Flucht, Vertreibung, Neuanfang : Eine Zeit voller Angst und Schrecken

Günter Radtke (l.) mit seiner Mutter Anna und den Geschwistern Karl-Heinz, Bienchen und Bärbel
Günter Radtke (l.) mit seiner Mutter Anna und den Geschwistern Karl-Heinz, Bienchen und Bärbel

Günter Radtke aus Sülstorf erlebte als Achtjähriger den Irrsinn der Flucht, die Trennung von der Mutter und ein kleines Wunder

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23. Juni 2017, 14:04 Uhr

„Bubi, ich glaube, morgen früh müssen wir auch flüchten.“ Diesen Satz hörte der achtjährige Günter an diesem Morgen im Januar 1945 von seiner Mutter Anna. Auf der Straße reihten sich schon die Treckwagen, und die Mutter packte Lebensmittel und Kleidung. Am nächsten Morgen ging es in aller Frühe los. „Draußen war es bitter kalt an diesem 17. Januar, es waren wohl unter minus 30 Grad Celsius“, erinnert sich Günter Radtke. Er und die drei Geschwister saßen warm in Decken eingepackt, als die ungefähr 20 Wagen das Dorf in Westpreußen verließen. Immer wieder gab es Streit in der Kolonne, woraufhin eine Nachbarin der Mutter vorschlug, den Treck zu verlassen. Ihr Schwiegervater wohnte in der Nähe, dorthin wollten sich die Frauen durchschlagen.

Am späten Abend erreichten sie den Hof. Doch die erhoffte Zuflucht gab es hier nicht mehr. „Wir hatten uns um Mitternacht gerade zur Ruhe gelegt, da hörten wir Maschinengewehrfeuer und fremde Stimmen. Die Russen waren im Siegesrausch. Sie wollten von uns Wodka und Brot. Die Frauen mussten in die Küche, um Essen zuzubereiten. Opa Karau musste Kartoffeln schälen und wurde dabei schikaniert. Am Morgen erfuhren wir, dass er sich im Schafstall mit seinem Jagdgewehr erschossen hat“, schreibt Günter Radtke.

Die nächsten Tage vergingen in Anspannung und Angst. Nachts schrien die Kinder, wenn die Soldaten nach ihren Müttern suchten. Die Frauen wurden zum Verhör in die Kommandantur abgeholt und mussten von dort den kilometerlangen Rückweg zum Hof bewältigen. Dort angekommen, hegten sie einen verzweifelten Plan: Zusammen mit ihren Kindern wollten sie sich im See ertränken. Zu furchtbar waren die Schikanen, zu groß die Hoffnungslosigkeit, zu ungewiss das weitere Schicksal. Günter Radtke kommen noch heute die Tränen, wenn er daran denkt, wie die Kinder nichtsahnend ihre Mütter in der Dunkelheit zum See begleiteten. Die jungen Frauen schlugen ein Loch ins Eis – und begannen zu weinen. Der letzte Ausweg erschien jetzt doch zu schrecklich, sie kehrten wieder um und stellten sich dem Leben und den täglichen Gefahren. Günter Radtke hat diese Nacht nie vergessen.

Ihr sollten viele weitere schlimme Tage und Wochen folgen. Anfang März mussten alle Deutschen wieder zurück in ihre Heimatorte, so auch Radtkes. Anna Radtke ging den ganzen Tag in einer Bauernwirtschaft arbeiten und brachte dann abends etwas zu essen mit. Doch auch dieser fragile Alltag zerbrach: Anfang Mai pferchten die Polen Kinder und Mütter auf Kastenwagen und brachten sie nach Bromberg, das heutige Bydgoszcz. Radtke schätzt, dass etwa 200 Frauen hier versammelt wurden. „Noch vor Mitternacht wurden dann alle kleinen Kinder bis zu drei Jahren auf Autos verladen und weggefahren. Darunter war auch unser Bienchen, meine jüngste Schwester“, erzählt er. Die Mütter wurden in ein Arbeitslager gebracht. Günter Radtke weiß noch genau, wie die „Großen“, also alle, die sechs Jahre und älter waren, in zwei ehemaligen HJ-Baracken sich selbst überlassen wurden: „Ich legte mich neben einen Pfeiler auf den Boden und fing an zu weinen. In der Baracke gab es keinen Betreuer. Zwei Frauen brachten am Vormittag einen Wäschekorb mit Brotstücken und am Nachmittag einen Kessel mit Grütze.“

Wenig später hatte es sich unter den Bauern herumgesprochen, dass man sich in der Baracke „Kinder holen könne“. Günters Schwester Bärbel fand die Aufmerksamkeit eines Polen, weigerte sich aber, ohne ihren Bruder mitzugehen. Der Mann brachte schließlich beide auf seinen Hof. „Wir wurden aber nicht wie angenommene Kinder behandelt, sondern verachtet, weil wir Deutsche waren“, schreibt Radtke.

Bruder und Schwester müssen den ganzen Tag Kühe hüten, wenn Günter etwas falsch macht, bekommt er Schläge mit der Peitsche. Der Bauer erzählt den Kindern, dass die Mutter tot sei. Wie sich herausstellt, ist das eine Lüge. Eines Tages fährt ein Wagen auf den Hof, in dem die Mutter und ein Pole namens Lukowsky sitzen. Dieser Lukowsky hatte früher als Knecht in Radtkes Heimatdorf Nieder-Strelitz gearbeitet. „Mein Vater behandelte die polnischen Knechte und Mägde immer gut“, erinnert sich Radtke, und Lukowsky hatte das nicht vergessen. Als sich die Polen deutsche Frauen zur Arbeit aus dem Lager holen dürfen, nimmt Lukowsky Anna Radtke mit auf seinen Hof. Jeden Sonntag fahren beide über die Dörfer, um sich nach deutschen Kindern zu erkundigen. Gleich heimholen kann die Mutter Bärbel und Günter nicht – der Bauer verlangt Geld. Doch sie schafft es, ihre Kinder zurückzubekommen, findet auch ihren Sohn Karl-Heinz in einem Krankenhaus und Bienchen in einer Adoptivfamilie.

Mutter und Kinder wohnen jetzt bei Lukowskys, wo sie es gut haben und Anna Radtke für Essen arbeitet. Doch außerhalb des Hofs nehmen die Schikanen kein Ende. „Manchmal musste unsere Mutter von der SS erschossene Polen und Juden, die in Massengräbern verscharrt wurden, wieder ausgraben und beerdigen. Sie und viele andere Frauen mussten alles das ausbaden, was die SS und die SA an der polnischen Bevölkerung angerichtet hatten“, schreibt Radtke.

Die Familie will nach Deutschland. Das ist nicht einfach, aber Lukowsky hilft wieder und schafft es, Papiere zu organisieren. Die Fahrt in Richtung Grenze wird noch einmal zur Zerreißprobe: „Viele haben diesen Transport nicht überlebt. Von etwa 120 blieben noch 100 Flüchtlinge übrig.“

Im Kreis Demmin endet die Zugfahrt. Um schnell aus dem Flüchtlingslager herauszukommen, schreibt die Mutter an alle Verwandten. Aus Thüringen kommt Hilfe von den Schwestern des Vaters. Allerdings werden die fünf jetzt wieder getrennt: Die Mutter mit den beiden Jüngsten kommt bei einer Tante unter, Bärbel und Günter bei zwei anderen. Wieder beginnen die Mühen des Alltags, bis die freudige Nachricht eintrifft: Der Vater lebt und kommt bald darauf aus russischer Gefangenschaft. Nun ist die Familie wieder zusammen und zieht kurze Zeit später nach Mecklenburg.

Katja Haescher

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