Kunst : Eine schwarz-weiße Wunderwelt

Die Zauberwelt der Märchen, von Johanna Beckmann mit der Papierschere eingefangen.
Die Zauberwelt der Märchen, von Johanna Beckmann mit der Papierschere eingefangen.

Die Künstlerin Johanna Beckmann schuf mit ihrer Schere kunstvolle, filigrane Motive – geprägt vom Jugendstil.

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15. Dezember 2017, 00:00 Uhr

Die Adventszeit ist heute oft die stressigste Zeit des Jahres: die Jagd nach Geschenken, randvoll mit Weihnachtsfeierterminen gefüllte Kalender, Kaufstress. Bildschirme und Plakate fordern „Kauf mich!“. Weihnachtsmusik und Jingle Bells, Merry Christmas... Wo ist sie hin, die ruhige Zeit der Besinnung, des Plätzchenbackens und der Märchen? Stopp, es wird nicht gejammert. Denn in vielen Familien werden gerade jetzt zur Weihnachtszeit die Bilderbücher hervorgeholt. Zu dem großen Fundus, den es auf diesem Gebiet gibt, gehören auch die Märchenbücher Johanna Beckmanns mit Reimen und kunstvoll gestalteten Scherenschnitten. Die Bücher mit den meisterhaften Arbeiten der Künstlerin sind zeitlos schön und ziehen auch heute noch kleine und große Leser in ihren Bann.

Johanna Beckmann erschuf mit ihrer Kunst des Scherenschnittes in über 30 Jahren eine schwarzweiße Wunderwelt. Besonders ihre Märchenbücher zeigen zauberhafte Kulissen, mit der Schere meisterhaft gestaltet, voller filigraner Kunst, wie sie kaum vorstellbar ist.

Die Künstlerin ist ein Naturtalent, 1868 auf dem väterlichen Gut Butterholz bei Brüssow in der Uckermark geboren, bekommt sie von ihrer Tante als kleines Mädchen eine Schere geschenkt. Die Tante zeigt ihr erste Schnitte, das kleine Mädchen ist begeistert. Diese Schere wird sie hüten wie ein Amulett. Johanna Beckmann wächst in Burg Stargard auf. Das Mädchen läuft mit offenen Augen durch die Natur, beobachtet Pflanzen und Tiere, zeichnet und schneidet, versucht die Stimmungen in der Natur, die Feinheiten von Pflanzen und Tieren auf Papier zu bannen. Sie weiß, dass sie Künstlerin werden will. Am 1.April 1886 geht die junge Frau nach Berlin. Unabhängig, ohne finanzielle Unterstützung, schreibt sie sich an der Unterrichtsanstalt des Königlichen Kunstgewerbemuseums ein, wechselt dann an die Königliche Kunstschule, macht dort ihren Abschluss und studiert an der Zeichenschule des Lette-Vereins, um den Beruf der Zeichenlehrerin zu erlernen. Der Beruf soll lediglich ihre künstlerischen Ambitionen finanziell absichern. Nach einem Jahr als Lehrerin in Stettin kehrt sie nach Berlin zurück und besucht die Eliteklasse des Königlichen Kunstgewerbemuseums. Hier begegnet sie Professor Kips, dem ihre meisterhaften Scherenschnitte auffallen. Kips ist künstlerischer Direktor der Königlichen Porzellanmanufaktur (KPM) und überzeugt sie, für ihn zu arbeiten. Ab 1891 entwirft die Künstlerin Motive für die Serien der Manufaktur, entdeckt dabei den Jugendstil für sich. Es sind Vasen und Tellerdekorentwürfe aus der Zeit um 1897 von ihr erhalten. 1895/96 zeigt sie ihre Scherenschnitte in Ausstellungen in Berlin, Hamburg, Dresden und Karlsruhe. Johanna Beckmann zeichnet und schneidet für „Die Gartenwelt“ und für gärtnerische Fachbücher. Sie entwickelt eine eigene, dem Jugendstil nahestehende Schrift, mit der sie auch ihre ersten, 1905/06 erscheinenden Bücher ausstattet. Johanna Beckmann wird bekannt, kann ihr Leben als freie Künstlerin finanziell selbst gestalten. 1907 veröffentlicht sie ihr erstes Märchenbuch „Sternlein. Märchen in Prosa“, zwei Jahre später „Andersen Märchen“. Die Künstlerin erlebt ihren Schaffenshöhepunkt. 1910 verlegt der Stiftungsverlag in Potsdam „Vom ZufriedenWerden“, für sie später ihr kreativstes Werk. Der Verlag wird ihr ein künstlerisches Zuhause bis zu ihrem Tod bieten. Ein Jahr später erscheint ein Lehrbuch für den Scherenschnitt. Johanna Beckmann erkrankt an einem Augenleiden. Krankenhausaufenthalte mehren sich, sie gibt ihre Arbeit an der KPM auf, ist viel in Burg Stargard, schneidet, zeichnet, trotz Verbots der Ärzte. Ihre bedeutendsten Bücher entstehen: „Deutsche Märchen“, zwei dünne Bände, zauberhaft gestaltet. Rotkäppchen, Hänsel und Gretel, der Froschkönig tummeln sich darin. Alles filigran geschnitten, voll liebevoller Details, mal im späten Jugendstil, doch die Arbeiten zeigen ihre eigene Kunst. Auch die Verse, die die Bilder begleiten, stammen aus ihrer Feder. Johanna Beckmann hat nicht die Größe als Dichterin, doch die Verse sprechen an, besonders Kinder.

Mit dem Ende des Ersten Weltkriegs ändert sich der Zeitgeschmack. Beckmann geht aber keine neuen Wege in ihrer Kunst, schneidet weiter die Idylle und Naturtreue in ihr Papier. Das Buch „Pflanzenleben“ wird allerdings noch einmal ein Erfolg, ihr Augenlicht immer schwächer. Sie spürt das Vergessen, lebt in ärmlichen Verhältnissen, wird von vielen Leuten belächelt, gilt als Einzelgängerin. Doch die Stargarder Kinder lieben sie, stehen der „Mutter Hex“ Modell. Nach 1933 werden ihre Bücher nahezu unverkäuflich. Die neue, laute, bald grausame Zeit kann mit den grazilen, zärtlichen, friedlichen Figuren nichts anfangen. Am 8. Februar 1941 stirbt die Künstlerin einsam in Berlin. Ihre letzte Ruhestätte findet sie auf dem Friedhof in Burg Stargard.

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