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Flucht, Vertreibung, Neuanfang : „Es war ein trauriger Anblick“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Geflohen und dann vertrieben: Klaus Jonas hat die Geschichte seiner Frau Irmgard und seiner Schwiegereltern aufgeschrieben

Klaus Jonas wohnt in Baumgarten bei Bützow. Hier heiratete er 1952 Irmgard Lach, die zum Ende des zweiten Weltkrieges mit ihren Eltern und Geschwistern aus West-Preußen fliehen musste. Der Dorfchronist, der sich seit Jahren mit Regionalgeschichte beschäftigt, hat die Geschichte seiner Schwiegereltern aufgeschrieben.

Familie Lach stammt aus Emilien-Hof in Westpreußen. August Lach, von Beruf Stellmacher, hatte mit seiner Frau Frieda, geborene Besler, drei Kinder: Irmgard, Edeltraud und Helmut. Im Sommer 1939 wurde August Lach zum Bunkerbau nach Pillau verpflichtet und bei Kriegsbeginn zur Wehrmacht eingezogen. Während des Krieges war seine Frau Frieda mit ihren drei Kindern allein in der Feldwirtschaft beschäftigt. Die Bestellung des Ackers wurde vom Bauern Templin übernommen. Dieser wollte dafür kein Geld, meine Schwiegermutter hat stattdessen für ihn gearbeitet, denn Arbeitskräfte waren im Krieg knapp geworden.

Als der Rückzug der deutschen Wehrmacht aus der Sowjetunion in vollem Gange war, bekam die Familie am 19. Januar 1945 den Befehl zur Flucht. Da Lachs selbst keine Anspannung hatten, bekamen sie vom Ortsbauernführer Templin ein Fuhrwerk mit einem Pferd. Auf den Wagen kamen hinten hinein die Betten und darauf die Kinder, dazu Kleidung, Hausrat und Verpflegung. Vorne lag wie üblich ein Sitzbrett, auf dem die Oma, die Mutter von August Lach, Platz nahm. Frieda Lach lief neben dem Wagen und lenkte das Pferd.

Der Treck zog in Richtung Dirschau, um über die Weichsel zu kommen. Die Straße führte oben auf dem Weichseldamm entlang. Aufgrund der Schneeglätte rutschte so mancher Treckwagen vom Damm hinunter zum Fluss, da war dann nicht mehr zu helfen. Es waren ja nicht nur die Trecks unterwegs, sondern auch das Militär und dieses hatte Vorfahrt. Der Treck war endlos! Vor ihnen und hinter ihnen war kein Ende zu sehen und feindliche Tiefflieger beschossen den Zug. Die Straße war gesäumt von Toten und von geschwächten Menschen, die nicht mehr weiterkonnten. Es war ein trauriger Anblick, aber keiner konnte helfen, denn jeder hatte mit sich selbst zu tun.

Weiter ging es von Dirschau in Richtung Berent. Hier sollte es Brot geben. Die mitgenommenen Lebensmittel waren durch die Kälte gefroren. Das hatte den Vorteil, dass sie nicht schlecht wurden, aber zum Verzehr war es weniger angenehm. Irmgard ging los, um Brot zu kaufen. Als dann die Order kam, dass der Treck weiterziehen müsste, machte sich meine Schwiegermutter auf, um ihre Tochter zu suchen. Irmgard hockte am Straßenrand und wollte nicht mehr weiter. Es ist ein Wunder, dass meine Schwiegermutter in dem ganzen Durcheinander ihr Kind gefunden hat – die ganze Stadt war ja mit Flüchtlingen und Militär verstopft. Mutter und Tochter sind dann dem Treck hinterher und erfuhren, dass er außerhalb von Berent auf einem allein stehenden Bauernhof zur Nacht Halt gemacht hatte.

Als der Front im Süden durchgebrochen war, wurde der Treck gen Norden in Richtung Danzig abgedrängt. Auf dem Weg dorthin kam der Zug durch Schaplitz, wo sich ein katholisches Kloster und ein Kinderheim befanden. In dem Stift fand Frieda Lach mit ihrer Schwiegermutter und den Kindern Unterschlupf und verließ den Treck – die Füße von Irmgard mussten unbedingt behandelt werden. Durch die Kälte und dadurch, dass Schuhe und Strümpfe tagelang nicht gewechselt werden konnten, waren ihr die Zehen angefroren. Das Gehen wurde immer beschwerlicher. Zuletzt hatten Frieda Lach und andere hilfsbereite Menschen auf dem Treck das Mädchen abwechselnd getragen.

Im Stift hatte auch eine Wehrmachtseinheit Quartier bezogen. Dabei war ein Arzt, der Irmgards Füße mit Frostsalbe behandelte. Er kam jeden Tag, um einen neuen Verband anzulegen. Wäre dieser Arzt nicht gewesen, wären die Zehen wohl nicht zu retten gewesen.

Die Wehrmachtssoldaten setzten sich dann nach Danzig ab, zwei Tage später kamen die russischen Kampftruppen. Was sich da abgespielt hat, glaubt man kaum. Den Stiftsschwestern, alle im mittleren Alter, halfen weder Rosenkranz noch Nonnenkutte, sie waren alle Freiwild.

Nach fünf Wochen in Schaplitz machte sich die Familie wieder auf den Heimweg. Wo sollte sie auch hin? Keiner wusste, wie es weitergehen sollte. Am 22. Mai 1945 sind Lachs wieder zu Hause angekommen. Das Dorf war menschenleer. Es waren weder Deutsche noch Polen da. Lange blieben sie aber nicht unentdeckt. Das Gut Rosenheim wurde von den Russen bewirtschaftet. Schwiegermutter wurde dort zur Arbeit verpflichtet und Irmgard zum Kartoffelschälen. Die Kinder waren damit beschäftigt, in verlassenen Häusern nach zurückgelassenen Lebensmitteln zu suchen.

Anfang Oktober 1945 bekam meine Schwiegermutter die Ausweisung von den polnischen Behörden. Innerhalb von drei Tagen mussten sie mit Handgepäck und 200 Zloty in Richtung Deutschland ausreisen. Als sie losgefahren sind, hat Schwiegermutter das Lied „Nun ade, du mein lieb Heimatland“ angestimmt. Sie wusste wohl, dass es nun für immer sein würde. Es waren schreckliche 20 Tage, die sie zu überstehen hatten. Nach gut einer Woche wurden die Leute immer einsilbiger und apathischer. Das Essen ging auch schon dem Ende zu. In Irmgards Schultornister hatte Schwiegermutter in einem Leinenbeutel Zucker mitgenommen. Von diesem Zucker haben sie die letzten drei Tage gelebt.

Nachdem sie in Berlin-Steglitz im amerikanischen Sektor gelandet waren, ging es weiter nach Laage in Mecklenburg. Am 3. Dezember traf die Familie in Baumgarten ein. Hier wurde sie bei dem Bauern Hans Papenhagen untergebracht. Auf dem Boden des Wohnhauses bekamen sie die Frontspießstube. Die Kochstelle war unten in der Waschküche und sie mussten sich den Herd mit vier Familien teilen. Heute fragt man sich: Wie haben die Menschen das durchgehalten?

Schwiegervater war gegen Ende des Krieges in Holland durch einen Granatsplitter verletzt worden. Er wurde im Dezember 1945 aus dem Lazarett und der Gefangenschaft in Ostfriesland entlassen und hat dann dort gearbeitet, bis er durch den DRK-Suchdienst erfuhr, dass seine Familie in Baumgarten gelandet war. Im Herbst 1947 ist er hier angekommen. Er hat die Wohnung oben im Haus ausgebaut und meine Schwiegereltern sind in Baumgarten bis ans Ende ihrer Tage nicht mehr umgezogen.

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