Erinnerungen an Nachwächter : Eine ominöse „Schwarzwalduhr“

Barbara Militzer zeigt das Horn, das der Gielower Nachtwächter einst bei sich trug.  Fotos: Gräfe
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Barbara Militzer zeigt das Horn, das der Gielower Nachtwächter einst bei sich trug. Fotos: Gräfe

In der Gemeinde Gielow erinnern ein Horn und eine eigentümliche Uhr an die Ära der heute verschwundenen Nachtwächter

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08. März 2016, 09:07 Uhr

Nein, nein, ein Tresor der Marke „Franz Jäger, Berlin“ war es zwar nicht. Doch auch der verrammelte Stahlkasten im vormaligen Rat der Gemeinde Gielow hatte es mächtig gewaltig in sich. Aber das kultige Klamauk-Trio um Egon Olsen musste deshalb nicht extra aus Däne-mark anreisen. Gielows ABM-Kräfte knackten das Ungetüm selbst.

Doch keine „Mäuse“ rieselten heraus. Nur eine schwere, runde, in Leder gehüllte Messing-Uhr lag einsam, und dies scheinbar schon seit Jahrzehnten, im Inneren des ansonsten gähnend leeren Tresors.

Doch eben diese Uhr entpuppte sich dann doch noch als wahrer Schatz der Heimatgeschichte, wie Barbara Militzer als Chefin der Heimatstube freudig berichtet. Immerhin ist es eine originale Schwarzwalduhr. Allerdings keine für die Wand und keine mit einem stündlich aus ihr herausschnellenden Kuckuck. Beim Gielower Fund handelt es sich um eine mechanische Kontrolluhr, wie sie bis in die 1980er Jahre hinein die Wächter von Einrichtungen und Betrieben, aber auch von Städten und Dörfern auf ihren Rundgängen benutzten und dabei an Kontrollstellen die Zeit „stachen“. Doch die Gielower Uhr ist viel älter. „J. Bürk Original“ steht auf ihr eingraviert und dazu die eingestanzte Nummer 737. Gielows Vereins-Museologen haben nachgeforscht: Die Kontrolluhr wurde in der Firma von Johannes Bürk in Schwenningen gefertigt, und das kurz nach 1883. Gielows Nachtwächter haben sie auf ihren nächtlichen Gängen durch das Dorf getragen. Zuerst Fritz Seemann, dann Wilhelm Schulz. Und die beiden trugen dazu auch noch ein riesiges Horn. Wenn es brannte, stießen sie in dieses hinein. Auch dieses Nachtwächterhorn hat überdauert. Der Enkel des letzten Nachtwächters Schulz hat es aufbewahrt und der „Heimatstuf“ im alten Schulhaus als Leihgabe zur Verfügung gestellt. „1830“ steht auf dem Horn, welches in jenem Jahr wohl ein örtlicher Handwerker aus Kupferblech gefertigt hat.

Dem Uhrmachermeister in Schwaan hätten vor Freude die Augen getränt, als er den Zeitmesser vorgelegt bekam. Der Ehrgeiz des Handwerkers war geweckt. Die Uhr wurde gereinigt und geputzt. Und das mit Erfolg: „Sie tickt noch heute“, sagt Barbara Militzer. Nur der umlaufende Papierstreifen, auf dem die ordnungsgemäßen Kontrollgänge des Nachtwächters „abgespeichert“ wurden, war nicht mehr zu retten. Des Abends begann der Nachtwächter als Gemeindediener seinen täglichen Dienst.

Aber er arbeitete nicht nur nachts. Er rief auch amtliche Bekanntmachungen und Ereignisse aus, hob Gruben für die Toten aus, läutete die Glocke und trieb Pachtgelder ein. Noch in den späten 1940er Jahren ging Wilhelm Schulz dazu mit Horn und Uhr herum. Gemeindediener Wilhelm Bohnenstedt nahm in den 1950er Jahren eine Glocke zum Ausrufen mit. Die Uhr verschwand im Tresor des Gemeindebüros, der Nachtwächter unwiederbringlich aus dem Ortsbild.

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