend und an Gewässern mit Bademöglichkeiten. Außerhalb der Schulferien wurden diese Einrichtungen auch für innerbetriebliche Seminare oder als Ferienheime für Mitarbeiter genutzt.

Betriebsferienlager waren keine Luxusherbergen, die Unterkünfte und Sozialeinrichtungen waren Baracken oder Bungalows, für die älteren Kinder oftmals ergänzt durch den Aufbau von Mannschaftszelten. Die einfachen Unterkünfte und die naturnahe Freizeitgestaltung verbanden sich für die Schüler meistens mit einer Art Pfadfinderstimmung, Abenteuer und temporärer Freiheit von den Eltern.

Die Ferienlager wurden hauptsächlich in den Sommerferien genutzt, selten in den Winterferien. Die Urlaubsdauer betrug zwischen zwei und drei Wochen. Durchschnittlich mussten die Eltern von den Gesamtkosten für die Verpflegung, Unterkunft, Anreise und Betreuung 12 bis 20 Mark übernehmen. Die Teilnahme an einem Betriebsferienlager war an die Betriebszugehörigkeit der Eltern gebunden und an ein Mindestalter der Kinder.

Jedes Ferienlager hatte auch eine politische Aufgabe zu erfüllen, nämlich die Kinder zu „sozialistischen Persönlichkeiten“ zu erziehen. Aus diesem Grund begann der Aufenthalt obligatorisch mit einem sogenannten Fahnenappell. Fester Bestandteil eines jeden Ferienlagers war auch das Neptun-Fest. Bei dieser Spaßtaufe wurden die Kinder von Häschern eingefangen und dem kostümierten Meeresgott Neptun zugeführt. Dort wurden sie während einer spaßigen Zeremonie mit Badeschaum eingeschmiert und mussten ein zuvor angerührtes ekelhaftes Mixgetränk schlucken. Meistens bestand dieses aus Wasser, gemischt mit Essig, Maggi, Senf o.ä. Schließlich wurde der Täufling ins Wasser geworfen und erhielt nach diesem Procedere eine Urkunde mit einem skurrilen maritimen Namen (stachliger Aal, schleimige Qualle, stinkende Seegurke).

Die Betriebe finanzierten die Kinderferienlager aus ihrem Kultur- und Sozialfonds bzw. aus zurückgeflossenen Gewerkschaftsbeiträgen. Für die Kinderbetreuung wurden von den Betrieben junge und erfahrene Gewerkschaftsmitglieder freigestellt.

Spannende und unterhaltsame Ferienzeiten erlebten wir zum Beispiel bei Hohenofen, in der Nähe von Neustadt/Dosse. Genau befand sich das Ferienlager dort in „Neu-Amerika“ und war vor dem 2. Weltkrieg ein barackenähnliches Tanzlokal mit zwei Gehöften. Der Name stammte von einem aus den USA zurückgekehrten Auswanderer, der das Gebäude in leichter Holzbauweise errichtet hatte. 1971 wurde der gesamte Komplex von der Papierfabrik Hohenofen / Neu Kaliß in ein Kinder-Ferienlager umgewandelt. Die dortige Landschaft am Flüsschen Dosse war schon damals als ein Tier- bzw. Vogelparadies bekannt.

Natürlich standen für die Kinder auch dort die gewöhnlichen Badetage in der Dosse in der Beliebtheitsskala ganz weit oben. In guter Erinnerung blieben die Geländespiele, die auch bei Dunkelheit durchgeführt wurden und für abenteuerlich orientierte Kinder einen besonderen Reiz hatten. Es gab aber auch die kleinen Angsthasen, die sich sträubten, an solchen Unternehmungen teilzunehmen, nächstens von den Eltern heimgeholt wurden und manchmal auch wegen anderer kleiner Streitigkeiten untereinander nie wieder ein Ferienlager betraten. Aber auch alle anderen Kinder dachten gelegentlich an Zuhause, weshalb sich die tägliche Postverteilung zu einem Höhepunkt gestaltete. Ein Grund war aber auch, dass Kinder in einzelnen Briefumschlägen kleine bunte Scheinchen fanden, mit denen sie ihre „Portokasse“ auffüllen konnten.

Geschmackssache war wohl auch der obligatorische Frühsport, der jedoch durch die vielen Unternehmungen und Ausflüge, beispielsweise zum Ritter Kahlbutz nach Kampehl oder zum Gestüt nach Neustadt/Dosse immer schnell wieder in Vergessenheit geriet. Bei Regenwetter waren Bastelnachmittage angesagt, denn Papier gab es im Ferienlager der Papierfabrik in Hülle und Fülle.

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