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Flucht, Vertreibung und Neuanfang: Ihre Geschichte : Erinnerungen an Flucht und Vertreibung

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Zahlreiche Mecklenburger mussten den Verlust ihrer Heimat erleben: Geschichten von Flucht, Neuanfang und Heimweh sollen nicht in Vergessenheit geraten

Es sind Daten, die haben sich tief ins Gedächtnis gegraben. Der 3. November 1945 bei Irene Marchewa. Der 20. Januar 1945 bei Waltraut Hoklas. Elisabeth Kruse, der 2. August 1946. Rudolf Gemer, 5. März 1945. Es sind Tage, an denen sie die Heimat verlassen mussten, an denen die Flucht vor der immer näher rückenden Front begann oder der Tag, an dem ein gerade 16 Jahre alt gewordener Junge zum Kriegsdienst eingezogen wurde – wenige Wochen vor der deutschen Kapitulation.

Die Menschen, deren ganzes Leben sich von einem auf den anderen Tag veränderte, sind heute in den 80ern oder wie Waltraut Hoklas schon über 90. Sie stammen aus Ostpreußen, dem Sudentenland, aus Danzig und gehören zu den bis zu 14 Millionen Deutschen, die während und nach dem zweiten Weltkrieg ihr Zuhause verlassen mussten. Flucht und Vertreibung aus Ostpreußen und Pommern, den östlichen Teilen Brandenburgs, Schlesiens und Sachsens, der Tschechoslowakei und Gebieten in Ost- und Südosteuropa lösten eine humanitäre Katastrophe aus, an die sich Überlebende noch heute, mehr als 70 Jahre später, nur mit Schrecken erinnern.

„Manchmal dachten wir, dass es besser wäre, wenn sie uns alle erschießen würden. Dann hätten Angst und Elend ein Ende.“ Diese Sätze hat Irene Marchewa, die heute in Boizenburg lebt, in ihren Erinnerungen an die Vertreibung aus Ostpreußen geschrieben. Sie hat diese Erinnerungen für ihre Kinder und Enkel festgehalten. Und sie hat es getan, damit „diese Zeit der Not und des Elends, des Hungers, der Drangsalierungen und Gewalttätigkeiten sowie des Verlusts der Heimat, der alle Menschen dieser Region betraf“ nicht in Vergessenheit gerät. Ihre Biografie ist unter dem Titel „Der alte Stopfpilz“ erschienen und nach dem einzigen Gegenstand benannt, der ihr aus ihrer Jugendzeit in Ostpreußen geblieben ist.

Mit nur wenigen Habseligkeiten fliehen zu müssen – diese Erfahrung haben auch andere ihrer heutigen Nachbarn gemacht. Elisabeth Kruse aus Boizenburg erinnert sich an den Augusttag des Jahres 1946, an dem sie als 18-jähriges Mädchen zusammen mit der Mutter, der drei Jahre jüngeren Schwester und dem kleinen Bruder Seifenbach im Sudetenland verlassen musste. „30 Kilogramm Gepäck durften wir mitnehmen. Wir jungen Leute machten uns gar keinen Kopf, packten zum Beispiel ein Bügeleisen ein.“ Die Sparbücher verstaute die Mutter in der Schultasche des kleinen Bruders – in der Hoffnung, dass sie bei der Kontrolle des Gepäcks nach Wertgegenständen im Sammellager unentdeckt bleiben würden. Doch die wahren Schätze in dieser Zeit sahen anders aus. „Mit Gold und Silber kann man nichts anfangen im Krieg“, sagt Waltraut Hoklas und Rudolf Gemer erinnert sich daran, wie sein Vater sagte „Geschirr und Löffel gibt’s überall“ und stattdessen sein Werkzeug mitnahm. „Das hat uns so geholfen, denn er konnte sofort anfangen zu arbeiten“, sagt der 87-Jährige.

Die Ausweisung der Deutschen aus Teilen des heutigen Polens, der Tschechoslowakei und Ungarns wurde mit dem Potsdamer Abkommen im August 1945 geregelt. Vorausgegangen waren bereits wilde Vertreibungen. 1946 schließlich begannen im großen Stil die Umsiedlungen, zum Beispiel aus Böhmen und Mähren, die nun „planmäßig“ laufen sollten. Die Flucht aus Ostpreußen dagegen war im Winter 1944/45 vielfach überstürzt und hastig. Lange hatte namentlich Gauleiter Erich Koch den Menschen verboten, sich auf den Weg zu machen – obwohl viele seit dem Herbst 1944 die gepackten Wagen in den Scheunen stehen hatten. Stattdessen wollte Koch mit den daheimgebliebenen alten Männern und Jungen, die fast noch Kinder waren, Ostpreußen im „Volkssturm“ gegen die heranrückende Rote Armee verteidigen. Diese Verzögerung war einer der Auslöser folgender Schreckenswochen: Im eisigen Winter machten sich die Menschen auf den Weg, wurden von der Front überrollt. Es begann ein Martyrium: Frauen und Mädchen wurden vergewaltigt, es folgten Misshandlungen, Mord, Deportation in Arbeitslager. Die Ostpreußen waren die ersten Deutschen, auf die die Soldaten der Roten Armee bei ihrer Westoffensive trafen. Sie bekamen jetzt die Vergeltung für von Deutschen in der Sowjetunion verübte Greueltaten ungebremst zu spüren.

Irene Marchewa wurde im April 1945 als 15-jähriges Mädchen in Ostpreußen in ein Lager verschleppt. Hunger, Erniedrigung, Typhus, nichts blieb ihr erspart. Im August 1945 wurde sie wieder entlassen und kam zu ihrer Familie zurück – ein Lichtblick, denn viele andere waren nach Sibirien deportiert worden. Am 3. November 1945 verließ sie mit Mutter und Geschwistern ihre Heimatstadt Rößel in Richtung Westen. „Wären wir dort geblieben, wir wären verhungert“, sagt sie heute.

Hunger. Darunter haben alle gelitten – auf der Flucht und auch danach. Nach dem zweiten Weltkrieg fehlte es überall in Deutschland am Nötigsten. In Mecklenburg-Vorpommern bzw. Mecklenburg, wie das Land ab 1947 offiziell hieß, verdoppelte sich nach dem zweiten Weltkrieg nahezu die Einwohnerzahl. Dieser Teil der sowjetischen Besatzungszone nahm prozentual die meisten Vertriebenen auf – mehr als 980 000. 1950 lag der Anteil der Vertriebenen an der Gesamtbevölkerung Mecklenburgs bei rund 46 Prozent. Auch für Elisabeth Kruse und ihre Familie hieß das Ziel nach der Ausweisung aus dem Sudetenland Mecklenburg. „Wir kamen für 14 Tage in ein Lager in Brahlstorf, dann wurden wir aufgeteilt und landeten in Haar bei einem Bauern.“ Irene Marchewa erinnert sich an ein solches Ankunftslager in der Zementfabrik in Grevesmühlen: Die Menschen kampierten nur auf Stroh auf dem blanken Betonboden der Werkhalle. Weil es keine Latrine gab, wurde ein Graben ausgehoben und einige Pfähle davor eingegraben, auf die Bretter genagelt wurden, mit einer Stange davor zum Festhalten. Intimsphäre oder Privatbereich – Fehlanzeige. Rudolf Gemer erzählt von einer zugewiesenen Baracke, in der es weder Tisch noch Schrank noch Bettgestelle gab. „Sie war leer – wenn man von den Millionen von Wanzen absieht, die darin auf uns warteten.“ Waltraut Hoklas, die es auf einem Flüchtlingsschiff zuerst nach Kiel verschlagen hatte, erhielt in einem Bauernhaus ein abgeteiltes Stückchen Dachboden und die Frage: Was haste, Abitur? Dann kannste ja nix!

Die Flüchtlinge galten den meisten Einheimischen als Konkurrenten um die knappen Ressourcen. Zur katastrophalen Ernährungslage nach dem zweiten Weltkrieg kam der fehlende Wohnraum. In Städten wie Rostock waren nach Bombardements zahlreiche Wohnungen beschädigt oder ganz zerstört. Viele Flüchtlinge wurden deshalb auf dem Land untergebracht, wo allerdings die Infrastruktur mangelhaft war. Menschen, die zu Hause selbst Haus und Hof besessen hatten, fühlten sich oft wie Bettler. „Wir haben anfangs beim Bauern nur für unser Essen gearbeitet“, erinnert sich Elisabeth Kruse. Jahre, die später auch im grünen SV-Buch und damit bei der Rente fehlten. Der erste Winter in Mecklenburg war streng. „In unserer Not haben wir geklaut – Steckrüben zum Beispiel. Lange konnte ich später keine sehen.“

„Wir waren immer nur die Flüchtlinge, jahrelang ging das so“, erinnert sich Irene Marchewa an Ablehnung und Kälte, mit denen die Neuankommenden oft konfrontiert waren – auch wenn es natürlich Ausnahmen gab und manchmal schon ein gutes Wort und kleine Hilfen das Elend erträglicher machten. Rudolf Gemer hat darüber viel nachgedacht. „Ich glaube, dass wir abgelehnt wurden, ist ein ganz normaler menschlicher Zug“, sagt er heute. Irene Marchewa hat mit dem Begriff „Flüchtling“ immer gehadert. „Wir waren keine Flüchtlinge. Wir waren Vertriebene und hatten unsere Heimat nicht freiwillig verlassen.“

Ab 1946 und später im offiziellen Sprachgebrauch der DDR galt das Wort Umsiedler als korrekt. Begriffe wie Flüchtlinge oder gar Vertriebene passten nicht, da der Roten Armee als Befreier und Sieger über Hitler ein undifferenzierter Heldenmythos zustand. Irene Marchewa musste erleben, wie ihr ihre Leidenszeit im Arbeitslager beim Vorsprechen für eine neue Stelle zum Nachteil gereichte. „Im Arbeitslager waren Sie? Dann waren Sie doch sicher BdM-Führerin, hieß es da. Das stimmte nicht, aber ich habe es mir danach nicht mehr getraut, darüber zu reden“, sagt sie.

Sie krempelte wie die anderen die Ärmel hoch und machte sich an den Neuanfang. Rudolf Gemer holte das Abitur nach und wurde Lehrer. Da seine Familie immer zweisprachig war, entschied er sich wegen der slawischen Verwandtschaft des Tschechischen für Russisch. Während des Studiums lernte er seine Frau Marianne kennen, die aus Goldberg in Schlesien stammt.

Wie die anderen lässt auch ihn die Erinnerung an die schweren Jahre und den Verlust der Heimat nicht los. Zu DDR-Zeiten dürfen die Menschen darüber höchstens im privaten Kreis sprechen – viel zu schnell steht der Vorwurf von Revanchismus im Raum. Dabei ist vielen das Herz schwer, weil Heimat mehr ist als nur ein Ort, weil sie Menschen, Traditionen, Lebensweisen vermissen. Viele Male ist Gemer inzwischen wieder im einstigen Lippenz, dem heutigen Lipenec, gewesen, es gibt dort Verwandte. „Meine Heimat ist Böhmen“, sagt er noch heute. Das kann Elisabeth Kruse nur bestätigen: „Mir fehlt das Riesengebirge“, sagt sie. Auch sie hat zusammen mit den Kindern schon ihren Geburtsort besucht. „Ich habe ein Foto, das unser Haus und das Grundstück zeigt. Ich sitze jeden Abend davor.“

Irene Marchewa sagt, dass sie inzwischen Mecklenburg als ihre Heimat sieht. „Ich kann schon ganz gut Platt“, sagt sie und Waltraut Hoklas fügt hinzu: „Ja, ik ok.“ Dass sie heute über ihre Geschichte sprechen können, ist auch der Zeit geschuldet, die inzwischen vergangen ist. Trotzdem kommen oft noch die Tränen. Und beim Blick auf das heutige Weltgeschehen, sagt Irene Marchewa, wird klar, dass Not, Hunger und Elend, Krieg und Ängste längst nicht überwunden sind. 

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erstellt am 06.Mai.2016 | 12:00 Uhr

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