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Flucht, Vertreibung, Neuanfang - Ihre Geschichte : Erst geflohen, dann vertrieben

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Margot Jahnke aus Grabow verlor 1945 ihr Zuhause im pommerschen Pribbernow

Margot Jahnke aus Grabow war in Pribbernow im Kreis Kamin in Pommern zu Hause. Sie erinnert sich an das Jahr 1945, das ihr Leben für immer veränderte.

1945 war ich elf Jahre alt und musste mit meiner Mutter und meinen Geschwistern meine Heimat verlassen. Die Ostfront rückte immer näher, meine Mutter glaubte schon lange nicht mehr an den von den Nazis propagierten Endsieg. Schon tagelang hörten wir Kanonendonner und des Nachts stand meine Mutter am Fenster, wenn Stettin durch die Bombenangriffe erleuchtet war. Ich sah, wie meine Mutter nachts mit der Decke über dem Kopf den Londoner Rundfunk abhörte, damit wir Kinder nichts mitbekamen. Der BBC brachte die tatsächlichen Nachrichten, während unser Radio, die sogenannte „Goebbels-Schnauze, nur Siegermeldungen verbreitete. Daher war es bei Todesstrafe verboten, BBC zu hören.

Mein Vater war 1944 an der Ostfront und wurde als vermisst gemeldet. Meine Mutter hatte sich mit ihrer Mutter verabredet, mit uns Kindern mit den abziehenden Soldaten das Dorf zu verlassen. Wir hatten aber den Zeitpunkt verpasst und als wir zu dem Treffpunkt kamen, waren die Soldaten schon abgezogen und unsere Oma mit ihnen über alle Berge.

Das Foto entstand 1950 auf Rügen, wohin es die Familie von Margot Jahnke zuerst verschlagen hatte.
Das Foto entstand 1950 auf Rügen, wohin es die Familie von Margot Jahnke zuerst verschlagen hatte.

Aus Angst vor dem Einmarsch der Russen versteckten wir uns zwei Nächte in einer Schonung bei eisiger Kälte. Danach übernachteten wir in einem Heuschober, wo uns die Russen doch entdeckten. Die Frauen mussten sich vor dem Scheunentor aufstellen und wer dies nicht tat, wurde erschossen. Was dann mit den Frauen geschah, weiß ich nicht so genau. Wahrscheinlich machten die Russen sich über sie her.

Auf dem Wege zu dem Heuschober sah ich zum ersten Mal die aus Ostpreußen gekommenen und von den Russen überraschten Trecks. Sie waren liegengeblieben, weil die Männer erschossen wurden und von den Pferden war auch keine Spur. Einige Pferde haben wir tot im Dorf gesehen. Aus den verlassenen Wagen nahmen wir an Essbarem, was die Russen übrig gelassen hatten. Den Anblick der Toten habe ich lange nicht vergessen können. Ins Dorf zurückgekehrt, ging die Plünderung und Vergewaltigung erst richtig los. Auf Grund des Kampfgebietes mussten wir Pribbernow verlassen. Wir, das waren meine Mutter, mein Bruder Horst, acht Jahre, mein anderer Bruder Werner, fünf Jahre, und ich, elf Jahre alt.

Wir packten zusammen, was wir tragen konnten. Meinen fünf Jahre alten Bruder setzten wir in unseren Handwagen. Und so ging es erst mal in den Kreis Naugard in den Ort Damerow zu Fuß im Schlepp den Handwagen. Auch unsere Nachbarn hatten sich angeschlossen.

Wie es schien, war der Ort bereits verlassen. Mit unseren Nachbarn und anderen Leuten bezogen wir eine leerstehende Wohnung, wurden hier aber wieder von der russischen Armee überrollt. Auch hier hausten die Russen wie die Vandalen. Ich sah, wie junge Frauen abgeholt wurden, die sich weigerten, wurden erschossen. Die umgesiedelten Polen beschützten uns teilweise vor den Russen. Sie versteckten die Frauen im Keller, der nur durch eine Luke Zugang hatte, über der wir Kinder schliefen.

Nach einigen Wochen wurde erzählt, wir sollten nach Sibirien zur Zwangsarbeit verschleppt werden. Meine Mutter und einige Nachbarn machten sich wieder auf und kehrten nach Pribbernow zurück. Wir richteten uns in unserer alten Wohnung wieder einigermaßen ein und dachten wir könnten bleiben.

Das war aber ein Irrtum. Jetzt kamen die auch zwangsweise von den Russen umgesiedelten Polen aus den Ostgebieten und nahmen Besitz von unserem Eigentum. Grund war, wie ich heute weiß, das Potsdamer Abkommen. So mussten wir innerhalb einer Stunde unsere Heimat verlassen. Mir nahmen die Polen meine große Puppe und meinen für mich sehr wertvollen Ring weg. In der Eile vergaß meine Mutter, persönliche Sachen mitzunehmen wie Geburtsurkunden und andere wichtige Dokumente. Aber das Foto mit der Puppe ist mir geblieben. Mehrere Versuche, meine Geburtsurkunde zu bekommen sind fehlgeschlagen. Ich lebe bis heute, ohne dass meine Geburt nachgewiesen ist.

Wieder mit Gepäck und Handwagen ging es zu Fuß Richtung Oder. Hier setzten wir mit der Fähre über. Es muss im August 45 gewesen sein. Die Oder führte Hochwasser und die Mücken stachen uns zum Abschied, als wollten sie uns nicht wiedersehen. Meine Großeltern väterlicherseits waren auch mit uns auf der Fähre nach Pölitz. Weiter ging es mit dem Zug von Löcknitz über Greifswald nach Stralsund. Den Großvater haben wir beim Einsteigen in den Zug in Löcknitz verloren und nicht wiedergesehen.

Dann ging es nach Rügen. Untergebracht wurden wir in Baracken. Zu allem Unglück bekam ich noch Typhus. Alle, die in Quarantäne kamen, starben. Nur dank meiner Mutter, die mich bei sich behielt, habe ich wahrscheinlich überlebt. Danach wurden wir in Dreschwitz auf Rügen in einem Gasthof einquartiert. Zuerst arbeitete meine Mutter beim Bauern in der Landwirtschaft. Danach verdiente sie als gelernte Schneiderin das Geld für unseren Lebensunterhalt. Staatliche Unterstützung gab es damals nicht. Ich musste beim Bauern nur für Essen und Trinken arbeiten.

Meine Großmutter, die mit den Soldaten geflüchtet war, hat uns später durch das Rote Kreuz gefunden. Ich kam nach Ludwigslust, weil meine Verwandten aus Ludwigslust zur Trauerfeier meiner Großmutter – sie starb im Februar 1951 – gekommen waren und mich mitnahmen. Da begann für mich der Neuanfang, aber das ist eine andere Geschichte.

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