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Lager Nesow : Eine katholische Gemeinde entsteht

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Durchgangsstation und neue Bleibe: Im Lager Nesow bei Rehna kamen 1946 rund 2000 Menschen aus dem Sudetenland an

svz.de von
erstellt am 21.Jul.2017 | 13:38 Uhr

Das Erstkommunionsbuch der katholischen Gemeinde Rehna beginnt im Jahr 1947. Wenn Pfarrer Ferdinand Zerhusen in der Spalte mit der Überschrift „Wohnort“ nachschaut, liest er immer wieder „Lager Nesow“. Hier, an der Bahnstrecke zwischen Gadebusch und Rehna, begann die Geschichte der Kirchgemeinde „St. Marien“ – mit den Menschen, die an diesem Platz im Jahr 1946 aus den Zügen stiegen.

Es war am 10. Juli 1946, als der erste aus dem Sudetenland kommende Zug in dem wenige Kilometer von Rehna entfernten Lager hielt. Bis zum 20. September folgten mindestens sechs weitere. Im letzten Zug kam Elisabeth Hille mit Mutter und Geschwistern aus dem böhmischen Leitmeritz in Nesow an. Die heute 71-Jährige war damals ein halbes Jahr alt und ist bewegt von der Stärke und dem Optimismus ihrer Mutter: „Wie die Muddel mich überhaupt bis hierher bekommen hat, ist ein Wunder“, sagt sie rückblickend.

Das Lager – völlig provisorisch. Die erste Unterkunft der Familie waren Erdbunker, die zuvor von sowjetischen Soldaten genutzt worden waren. Dafür hatten diese auf dem Feld Gräben ausgehoben, die mit einem Dach bedeckt wurden – Kälte, Nässe und Ungeziefer plagten die Menschen. „Im Winter sollen die Wände morgens Eis gewesen sein“, sagt Elisabeth Hille. Und es galt, einen ganzen Winter zu überstehen, bis die letzten Lagerbewohner im Frühjahr 1947 in Holzbaracken umziehen konnten.

Da es in den umliegenden Dörfern und Städten zu diesem Zeitpunkt kaum einen Quadratmeter freien Wohnraum gab und im Lager keine weiteren Züge eintrafen, wurde Nesow für die Familie von Elisabeth Hille nicht Durchgangsstation, sondern neue Bleibe: „Fast 20 Jahre habe ich dort gewohnt“, sagt die Rehnaerin. Auch andere der zuletzt Eingetroffenen werden von hier aus nicht mehr weitergeschickt. So leben in „Nesow-Wald“ zeitweise rund 100 Menschen – wie in einem kleinen sudetendeutschen Dorf. „Wir haben auch sudetendeutsch gesprochen“, erinnert sich Elisabeth Hille, die diese Mundart bis heute beherrscht.

Neben der Sprache brachten die Vertriebenen ihre Religion mit. Die Sudetendeutschen waren zum größten Teil katholisch, in Rehna allerdings gab es damals keinen katholischen Gottesdienst. Die einzigen Katholiken in der Stadt waren polnische Fremdarbeiter. Die Sehnsucht nach einer eigenen Andacht war groß. In der Stadtkirche von Rehna feierten die Sudetendeutschen die erste Heilige Messe. „Die evangelische Gemeinde hat damals großzügig ihr Gotteshaus geöffnet“, weiß Pfarrer Zerhusen. Doch schnell war auch klar, dass die Neuankömmlinge bleiben würden und eine eigene Kirche brauchten.

Schließlich fand im Kapitelsaal des Klosters am 1. Mai 1947 ein katholischer Gottesdienst statt. Auch im Lager Nesow gab es eine Baracke, in der regelmäßig Gottesdienste gefeiert wurden. „Es war so etwas wie eine Kulturbaracke“, sagt Pfarrer Zerhusen, der in einem dicken Ordner umfangreiches Material zum Lager und viele Erinnerungen von Zeitzeugen zusammengetragen hat. Von dem Gefühl, nach dem Verlust der Heimat irgendwo in der Fremde – sozusagen im Gebüsch – aussteigen zu müssen, haben ihm die Menschen berichtet. Das Heimweh war groß. „Ein bissel Berge gibt es ja doch, hat meine Mutter manchmal angesichts der Endmoränenlandschaft hier um Rehna gesagt“, erzählt Elisabeth Hille. Sie erinnert sich aber auch an alte Menschen, die jahrelang auf gepackten Koffern saßen – in der Hoffnung, dass es bald wieder nach Hause gehen würde. „Meine Mutter dagegen hat immer nach vorn geschaut, das musste sie auch, um uns Kinder durchzubringen“, sagt die 71-Jährige. Der Beistand durch ihre Religion war für viele Menschen in diesen Jahren ein Stück Vertrautheit in der Fremde.

So erfolgte durch Flucht und Vertreibung nach 1945 ein Kulturtransfer, der Mecklenburg-Vorpommern bis heute prägt. Die Vertriebenen brachten andere Traditionen, handwerkliche Fähigkeiten und Kochgewohnheiten mit. Auch die Zahl von Menschen katholischen Glaubens stieg durch die Migration stark an.

In Rehna legten die Mitglieder der jungen katholischen Gemeinde 1966 den Grundstein für eine eigene Kirche, 1969 wurde das Gotteshaus geweiht. Heute zählt die Gemeinde, zu der neben Rehna Schönberg, Gadebusch und umliegende Dörfer gehören, rund 900 katholische Christen. Das gute Verhältnis zur evangelischen Gemeinde dauert bis heute an. Als Elisabeth Hille im vergangenen Jahr zu Pfarrer Zerhusen sagte: Jetzt sind wir 70 Jahre hier, nahm sich dieser des Themas an. Zusammen mit dem Pastor der evangelischen Kirchgemeinde Andreas Ortlieb entstand die Idee für ein Erinnerungszeichen an der Zufahrt zum einstigen Lager. Während eines ökumenischen Gottesdiensts wurden im vergangenen Jahr ein Gedenkstein und eine Informationstafel direkt an der B 104 aufgestellt. Große Unterstützung gab es von Amt und Bürgermeister.

Elisabeth Hille fährt heute häufiger zu dem Gedenkstein. Sie schneidet das Gras ringsherum ab und freut sich, dass immer ein paar Blumen liegen. Und einige Male ist es schon passiert, dass sie hier andere Menschen getroffen hat: Radfahrer, die absteigen, um die Tafel zu lesen oder Menschen, die gezielt hierhergekommen sind, weil sie das Schicksal von Flucht und Vertreibung teilen.

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