Geschichte MV : Eine musikalische Ansichtskarte

Musik und Tanz spielten während der Sommerfrische eine wichtige Rolle. Repro: strack
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Musik und Tanz spielten während der Sommerfrische eine wichtige Rolle. Repro: strack

Iwan Müller gehörte zu den Sommergästen an der Ostsee und widmete dem Großherzog eine Komposition

Spritzig, witzig, leichtfüßig, fast süditalienisch, klingt das neue Stück, ein Duo Concertante, welches Jahrhunderte lang als verschollen galt. Die Adresse: An den Landesvater von Mecklenburg. Absender: Müller, Iwan. Iwan Müller? Nie gehört. Völlig unbekannt. Aber das Musikstück liegt vor uns und es klingt spritzig, witzig.

Die Suche nach Spuren dieses Iwan Müller beginnt im Gästeverzeichnis der Sommerresidenz des Großherzogs Friedrich Franz I. (1756-1837) aus dem Jahr 1824: Dort ist Müller unter den 100 eingetroffenen Gästen der Sommersaison zu finden, an „einem Ort, so schön wie Musik“, in seinem ersten Quartier im „Lindenhof“. Die nächste Spur findet sich im „Ludwigsluster Diarium“, der Konzertchronik der Mecklenburg-Schweriner Hofkonzerte. Darin ist zu lesen, dass Iwan Müller im Sommer zwischen Juli und September zahlreiche Konzerte gab. Ein außerordentlich erfolgreiches als Eröffnungsveranstaltung ausgewiesenes im Juli auf dem Kamp aus Anlass des großen Festes der Dobberaner Landleute – der Ort wurde damals noch mit einem doppelten „b“ geschrieben.

Iwan Müller ist Solist und gastiert dort mit den Klarinettenkonzerten von Wolfgang Amadeus Mozart und Carl Maria von Weber. Vermerkt ist weiterhin, dass der Stargast mit dem Hornisten und Hofmusikus Carl Friedrich Bode in jeder Woche ein Kammerkonzert im Ovalen Saal des Palais am Kamp gab.

Eine weitere Spur: Noch während des Sommers ließ Iwan Müller 1824 das sehr beliebte Duo Concertante, mit dem er in Dobberan so großen Beifall und Erfolg errang, in dem berühmten Mailänder Musikverlag bei Giovanni Ricordi drucken. Das Deckblatt ist mit dem Zusatz „Souvenir de Dobberan 1824“ und einer Widmung für den Großherzog Friedrich Franz I. versehen.

Und es gibt noch einen Anhaltspunkt im Gästeverzeichnis: Iwan Müller zieht Ende August vom Lindenhof an den Heiligen Damm um. Dort bewohnt er bis zu seiner Abreise das Feriendomizil von Herrn Hofsänger Johann Wilhelm Wöhler. Es muss ihm sehr gefallen haben, denn er ist einer der letzten Sommergäste, die Anfang Oktober die Sommerresidenz des Großherzogs verlassen.

Trotzdem: All diese Spuren des musizierenden Gastes verraten noch nichts über den Menschen Iwan Müller. Ein Vermerk findet sich in der „Neuen Zeitschrift für Musik“, die der Komponist und Autor Robert Schumann in Leipzig herausgab. Dort wird ein ausgezeichneter Klarinettist, der mit dem Gewandhausorchester Leipzig unter der Stabführung von Felix Mendelssohn Bartholdy musizierte, in den höchsten Tönen gepriesen.

Und endlich, wir entdecken einige, wenn auch spärliche Lebensdaten: Iwan Müller wurde am 3. Dezember 1786 in Reval, dem heutigen Tallinn, geboren. Sein Talent auf der Klarinette wurde so frühzeitig von den Eltern gefördert, dass er mit nur 19 Jahren bereits Kammermusiker am St. Petersburger Hof werden konnte. Von dort aus zog er drei Jahre später nach Paris, um eine Instrumentenfabrik zu eröffnen. Nach etlichen Versuchen, die Klarinettentechnik mit abschließender Klappenmechanik zu verbessern, stellte er 1812 ein neuartiges Instrument mit 13 luftdichten Klappen vor, das ihn dank seines meisterhaften Spiels in die erste Reihe der Klarinettensolisten Europas stellte.

Der Klang der neuen Klarinette war rein und wundervoll tönend, klangfarbenreich. Jedoch beides, Solist und Instrumentenbauer zu sein, war auf Dauer nicht haltbar, die Fabrik ging bankrott und Iwan Müller auf Konzerttour durch Europa. 1820 zog es ihn wieder nach Russland, 1823 bleibt er in Berlin. Hier konzertiert er im Theaterorchester und ist Gast bei den Sonntagsmusiken der Familie Mendelssohn Bartholdy. Von hier aus reist er nach Dobberan, und er weiß, dass er mit seinem Ruf als gefeierter Solist auf einem hochmodernen Instrument ein interessiertes Publikum erfreut. Noch heute gilt Iwan Müller als Erfinder der modernen Altklarinette.

Quer durch Europa zieht der Musiker – am Strand vom Heiligen Damm gefällt es ihm besonders gut wie er in einem der wenigen erhalten gebliebenen Briefe schreibt, „das seltsam klare Licht, die ausnehmend anregende Luft, die schönen, tiefgrünen Farben zwischen Conventer Niederung und am Weg von Dobberan zum Damm…“ Mit dem „Souvenir de Dobberan“ komponierte Iwan Müller eine der ersten musikalischen Ansichtskarten aus unserem Land.

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