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Flucht, Vertreibung und Neuanfang: Ihre Geschichte : Eine Flucht, die nicht enden wollte

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Kurt Teichmeier schrieb 1945 Tagebuch: Auf 235 Seiten erzählt er vom Aufbruch in Kolberg, von großem Leid und dem schweren Versuch, Fuß zu fassen

Der 2. Weltkrieg ist in vollem Gange. Kurt Teichmeier bekommt nicht viel davon mit, aber er ist Feuer und Flamme. Wie alle in seinem Alter engagiert sich der 14-Jährige in der Hitlerjugend. Er ist wie benebelt von Hitlers Propaganda. In der Schule sitzt der Junge brav in der Bank und lauscht gebannt seinem Deutschlehrer, einem Offizier, der im 1. Weltkrieg gedient hat und jetzt, da verwundet, nicht eingezogen wurde. Der Mann liest den Kindern aus seinem Front-Tagebuch vor. Kurt Teichmeier, der das Schreiben liebt, beschließt, ihm nachzueifern. Im Januar 1945 beginnt er mit seinem eigenen Tagebuch. Es dauert nicht lange, da füllen sich die Blätter, die er in seine HJ-Uniform stopft, wie von selbst.

Die letzten Kriegstage sind angebrochen und Kurt Teichmeiers Heimatstadt Kolberg wächst durch die Flüchtlingsströme von 40 000 auf 80 000 Menschen an. Schon bald liegt die Stadt in Schutt und Asche, auch das Haus der Teichmeiers. Der junge Kurt wird vom Kriegschaos erfasst. Er lässt sich als Hitlerjunge „verheizen“. Holt Tote und Verletzte aus den Häusern, schießt mit einer Panzerfaust einen russischen Panzer ab und zittert danach am ganzen Leib. Am 17. März wollen sich noch einmal tausende Kolberger auf den Weg gen Westen machen. Auch die Teichmeiers sehen nun keinen Ausweg mehr. Doch sie kommen nicht mehr raus. Die russischen Truppen haben die Stadt eingekesselt. Da hat der junge Kurt eine Idee. Er zerrt seine Mutter und die zwei Geschwister zum Hafen. Dort legt gerade ein Fischkutter an. Die vier springen aufs Schiff, das sofort wieder ablegt. An Bord ist Kurts älterer Bruder Harry, ein Flüchtlingshelfer. Unter Beschuss und hohem Wellengang verlassen sie den Hafen. Vom Wasser aus sehen sie noch wie Kolberg brennt. „Dieses Bild hab ich noch heute vor Augen“, sagt Kurt Teichmeier und blättert in einem schwarzen Buch, auf dem „Tagebuch des Schreckens“ steht. In das Buch hat der 84-jährige Güstrower fein säuberlich alle Notizen aus jener Flucht-Zeit übertragen. 235 Seiten sind dabei zusammengekommen.
Auf einer davon steht auch, was geschieht, als die Familie in Swinemünde anlegt. Der Anblick, der sie erwartet, ist grausam. Im Hafen liegen Tote und Verwundete. Opfer des Luftangriffes, den es fünf Tage zuvor gegeben hatte. Die Teichmeiers werden von Rot-Kreuz-Helfern versorgt. Am nächsten Tag müssen sie die Notunterkunft verlassen. Ohne ein einziges Hab und Gut treffen sie am 21. März in Güstrow ein. Wo sie notdürftig im heutigen Kino untergebracht werden. Der kleine Bruder Peter (anderthalb Jahre) kommt sofort ins Krankenhaus. „Wir erfuhren, dass er an Hungertyphus leidet. Er war mehr tot als lebendig“, erinnert sich Kurt Teichmeier. „Ob er überlebt hat? Hat er. Aus ihm ist später ein strammer Kerl geworden.“ Zur Ruhe kommt die Familie noch lange nicht. Am 23. März holen sie Bauern mit Pferdefuhrwerken ab und verteilen die Flüchtlinge auf verschiedene Dörfer. Familie Teichmeier kommt nach Oldenstorf-Ausbau, 14 Kilometer von Güstrow entfernt. Ein Landwirt nimmt sich ihrer an, versorgt sie gut.

Vielleicht auch, weil er ein Auge auf Kurt Teichmeiers hübsche Mutter geworfen hat. Doch Chancen hat er nicht, auch wenn der Vater, von Beruf Soldat, verschollen bleibt. „Unsere Mutter war sehr fromm“, erinnert sich ihr zweitältester Sohn. „Sie hat immer versucht, uns auch so zu erziehen. Doch dadurch, dass wir in der Hitlerjugend waren, hatte sie schlechte Karten. Sie hat es nicht einfach mit uns gehabt.“ Kaum ist die Familie in Oldenstorf angekommen, schaut eine junge Ärztin vorbei. Sie bricht in Tränen aus, als sie die Flüchtlinge sieht. Vor ihr stehen Klappergestalten aus Haut und Knochen. Um die Läuse vom Kopf zu kriegen, waschen die Ankömmlinge ihre Haare mit Dieselöl. Ein paar Tage haben sie Ruhe. Als sich jedoch die Russen Güstrow nähern, beginnt die 2. Flucht. Der Bauer macht sich auf gen Westen.

Die Teichmeiers schließen sich ihm an. Doch sie schaffen es nicht rechtzeitig. Im Dorf Cambs bei Schwerin nimmt sie der Amerikaner in Empfang. Sie bekommen auf einem Acker einen Platz zugewiesen, werden versorgt mit Milch und Suppe. Alles verläuft ganz ruhig. Kurt Teichmeier streunt mit den anderen Jungs herum. Dabei sieht er, wie die Russen anrücken und die Amerikaner sie begrüßen. Der Schnaps fließt. „Innerhalb kürzester Zeit zogen sich die Amis zurück“, so Kurt Teichmeier. „Gleich in der ersten Nacht begannen die Plünderungen und Vergewaltigungen. Schlimm war das Geschrei.“ Ab nach Hause heißt es dann. Der Treck macht sich auf nach Oldenstorf. Dort verlassen gerade die polnischen Zwangsarbeiter den Hof. Im Haus ist alles zerschlagen, sämtliches Vieh geschlachtet. Das Gutshaus füllt sich mit 35 Flüchtlingen. „Wir haben uns dann langsam wieder hochgerappelt“, erzählt Kurt Teichmeier. „Bis zum 11. Mai 1945, als zwei Panjewagen auf unserem Hof einbogen. In der gleichen Nacht kamen die Russen wieder, um alles mitzunehmen, was nicht niet- und nagelfest war. Dieses Drama wiederholt sich bis Ende Juni fast jede Nacht. Frauen wurden vergewaltigt. Dann zog ein russischer Offizier in das Haus und es kehrte Ruhe ein.“ Wie geht es weiter mit den Teichmeiers? Kurz vor der Bodenreform im Oktober 1945 macht sich der Bauer auf gen Westen. Kurts Familie bleibt. Wenig später bereuen sie es. Am 1. Mai 1946 treten einheimische Neubauern in ihre Wohnung ein und sagen, sie sollen den Raum verlassen. Kurzerhand finden sie sich auf einem Pferdekarren wieder. In Klein Breese, ein paar Kilometer von Güstrow entfernt, müssen sie absteigen. Sie stehen auf verlassener Flur. Ein Vertreter des Dorfes kann ihnen nur einen Raum anbieten, aus dem sie die Ratten anstarren. Als sich ein Lumpenhaufen in Bewegung setzt und tausende Kakerlaken hervorkriechen, fällt Kurts Mutter in Ohnmacht.

Während sie im Krankenhaus liegt, schaut ein Vertre-ter vom Amt vorbei und sagt den Kindern, dass die Familie eine Siedlung nehmen müsse. Als Muttern wieder da ist, nehmen sie resigniert die Neubauernstelle an. „Wir hätten sonst das Dorf verlassen müssen“, erinnert sich Kurt Teichmeier. „Wir besaßen nun 10 Hektar Land und einen Stall. Hatten aber keine Geräte und kein Vieh. Bei den Einheimischen waren wir nicht gern gesehen. Wir hatten fürchterlichen Hunger. Meine Schwester rannte regelrecht bettelnd durchs Dorf.“ Erst 1947 erhalten sie eine Kuh, ein Schwein und ein paar Hühner. Sie schlachten das Schwein und werden verpfiffen, weil sie es ohne Anmeldung tun. Am nächsten Morgen erscheinen Polizisten. Sie nehmen der Familie alles Fleisch ab. Die Mutter muss für 14 Tage nach Bützow ins Gefängnis. Die Familie hat die Nase voll. Sie sagt zu, als ein Bauer ihre Siedlung übernehmen will.

Kurt Teichmeier lernt 1949 seine Frau kennen. Gemeinsam lassen sie sich in Güstrow nieder, wo er später als Berufsschullehrer arbeitet. Sieben Kinder ziehen die beiden groß. Kurt Teichmeier erzählt ihnen nicht von seinem Tagebuch. Erst nach der DDR-Zeit bricht er sein Schweigen.

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erstellt am 27.Mai.2016 | 16:08 Uhr

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