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Boizenburg : „Eine Zierde der Stadt“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Synagoge, Logenhaus, Museum: Haus in der Boizenburger Kleinen Wallstraße hatte in seiner Geschichte vielfältige Nutzungen

Dem Besucher der Stadt Boizenburg fällt beim Gang über den Wall ein Haus auf, das sich durch seine Größe und Fassade von den anderen alten Bauten am Wallgraben unterscheidet und Anlass zu Fragen gibt. Es wurde 1799 als Synagoge erbaut.

Bereits Mitte des 18. Jahrhunderts wurden Juden als Mitglieder des Boizenburger Hackamtes, der Gilde der Kaufleute und Gewerbetreibenden, aufgenommen. Sie durften in der Stadt „Handel und Wandel“ treiben, brauchten einen Schutzbrief und ein Privileg des mecklenburgischen Herzogs, späteren Großherzogs bzw. seines Ministeriums. Für den Schutzbrief und die Handelserlaubnis mussten Juden jährlich einen Geldbetrag an die herzogliche bzw. Großherzogliche Rentkammer zahlen. Im Jahre 1799 konnten die Mitglieder der Boizenburger jüdischen Gemeinde eine Synagoge als stattlichen Fachwerkbau in der Kleinen Wallstraße errichten lassen.

Im Jahre 1864 erhielten Vorder- und Rückseite des Gebäudes eine neue Fassade, hinter der das Fachwerk verschwand, aber noch an den Seiten zu sehen ist. Die umfangreichen Umbau-Arbeiten unterstützten der Großherzog mit 200 Talern und die Erbgroßherzogin mit 50 Talern. Über die feierliche Einweihung erschien im Wochenblatt für Boizenburg, Hagenow, Wittenburg und Umgebung Nr. 79 vom 1. Oktober 1864 folgender Bericht: „28. September. Gestern fand die Einweihung der hiesigen neu erbauten Synagoge statt. Das Gebäude, eine Zierde der Stadt, ist in neuem Styl erbaut, von innen und außen ein freundliches, seinem Zweck entsprechendes Gotteshaus. Nachmittags 3 Uhr bewegte sich der Festzug unter passender Musikbegleitung von dem Hause des Herren S. Lazarus durch einen Teil der Stadt. Vorauf gingen 4 kleine Mädchen, in deren Mitte ein Knabe, auf einem Kissen den Schlüssel zur Synagoge tragend, hieran schlossen sich die jungen Damen, alle weiß gekleidet, denen folgten die drei Bauwerkmeister, die Behörden der Stadt und des Amtes, der Landesrabbiner und die Träger der sehr schönen geschmückten Torarollen, diesen reihten sich die Damen, sämtliche Ehrengäste und viele Fremde, welche eigens zu dieser Feier hierhergekommen, in einem langen Zuge an. Den Schluss bildeten die Gemeindemitglieder...“

In den folgenden Jahren wurde die Boizenburger jüdische Gemeinde immer kleiner. 1892 hatte sie nur noch 19 Mitglieder und konnte die Synagoge nicht mehr unterhalten. Am 18. Februar 1892 wurde das stattliche Haus an die am 5. November 1822 gegründete Freimaurerloge „Vesta zu den drei Türmen“ verkauft. Der Boizenburger Arzt und Ehrenbürger Dr. Johann Richter (1790-1866) gehörte zu den Gründungsmitgliedern und wurde 1829 zum „Meister vom Stuhl“ gewählt. 31 Jahre übte er das Amt des Logenmeisters aus. Das hundertjährige Bestehen der Boizenburger Loge wurde im Jahr 1922 gebührend gefeiert. Der Magistrat der Stadt würdigte das Wirken der Loge, die damals 62 Mitglieder hatte.

Die Nationalsozialisten ließen das Logenhaus 1934 schließen, den Inhalt beschlagnahmen und nach Schwerin transportieren. Danach stand das denkmalgeschützte Gebäude leer. Auf Initiative heimatgeschichtlich interessierter Lehrer und einiger Mitglieder des Kunstvereins konnte darin am 29. September 1935 das Boizenburger Heimatmuseum eröffnet werden. Ende des 2. Weltkrieges wurde das Museumsgut ausgelagert.

Erst im Jahre 1958 konnte das Heimatmuseum an gleicher Stelle im Haus in der Kleinen Wallstraße 7 wieder eröffnet werden und blieb dort bis zum Jahre 1980. Danach nutzte das „Musik-Unterrichtskabinett“ bis Ende Mai 1991 das Haus, in dem sich auch der Kinderchor „Elbspatzen“ zum Üben traf.

Seit Oktober 1993 gehörte das Gebäude, an dem der Zahn der Zeit sichtbare Spuren hinterlassen hatte, wieder den Freimaurern, die es schließlich zum Kauf anboten. Jetzt hat das Haus einen neuen Nutzer. Im Oktober 2015 feierte die „Guru Ram Das Aquarian Academy“ darin ihre Einweihung. Durch die neue Nutzung ist der Erhalt dieses geschichtsträchtigen Gebäudes gesichert. 

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