Flucht, Vertreibung und Neuanfang: Ihre Geschichte : Erinnerungen an die Heimat

„Für uns Kinder war es ein ziemlich freies und wildes Leben“, resümiert Helmut Reinhold heute. Schule gab es nicht, der Vater war nicht da und die Mutter arbeitete in der Landwirtschaft.
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„Für uns Kinder war es ein ziemlich freies und wildes Leben“, resümiert Helmut Reinhold heute. Schule gab es nicht, der Vater war nicht da und die Mutter arbeitete in der Landwirtschaft.

Helmut Reinhold wurde aus dem Sudetenland vertrieben und musste seine Heimat, Lichten, verlassen. Erinnerungen bis heute wach

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10. Juni 2016, 00:00 Uhr

Das Sudetenland, in dem ich geboren wurde und bis zu meinem elften Lebensjahr gelebt habe, ist so ganz anders als das Land Mecklenburg, das nun meine Heimat geworden ist. Es hat ein mildes, angenehmes Klima im Sommer, keine rauhen Stürme, dafür aber öfter kräftige Gewitter mit verheerenden Wassermassen, die große Schäden auf den Feldern anrichten konnten.

Das Örtchen Lichten lag im Kreis Freudenthal. Politisch gesehen gehörte es 1934 zur Tschechoslowakischen Republik. Es war ein sehr langes Dorf, zog sich sieben Kilometer im Tal am Bach entlang und hatte 2000 Einwohner. Mein Vater baute sein Haus in der Dorfmitte, könnte man sagen. Auf dem Hof hielten wir Ziegen, Hühner und Gänse. Jedes Jahr wurde auch ein Schwein gehalten und wenn es geschlachtet wurde, meist im Spätherbst, war immer viel los. Otto Bittmann hatten wir jedes Mal als Schlachter bestellt. Er machte es nebenberuflich. Dann wurde Blutgraupe gemacht, Leberfülle, Presswurst und Leberwurst. An diesem Schlachttag wurde gut gegessen und getrunken. Und so mancher Scherz gemacht. Wir, meine ältere Schwester Mariechen und ich, sollten immer das „Schwänzla“ halten, damit das Schwein beim Töten auch still hält. Ebenso mussten wir beim Blut auffangen behilflich sein. Es gab viel zu tun am Schlachttag, aber schön war es trotzdem. Auch in die Nachbarschaft wurde immer etwas Fleischsuppe, Blutgraupe oder Leberfülle gebracht. So war es Sitte.

An meine Einschulung kann ich mich nicht mehr entsinnen. Ich weiß nur, dass ich einen ganz tollen Schulranzen hatte. Auf dem Umschlag hatte er ein springendes Pferd mit Reiter – in Farbe. Ich war sehr stolz drauf. Darin steckte eine Schiefertafel mit einem Schwamm dran und einem Griffel zum Schreiben. So fing man 1940 eben an.

Von der Schule an sich gibt es nicht viel zu berichten, ich hatte nie Schwierigkeiten, immer ein gutes Zeugnis. Einmal stand jedenfalls: „Begabt, nur zu langsam“, das musste ich mir sehr lange anhören. Damals waren auch noch Stockschläge in der Schule üblich. Manchmal wurde sogar ein Schüler beauftragt, einen Stock mitzubringen, um damit die Mitschüler zu bestrafen. Wir suchten dann immer einen aus, der schon beim ersten oder zweiten Schlag durchbrach. So brauchte der Ärmste nicht all zu viele Schmerzen auszuhalten und wir haben uns einen gefeixt. Ja, mit der Bestrafung war das früher eine ganz andere Sache als heute.

Im Sommer und Herbst 1944 flogen schon öfter große Bomber-Verbände. Ihre Route führte immer über Jätendorf und Lichten. Wenn Fliegeralarm war, mussten sofort alle Schüler die Schule verlassen und die auswärtigen Schüler sogar die Stadt. Wir haben uns in Eile auf die Fahrräder geschwungen und sind in den Krotendorfer Wald gejagt. Die Räder haben wir unter die Büsche geworfen, damit man das Funkeln und Blitzen der Metall- und Chromteile vom Flugzeug aus nicht sehen konnte. Die Schule war dann natürlich für den Tag zu Ende. Gab es zuhause Fliegeralarm, habe ich mich oft vom Haus verdrückt. Am Schulberg habe ich mich unter die Bäume gelegt und versucht, die Flugzeuge zu zählen. Meine Mutter stand tausend Ängste aus, wo ich bloß geblieben war.

Gefährlich wurde es einmal im Sommer 1944. Es war ein Sonntag, wir waren mit Vater allein zu Hause. Eigentlich bestand Anordnung, bei Feindanflug immer die Keller aufzusuchen, aber in Lichten wurde das nie befolgt. Als also wiedermal feindliche Flugzeuge eine Welle nach der anderen bei herrlichem Sonnenschein über unser Dorf hinweg flogen, standen wir alle im Hof und schauten hinauf. Mariechen meinte, wenn die jetzt eine Bombe werfen, würden sie uns genau treffen. Sie hatte es noch nicht richtig ausgesprochen, da gab es ein Heulen, ein Krachen und ohrenbetäubenden Lärm. Vater schnappte sich meine Geschwister Elsi und Walter. So schnell wie an diesem Tag sind wir noch nie in den Keller gekommen. Als Vater nochmal hoch ging, um die Fenster zu öffnen – damit sie durch den Luftdruck nicht kaputt gingen – sah er schon, dass auf der gegenüberliegenden Seite der Straße die Bomben niedergegangen waren. Wir hatten fürchterliche Angst, ob noch mehr kommen würden. Dies war zum Glück der einzige Angriff, den Lichten erlebt hat. Ob sie wirklich was treffen wollten oder ob es nur ein Notabwurf war, wissen wir nicht.

Ab Ende Februar 1945 hatten wir keine Schule mehr. Wenn irgendwie möglich zog ich mit Freunden durch Feld und Wald. Einmal waren wir unterwegs, es war ein recht schöner Tag, als wir starken Rauch Richtung Oberdorf entdeckten. Unser erster Gedanke: da muss ein feindliches Flugzeug abgestürzt oder abgeschossen worden sein. So beschlossen wir, uns anzuschleichen und wenn möglich die Besatzung gefangen zu nehmen (wir hatten einfach keine Vorstellung). Unsere „Bewaffnung“ bestand aus Knüppeln und Steinen. Wir wollten die Feinde überrumpeln und ihren Schreck ausnutzen. Wir waren ganz schön aufgeregt. Aber was sahen wir, als wir dicht dran waren? Ein Bauer verbrannte am Waldrand altes Zeug. Gestrüpp und dergleichen. Nichts mit Flugzeug. Später und auch heute noch muss ich über diese Episode schmunzeln...

Helmut Reinhold und seine Familie mussten schließlich im März 1945 auf der Flucht vor den Russen ihre Heimat verlassen. Zunächst nur für ein paar Wochen, dann kehrten sie zurück. Im September 1945 dann für immer. Zu Fuß, auf Pferdewagen und sogar Kohlewaggons wurde die Familie zum Ernteeinsatz in die Tschechei transportiert. Aus vier Wochen wurde dort ein Jahr, bevor die Familie nach der Unterbringung in verschiedenen Lagern und in einer selbst zusammengebauten Hütte aus Pflöcken und Fichtenreisig schließlich in Wismar landete. Dort wagten sie ihren Start in ein neues Leben als Mecklenburger im April 1947.

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