zur Navigation springen

Rostock : Extra-Taler für mutige Lotsen

vom
Aus der Onlineredaktion

Die mehr als 200 Jahre alte Rostocker Lotsenordnung für den Hafen Warnemünde offenbart Überraschendes

svz.de von
erstellt am 12.Aug.2017 | 00:00 Uhr

Bevor die Lotsen ab etwa 1700 die Schifffahrt und den Handel in die Hansestadt Rostock sicherer machten, waren es zumeist die bedeutenden Landmarken, die eine sichere Ansteuerung ermöglichten. So etwa der Turm der 117 Meter hohen Petrikirche. Auch in Warnemünde selbst gab es solche Markierungen, wie die dortige, seit 1312 bekannte, Kirche oder die Leuchte an der Einfahrt zur Warnow, die bereits 1283 in Betrieb genommen wurde. Dabei handelte es sich wahrscheinlich um ein hohes stabiles Holzgerüst, in dem eine kupferne Leuchte hing. Wachleute entzündeten hier ein Feuer und bewachten es dann.

Die Leuchte wurde nach und nach verbessert. Aber es sollten noch Hunderte von Jahren vergehen, ehe Leuchttürme diese Funktion übernahmen. Als die Anzahl der einlaufenden und abgehenden Schiffe stetig wuchs, mussten zu deren Einfahrt in den Hafen neue Methoden gefunden werden.

Ein wichtiges Zeugnis für das Lotswesen im deutschen Ostseegebiet stammt von 1691. Die schwedisch-pommersche Verordnung trägt den Titel „Erweiterte Ordnung für die Seefahrenden und Piloten beym Ruden, Mönchgut, Tessau, Görne, auf dem Perd und zu Peenemünde alle Lotsen-stationen auf Rügen“.

Für Rostock gibt es 1729 eine frühe Verordnung über das Ein- und Ausbringen fremder Schiffe in Warnemünde. Hierin steht, dass es die zu Lotsen ernannten „24 befahrenen Bürger“ (d.h. sie waren zur See gefahren) zu richten hatten. Ihre Aufgabe war es, mit kleinen Booten auf die Ostsee hinauszufahren und den Schiffen den Weg in den Hafen zu weisen. Allerdings konnten damals noch Rostocker Schiffer bestimmen, ob sie einen Lotsen brauchten oder nicht. Außerdem waren Lotsen für Ladearbeiten zuständig, für das tägliche Ausloten des Fahrwassers und für die Beseitigung von Untiefen, damit die Schiffe nicht aufliefen.

In kurzer Zeit wurden die Lotsenordnungen erweitert. In der zwölfseitigen von 1781 war bereits vorgeschrieben, dass auch einheimische Schiffer auf die Dienste der Lotsen zurückzugreifen hatten. Interessant ist Paragraph 12: Unter keinen Umständen sollte es gestattet sein, ein Trinkgeld zu geben oder anzunehmen, um so schneller befördert zu werden.

1802 erließ der Ehrenwerte Rat der Stadt „zur Beförderung und Erleichterung des hiesigen Handels und der Schifffahrt“ die kompakte 38 Seiten umfassende Lotsenordnung, in der die Anzahl der Lotsen auf 40 festgesetzt wurde. Ihnen stand der Lotsen-Kommandeur vor, der „die Oberaufsicht des ganzen Lothsenwesens in Warnemünde führet“. Ein wichtiges Thema in der Verordnung war das Verhalten bei schwerem Wetter und die damit verbundene mögliche Lebensgefahr für die Lotsen. In diesem Falle entschied der Kommandeur, der zuvor die Lotsen nach ihrer Bereitschaft befragte, dem in Not geratenen Schiff zur Hilfe zu eilen. Diese konnten darauf schriftlich mit Ja oder Nein antworten. Wer mutig genug war, erhielt ein besonderes Entgelt. Die Verweigerer hatten beim ersten und zweiten Mal einen oder zwei Taler in die Lotsenkasse zu zahlen. Wer dreimal Nein sagte, verwirkte das Lotsenrecht. Bei extremer Lebensgefahr, etwa durch schweren Orkan, verständigte sich der Kommandeur mit dem Vogt in Warnemünde und beriet zusammen mit anderen Schiffern und Lotsen die Lage. Dann wurde abgestimmt, ob ein Lotsenboot auslief oder nicht. Anderenfalls wurde vom Ufer aus durch Flaggen, Laternen, sonstige Feuer oder Zeichen jeglicher Art versucht, so gut wie möglich dem auf See befindlichen Schiff zu helfen.

Fürs Lotsen und Bergen galten festgesetzte Tarife. Bergelohn in Höhe von zehn Prozent des Gesamtwertes gab es für alle Güter, Gerätschaften und Wracks, welche vom Strand aus gerettet oder in der See gefunden wurden. Bei kleinen Fischerbooten, die mit ihrem Fang vom Darß oder Fischland nach Rostock kamen, entfiel die Lotsenpflicht und damit das Lotsengeld. Wer sich dem Lotsenwesen widmen wollte, musste mindestens zehn Jahre zur See gefahren sein und entsprechende gute Zeugnisse vorlegen. Vom Lotsen wurde verlangt, dass er stets nüchtern und bescheiden sei. Ansonsten erfolgten die Streichung aus der Lotsenliste und der Verlust der von dem Betreffenden in die Gemeinschaft eingezahlten Gelder. Schwere Strafen – von der öffentlichen Auspeitschung bis zum Zuchthaus – standen auf „Verschweigung, Veruntreuung, diebische Entwendung der geborgenen Güter, oder die Aufbrechung der Kisten und Laden, so wie das Zwicken, Anzapfen und Beschädigung der Fässer und Güter“.

Aus der Zeit der Lotsenordnung von 1802 ist ein besonderer Einsatz bekannt. Im Januar 1804 wurde unter Leitung des Lotsenkommandeurs Davids eine bemerkenswerte Aktion vorgenommen. Ein in Eisnot geratenes Schiff musste geborgen werden. Mit sieben Booten und 36 Mann fuhr Davids auf das mit Eisschollen bedeckte Meer, und es gelang, eine Leinenverbindung zum Land herzustellen. Dort waren 45 Männer im Einsatz am Spill in Warnemünde, um den Havaristen zu bergen.

Der bekannteste Warnemünder Lotsenkommandeur aller Zeiten war Stephan Jantzen (1827 bis 1913), der im Laufe seiner 30-jährigen Tätigkeit als Kommandeur über 80 Menschen aus Seenot rettete und dafür zahlreiche nationale und internationale Auszeichnungen erhielt.

Heute gibt es in Mecklenburg-Vorpommern die Lotsenbrüderschaft Wismar-Rostock-Stralsund mit den drei entsprechenden Revieren und mit 35 Mitgliedern. Sie nehmen die Lotsaufgaben in den drei Häfen der Hansestädte wahr und ebenso im vorgelagerten Seegebiet sowie für die Häfen am Greifswalder Bodden, in Sassnitz, Mukran, Warnemünde, auf der Warnow und dem Peenestrom.
 

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen