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Flucht, Vertreibung, Neuanfang : Eine Kindheit im Birkenhaus

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Annemarie Telschow berichtet von der Aufnahme elternloser Mädchen und Jungen ins Kinderheim

svz.de von
erstellt am 05.Feb.2017 | 00:00 Uhr

„Das bin doch ich!“ Als Annemarie Telschow aus Kothendorf in der vergangenen Woche einen Blick in die SVZ warf, erlebte sie eine Überraschung. In einem Bericht über das Kinderheim Birkenhaus in Schwerin entdeckte sie auf dem Foto sich selbst – Auslöser einer Flut von Erinnerungen. „Ich bin in dem Kinderheim aufgewachsen“, erzählt die 78-Jährige, die 1938 in der Nähe der Oder geboren wurde. Ihr Heimatort befand sich in den Seelower Höhen, wo die Rote Armee im April 1945 die „Berliner Operation“ mit ihrer Schlussoffensive begann – es war die größte Schlacht des Zweiten Weltkriegs auf deutschem Boden.

Annemarie Telschow und ihre Familie flüchteten nach Mecklenburg. Die Mutter, Oma, eine Tante und zwei jüngere Schwestern, zwei und vier Jahre alt. Als die Familie bei Gadebusch Rast machte, wurde die Tante krank. „Oma ließ uns nicht mehr in ihre Nähe. Heute, als ausgebildete Krankenschwester, denke ich, dass es wohl Typhus oder Ruhr gewesen sein wird“, kann Annemarie Telschow nur mutmaßen. Denn ihr blieb niemand, um später über diese Zeit zu reden: In den folgenden Tagen verlor sie fast die ganze Familie. „Tante Hedwig starb noch im Leiterwagen. Dann Oma. Und plötzlich war meine Mutter nicht mehr da“, erzählt Annemarie Telschow. Die Mutter war nach Gadebusch ins Schloss gebracht worden, wo Typhuskranke versorgt wurden. Die drei kleinen Mädchen waren auf sich allein gestellt. Sie hielten sich in der Umgebung des Schlosses auf, versuchten in Gärten Johannisbeeren und Augustäpfel zu pflücken. „Aber wir wurden von den Bauern fortgejagt.“ Im Schloss teilten sowjetische Soldaten an die Schwestern jeden Mittag etwas Eintopf aus. Dann starb die Mutter. „Ob wir geweint haben? Ich weiß es nicht mehr“, sagt Annemarie Telschow. „Tod und Verderben waren damals um uns herum, wir kannten es gar nicht anders.“ Eine Frau begleitete die Kinder auf der Zugfahrt nach Schwerin ins Kinderheim. Im „Birkenhaus“ ging es damals vielen Mädchen und Jungen wie Annemarie Telschow: Sie hatten ihre Eltern verloren oder waren in der chaotischen Nachkriegszeit von ihren Verwandten getrennt worden. „Es gab Babys und Kleinkinder, die gefunden wurden, regelrecht an Feldrändern. Sie bekamen bei ihrer Ankunft im Heim einen Namen. Das Alter wurde geschätzt, der Tag der Aufnahme als Geburtstag eingetragen“, weiß die Zeitzeugin.

Die Jahre mit den Eltern verblassten. Wenn Annemarie Telschow heute an die Zeit im Heim denkt, sagt sie: „Wir haben nie gehungert, hatten immer anzuziehen, die Feiertage wurden gefeiert.“ Sieht die 78-Jährige auf dem alten Foto Schwester Marie Albrecht, spürt sie Dankbarkeit. „Wir haben im Heim viel gelernt.“ Annemarie Telschow gehörte zu den Kindern, die besonders lange im Birkenhaus blieben. „Die Älteren kamen später ins Demmlerheim. Aber da ich Krankenschwester werden wollte und bald in die Lehre gehen sollte, blieb ich.“ Zwischen dem 16. und 18. Geburtstag war das Mädchen sogar als Pflegerin angestellt.

Die heute 78-Jährige glaubt auch zu wissen, wie das Foto entstand. „Es waren regelmäßig Fotografen da. Die Bilder wurden in der Wochenschau gezeigt – mit dem Anliegen, dass sich Angehörige meldeten.“ In der Folgezeit kamen auch viele Kinder ins Heim, die keine Waisen waren – es waren die Kinder alleinstehender oder verwitweter Frauen, die von ihren Müttern nicht betreut werden konnten. Denn die Frauen mussten arbeiten, um den Lebensunterhalt zu sichern.

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