Handwerk aus Holz : Eine ganz solide Bettlerei

Bevor es an die Arbeit geht, lässt sich Peter Zimmer sein Frühstück am wunderbar gemaserten Tisch schmecken. Geschaffen hat er ihn mit eigenen Händen in der Bettlerei.
1 von 3
Bevor es an die Arbeit geht, lässt sich Peter Zimmer sein Frühstück am wunderbar gemaserten Tisch schmecken. Geschaffen hat er ihn mit eigenen Händen in der Bettlerei.

Der Schweriner Peter Zimmer baut mit einer eigenwilligen Holzbaumethode ungewöhnliche Kinderwiegen, Tische und Treppen

von
01. Dezember 2018, 00:00 Uhr

Peter Zimmer kann das Betteln nicht lassen. Mindestens einmal in der Woche verlässt er seine Unterkunft am Stadtrand von Schwerin. Ziel ist ein anderer Bettler, der auf dem Olgashof in der Nähe von Dorf Mecklenburg lebt. In dessen gut temperierter Werkstatt lässt es sich aushalten. Hier kann er das machen, was er gerne tut. Späne fliegen lassen. Herrlich duftende Holzspäne. Alsbald ertönt ein Brummen und Summen, Hämmern und Quetschen.

Peter Zimmer ist Bettler, was in diesem Fall auf eine solide Handwerkskunst verweist. Eine Holzbaumethode, die ohne Nägel, Schrauben und Dübel auskommt. Bei der alle Teile einzeln geformt und später zusammengesteckt werden – zu einer Kinderwiege, einem Ehebett, einem Küchentisch, einer Treppe...

Ein Aufbahrungssarg, den die Familie gleichzeitig als Truhe nutzt.
Anja Bölck
Ein Aufbahrungssarg, den die Familie gleichzeitig als Truhe nutzt.

Sicherlich gibt es auch in der Tischlerzunft alte Methoden, bei denen Holzelemente nur gesteckt werden. Aber die Bettlerei ist eine relativ neue Bauweise, die erst vor 30 Jahren entwickelt wurde. Was sie kennzeichnet, ist nach Peter Zimmers Worten eine gewisse Grobheit. „Während ein Tischler sehr sorgfältig arbeitet und auf jedes Maß achtet, liegt der Schwerpunkt bei der Bettlerei nicht auf dem technischen Detail. Man darf auch zwei linke Hände haben, muss nicht alles perfekt machen. Heißt: Die Stecktechnik ist auch für Laien geeignet, weil sie trotz ihrer Grobheit zur Funktionalität führt. Möbel lassen sich in kürzester Zeit auf- und abbauen. Und natürlich braucht es schweres Holz für diese Art von Wohnungseinrichtung, damit beispielsweise eine Babywiege nicht so leicht umkippen kann.“ Peter Zimmer gehört übrigens zu jenen Mannen, die die Bettlerei mit aus der Taufe gehoben haben. Er gab ihr sogar ihren Namen. Doch ein Schritt nach dem anderen. Ende der 1980er-Jahre bot ein gewisser Namensvetter, Wolfgang Zimmer, in seiner Bremer Bildhauerschule ein Aufbaustudium für Studenten der Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft in Bonn an.

An einer von ihm entwickelten neuen Baumethode sollten die jungen Leute weiter feilen. Den Architekturstudenten Peter Zimmer reizt das Unterfangen, ebenso zwei Bildhaueranwärter. Schon bald entsteht eine Reihe von Möbelformen, unter anderem eine Kinderwiege. Eines Tages gelangt eine dieser Wiegen, auf welchem Wege auch immer, nach Dresden. Kurz darauf zeigen sich etliche Elbstädter begeistert von der Bauweise. Die Sache schaukelt sich hoch und so beginnen Peter Zimmer und seine Kumpanen noch vor der Wende damit, Baukurse zu geben. Im Herbst 1989 zieht Peter Zimmer komplett nach Dresden und Ostern 1990 steht das einjährige Bauseminar in den Startlöchern. Neun Dresdner hängen extra ihren Beruf an den Nagel, um sich dieser neuen Möbelbaukunst zuzuwenden. Wie überall in Ostdeutschland dürstet es die Menschen nach Veränderung, sind sie zur Wendezeit offen für Neues.

Reibungslos verlängert sich das Bauseminar um ein praktisches Jahr, indem sich der Trupp in die komplette Innenraumgestaltung eines Radebeuler Waldorfkindergartens stürzt. Ungebremst geht es danach für Peter Zimmer und einige Männer mit dem Ausbau anderer Waldorfkindergärten weiter, die nun in Ostdeutschland wie Pilze aus dem Boden wachsen.

Massiver Hocker
Anja Bölck
Massiver Hocker

Auf einem Termin wird er von den Kleinen gefragt, wer er denn sei. „Ich bin Bettler“, behauptet er schmunzelnd und schiebt hinterher: „Weil ich Betten baue.“ Von da an wird die Bauart von allen „Bettlerei“ genannt.

Im Frühsommer 1992 zieht es Peter Zimmer und andere Mitstreiter nach Schwerin – ein Auftrag vom Waldorfkin-
dergarten winkt. Das verwunschene, am Stadtrand gelegene Gutsgelände Medewege weckt den Projektgeist in Peter Zimmer und in all den anderen Menschen, die sich nach und nach einfinden – Handwerker, Künstler, ein Gärtner, ein Landwirt. Peter Zimmer bleibt. Es ist der perfekte Ort, um Kinder aufwachsen zu sehen. Zwar tropft es überall von den Dächern. Aber für eine Werkstatt braucht es nicht viel und schlafen lässt sich auch in ihr. Mit Baukursen und Waldorfkindergarten-Einrichten verdient er fortan sein Brot und steckt es, wie all die anderen Nachbarn, die auch nicht viel auf der Kante haben, in die Entwicklung des Hofes und die Sanierung der Häuser.

Mehr und mehr interessiert sich Peter Zimmer als Architekt für die Bauprojekte, die den Biohof Medewege voranbringen. Der Übergang von der Arbeit in der Bettlerei-Werkstatt hin zur Planung und Durchführung der Sanierung der Gebäude vollzieht sich schleichend.

Heute ist Peter Zimmer Ansprechpartner für jene, die Kontakt zum Biohof Medewege suchen, die mehr erfahren wollen über das Rezept dieser erfolgreichen Hofgemeinschaft. Sein Tag ist gut gefüllt und viel Zeit verlangt die Arbeit vorm Rechner. Darum ist er froh, wenn er hin und wieder auf dem Olgashof die Späne fliegen lassen kann. Auf Anfrage gibt Peter Zimmer Interessierten Einpersonenkurse in der Bettlerei-Baukunst.

Wird Zeit, die Bettlerei-Technik und die über die Jahre entstandenen Möbelformen aufs Papier zu bringen und sie der Nachwelt ins Netz zu stellen, damit sie nicht im Nu in der Möbelgeschichte versinken. Daran hat Peter Zimmer auch schon gedacht. Wenn mal Luft ist, will er die Sache angehen.

Und was ist mit den Dresdnern? Bestehen da noch Kon-takte? „Oh ja“, lautet die Antwort. „Einige von ihnen schauen immer mal wieder auf unserem Hof vorbei. Aber nicht mehr, um zu arbeiten, sondern um hier Urlaub zu machen.“

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen