Volksweisheiten : Fängt man mit Nägeln wirklich Diebe?

Im Pfarrhaus von Groß Methling bei Dargun wurde Johann Jacob Nathanael Mussäus 1789 geboren.
Im Pfarrhaus von Groß Methling bei Dargun wurde Johann Jacob Nathanael Mussäus 1789 geboren.

Pastor Johann Mussäus war Vorbild für Wossidlo und „Zuträger“ der Gebrüder Grimm

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26. November 2015, 11:10 Uhr

Es klingt alles andere als appetitlich: Wer einen Menschen in sich verliebt machen möchte, sollte eine kleine Muskatnuss herunterschlucken und nach deren Ausscheiden der verehrten Person als Geschenk übergeben. Daran jedenfalls glaubte vor rund 200 Jahren die Landbevölkerung Mecklenburgs. Ebenso wie an dieses „Rezept“ gegen Diebstähle: „Man sucht im Garten die Spur des Diebes auf und sticht senkrecht in dieselbe einen Brettnagel im Namen Gottes. Dann bekommt der Dieb die fürchterlichsten Schmerzen am Fuße.“ Ob die oder der Angebetete über die „vorverdaute“ Muskatnuss erfreut war, ist nicht bekannt. Ebenso wenig, ob die Polizei dank besagter Brettnägel höhere Aufklärungsraten erzielte.

Notiert hat diese Gebräuche ein Pastor namens Johann Jacob Nathanael Mussäus. Ebenso Rezepte wie das gegen die Brandwunden: „Man fahre mit dem Finger um den verbrannten Teil und spreche: Ich ging wohl über Land, da fand ich eine Hand, damit still’ ich den Brand.“ Oder aber den Aberglauben: „In der Johannisnacht darf kein Zeug draußen hangen, sonst setzt sich der böse Krebs darauf.“

Am 3. Oktober 1789 wurde der Mann mit dem eigentümlich klingenden Namen im Pfarrhaus von Groß Methling bei Dargun geboren. Seine Vorfahren, so schreibt er später, sollen Schotten namens Musse gewesen sein. Großvater Peter Musse war Kaufmann in Demmin. Sein Vater Johann latinisierte den Namen in Mussäus. Das war in gebildeten Kreisen damals modern. Und Johann Mussäus war gebildet, war Pastor der Kirchgemeinde von Methling. Sein Sohn Johann jun. machte es ihm nach. Er arbeitete als Hauslehrer in Malchin und als Lehrer an der Schule von Ludwigslust. 1818 wurde er deren Rektor. 1822 übernahm er die Pfarre von Hanstorf bei Bad Doberan. Er wurde früh Witwer und zog seine drei Kinder allein groß. Bitter muten die Zeilen des Lungenkranken an: „Ach, ich liege auch nicht auf Rosen. Früh verwaiset, musste ich auf Schulen zu Zeiten furchtbar hungern, Stunden geben, verlor späterhin das Liebe, was ich gefunden hatte, und jetzt in der rüstigsten Manneszeit schnappe ich nach Luft.“ Kurz nach dieser Notiz starb er am 29. März 1839.

Sein früher Tod verhinderte, dass Pastor Mussäus jene Bekanntheit erlangte, die ihm zustand. Denn der Mann schuf die erste selbstständige Märchensammlung Mecklenburgs. Mindestens zwei der von ihm aufgezeichneten Tiermärchen – „Der Zaunkönig“ und „Die Scholle“ – sowie die Sage „Rohrdommel und Wiedehopf“ wurden von den Gebrüdern Grimm in deren Kinder- und Hausmärchen übernommen. Mussäus forschte zu den Zeugnissen der Ur- und Frühgeschichte und wurde Gründungsmitglied des Vereins für mecklenburgische Geschichte und Altertumskunde. 1829 erschien sein „Versuch einer plattdeutschen Sprachlehre mit besonderer Berücksichtigung der mecklenburgischen Mundart“.

Durch Mussäus ist bekannt, wie sich die einfachen Bewohner vor 200 Jahren kleideten. Bis zu sechs Röcke übereinander trugen die Frauen. Die Männer bevorzugten gebleichtes Leinen für Hose und Hemd. Dazu trugen sie gleich mehrere Westen. „Eine gewöhnliche Hausmütze ist die Klott oder Puthüll: rund, anschließend, von grünem Zeuge, mit Fell ringsum verbrämt, oben ein kleiner Quast. Sie lieben diese Tracht sehr, obgleich sie den Frauen schlecht steht. Die der Männer gibt aber wahrlich ein ehrenfestes, mannhaftes Ansehen.“ Über die Hochzeiten ist zu lesen: „In einigen Gegenden ... wird bei der Rückkehr der Braut unter alle der Brautkuchen verteilt, von dem die Braut zuerst drei Stücke abzubeißen und aufzubewahren pflegt, um bei künftiger Schwangerschaft in der Lüsternheit daran zu nagen, da es dann den Geschmack des Gewünschten wundersam an sich hat. Alle küssen sich darauf, da zur andern Zeit Küsse und Umarmungen selten sind.“  

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