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Wandergruppe : „Feldflüchters“ auf Landpartie

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Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Wandergruppe der „Plattdütsch Gill to Swerin“ blickt auf hundertjährige Geschichte – und ist heute noch aktiv

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erstellt am 28.Jan.2017 | 00:00 Uhr

„Feldflüchters sünd wi – Jung, nu do di spoden, nimm Hot un Stock un gah mit mi dörch’t Land.“ Dieser Aufforderung, vom Sofa aufzustehen, folgten vor 100 Jahren viele Schweriner Herren. Und zwar so viele, dass die Wandergruppe der „Plattdütsch Gill to Swerin“ sogar eine Höchstzahl bei der Mitgliederzahl festlegen musste: 35 Feldflüchters und basta! Wurde ein Platz frei, weil ein Feldflüchter umzog oder starb, durfte jemand nachrücken.

Es sind Fakten wie diese, die in dem Büchlein „Die ,Plattdütsch Gill to Swerin’ und ihre ,Feldflüchters’“ die Traditionen plattdeutscher Vereinsarbeit und Wanderlust in der Beamtenstadt Schwerin lebendig werden lassen. Die im Thomas-Helms-Verlag erschienene Broschüre malt mit zahlreichen Fotos und Zitaten das Bild eines Männerbundes, der sich der Pflege der plattdeutschen Sprache verschrieben hat und immer noch verschreibt. Denn Peter Kunze, neben Walter F. Rehm einer der Autoren der volkskundlichen Studie, war seit 1995 und bis Dezember des vergangenen Jahres „Vörflüchter“ der Feldflüchters von heute.

Peter Kunze war bis Ende vergangenen Jahres „Vörflüchter“ und hat die Entstehung des Buches mit viel Material unterstützt.
Peter Kunze war bis Ende vergangenen Jahres „Vörflüchter“ und hat die Entstehung des Buches mit viel Material unterstützt. Foto: Haescher
 

Wer den 80-Jährigen in seiner Schweriner Wohnung besucht, merkt es im Arbeitszimmer gleich: Hier wohnt ein Freund des Plattdeutschen. Die Wände schmücken Porträts von Heinrich Seidel, Fritz Reuter, John Brinckman. Und von Carl Schöning, der das eingangs zitierte Feldflüchter-Lied verfasste. Seit den 1970er-Jahren ist Peter Kunze in plattdeutschen Kreisen aktiv. Die niederdeutsche Mundart lernte er während seiner Schulzeit in Burg Stargard von anderen Kindern – „sonst hätte auf der Straße ja keiner mit mir gespielt“. Beim Großvater dagegen war es verpönt, Platt zu sprechen, was als primitiv galt. Hier sieht Peter Kunze auch einen Grund für den Niedergang des Niederdeutschen: „Die Ursachen liegen schon bei unseren Großeltern, die ihre eigene Sprache nicht geachtet haben.“ Zum Glück hatte der heute 80-Jährige einen Lehrer, der dem Plattdeutschen sehr zugetan war, und auch die Mutter bemühte sich, aus Tarnows „Burrkäwers“ vorzulesen. „So bin ich mit Plattdeutsch warm geworden“, sagt der Schweriner und erzählt, wie er in seiner Heimatstadt zur IG Niederdeutsch stieß. Die Interessengemeinschaft hatte sich 1971 unter dem Dach des Kulturbundes gegründet, konnte aber den Plattdeutsch-Appetit von Peter Kunze nicht befriedigen: Die Leiterin selbst sprach kaum Platt.

Die Situation besserte sich, als Karl Wilcke, Schauspieler an der Fritz-Reuter-Bühne, die Leitung übernahm. Dieser Karl Wilcke war es auch, der Peter Kunze wenig später bei den „Feldflüchters“ einführte. „Man wollte dort nicht jeden haben, neue Mitglieder sollten möglichst empfohlen werden“, erinnert sich Peter Kunze.

Gegründet wurden die Feldflüchter im Jahr 1916. Damals wanderten die Herren Krüger, Köhn und Schöning am 5. Juni nach Klein Rogahn, um aus Anlass des sechsten Todestages des Dichters Felix Stillfried dessen Gedenkstein zu besuchen. Der Ausflug, verbunden mit einem plattdeutschen Thema, gefiel allen so, dass die Männer beschlossen, künftig regelmäßig zu wandern und zu diesem Zweck eine feste Gruppe ins Leben zu rufen. Die Landpartien fanden einmal im Monat und zwar meist am Mittwochnachmittag statt. Dieser Tag war der so genannte „Beamtensonntag“, an dem die Behörden geschlossen blieben und viele der dort tätigen Feldflüchters Freizeit hatten. Bei allem Spaß mit anschließender Einkehr in diverse Dorfkrüge galten die Ausflüge als ernstzunehmende Angelegenheit: Wer nicht teilnehmen konnte, entschuldigte sich. So ist zum Beispiel ein Brief von Friedrich Rehm, dem Großvater des zweiten Autoren Walter F. Rehm, erhalten geblieben, der einen Ausflug aus gesundheitlichen Gründen absagen musste: „Leider kann ick dat äwer ditmal nich wagen. Die Verküllung von Ostern is noch nich ganz all.“ Anhand der Protokolle, die nach jedem Treffen entstanden, hat Peter Kunze herausgefunden, dass die Feldflüchters Ende 1944 zum vorerst letzten Mal auf Wanderschaft gingen. Nach dem 1. Juli 1945 wurden sie wie viele Vereine verboten.

Der letzte Vörflüchter Dr. Paul Buhle sorgte dann für eine Renaissance. 1955 regte er an, die Bemühungen um die plattdeutsche Sprache wieder aufzunehmen und schon im August des Jahres gingen die Feldflüchters wieder auf Tour. Allerdings waren die Formalitäten zu dieser Zeit wenig erfreulich: So musste zum Beispiel jede Wanderung bei der Polizei angemeldet und vor ihr genehmigt werden. Peter Kunze kann sich noch gut erinnern, dass während der DDR-Zeit das Treiben argwöhnisch beäugt wurde. Als reiner Männerbund fanden die Feldflüchters in der Wahrnehmung der Oberen ihren Platz in der heimattümelnden Ecke, der Gebrauch des Plattdeutschen in der Runde galt als subversiv. „Wir haben uns deshalb zu dieser Zeit immer sehr bedeckt gehalten“, sagt Peter Kunze. Etwas einfacher wurde es, als die Gruppe in den Kulturbund integriert wurde und so unter dem Dach der staatlichen Organisation ihr Hobby pflegte.

100 Jahre nach ihrer Gründung wandern und plattschnacken die Feldflüchters immer noch. Allerdings spielt die Höchstgrenze bei der Mitgliederzahl keine Rolle mehr – von 35 „Maaten“ können die Vereinsfreunde nur träumen. Denn es bleibt die Bedingung, dass ein Kandidat Plattdeutsch sprechen muss: „Mitglieder sollen sich nicht nur unterhalten lassen, sondern selbst Beiträge leisten“, wünscht sich der scheidende Vörflüchter. Die Zahl derer, die die Sprache gut beherrschen, wird jedoch immer kleiner. „Da ist es nicht fünf nach zwölf, sondern schon eine ganze Stunde zu spät“, sagt Peter Kunze über die Zukunft des Plattdeutschen. Den Vereinsvorsitz wird er dieser Tage an Wolfgang Kroll abgeben.

Ansonsten bliwwt allens bin Ollen. Oder wie heißt es im Feldflüchter-Lied: „Wat kickst du ümmer dörch de Finsterruten? Kumm mit, kumm rut! De Welt is gor to schön!“

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